Zu Gast bei Ute Lemper "Ich bin sehr privilegiert"

Vor kurzem ist sie noch mal Mutter geworden - mit 48 Jahren. Trotzdem legt Chansonstar Ute Lemper keine Pause ein: Kommende Woche geht sie auf Deutschlandtournee - samt Baby. Ein Besuch bei der Exilantin in New York.

DPA

Von , New York


Ute Lemper lebt buchstäblich über den Dächern New Yorks. Erst geht es in einen klapprigen Aufzug, dann zu Fuß eine letzte Stiege hoch, in deren Knick ein Blumentopf steht. "Moment, bin gleich da", entschuldigt sie sich, bittet den Gast ins helle Wohnzimmer und verschwindet nach nebenan.

Durch die Fenster geht der Blick über die Terrasse auf ganz Manhattan: Central Park, Time Warner Center, das Empire State Building im Herbstdunst. Seit eineinhalb Jahren besitzt Lemper dieses Penthouse, als Refugium über dem Trubel der Upper West Side. Das Apartment im ersten Stock war zu klein geworden. Zumal ihre Familie jetzt noch mal gewachsen ist.

Lemper spricht im Nebenzimmer mit der Nanny. Sie ist gerade wieder Mutter geworden, zum vierten Mal, mit 48. Ihre zwei Ältesten Max und Stella sind bereits Teenager, Julian ist fünf und spielt längst mit der X-Box. Und nun also noch Jonas, das späte Kind.

Was nicht heißt, dass Ute Lemper eine Pause einlegt. Ein paar Auftritte musste sie im Sommer zwar absagen, aber Ende November geht sie wieder auf Deutschlandtournee. Jonas fliegt mit, zwischendurch bleibt er zehn Tage bei den Großeltern in Münster. "Die freuen sich", sagt Lemper und sinkt ins weiße Sofa.

Ute Lemper, der in Deutschland gerne der irreführende Titel "Musical-Star" verpasst wird, kommt auch fast drei Jahrzehnte nach ihrem ersten Durchbruch kaum zur Ruhe, privat wie professionell. Gut, sie ist sesshafter geworden, führt seit 1997 in New York ein ziemlich "residentielles Leben", wie sie es nennt, und hat auch endlich ihren langjährigen Freund Todd Turkisher geheiratet, einen Tag vor Jonas' Geburt. Doch ihre Musik treibt sie unverändert um, mit immer neuen Projekten und Gastspielen. Sie will, sie kann nicht kürzer treten.

Bis Ende 2012 ist die Chanteuse ausgebucht, trotz Baby. Nach der Deutschlandtournee - ein Tango-Repertoire, das sie unter anderem nach Baden-Baden, München, Bremen, Hannover, Berlin und Düsseldorf führen wird - geht's mit einem völlig anderen Programm durch die US-Konzertsäle, allen voran die Carnegie Hall und das Kennedy Center. "Ich bin sehr privilegiert, sehr dankbar", sagt Lemper. "Ich habe wirklich Glück gehabt, so eine Karriere zu haben."

Gespaltenes Verhältnis zu Deutschland

Eine Karriere, die viele in der alten Heimat ja nie so richtig verstanden haben. Denn Lemper passt nicht in die Klischees der gutdeutschen Unterhaltung.

Musicals machten sie einst berühmt: "Cats" in Wien, "Peter Pan" in Berlin, "Cabaret" in Paris. Dann kam 1992 Peter Zadeks "Blauer Engel". Plötzlich zerrissen sie die Kritiker, weil das kein familienfreundliches Singspiel war und Lemper keine Marlene Dietrich. Sie kehrte Deutschland den Rücken - wie die Dietrich damals.

Einmal noch wagte sie sich ans Musical: "Chicago", für das sie 1997/98 in London und am Broadway in die Rolle der mordenden Velma Kelly schlüpfte, mit Riesenerfolg. Selbst 13 Jahre später prangt Lempers Konterfei weiter auf Plakaten und Bussen in Manhattan. Sie selbst hat diese Fließbandarbeit (sieben Shows pro Woche) hinter sich gelassen: "Das ist mir wirklich zum Halse herausgekommen."

Längst hat sich Lemper Weltrang als Chansonstar ersungen, mit Schwerpunkt auf den Songs von Kurt Weill und Bertolt Brecht, ihrer größten Liebe. Sie sieht sich dabei als eine Art Hüterin einer aussterbenden Kunst: "Ich bin der letzte Dinosaurier. Die letzte Chansonniere, die diese Lieder vertritt in dieser Welt."

Denn in den gesellschaftskritischen Balladen von Weill und Brecht, die beide vor den Nazis ins Exil fliehen mussten, spiegelt sich ja auch das bis heute gespaltene Verhältnis der Exilantin Lemper zu Deutschland. Eigentlich will sie darüber gar nicht mehr reden - dazu sei alles gesagt und geschrieben worden. Dennoch kommt das Gespräch immer wieder darauf.

Wie viele, die lange hier leben, versteht sich die Münsteranerin Lemper inzwischen als eingefleischte New Yorkerin. "Das ist ja das Tolle, dass man hier als Deutscher, als Europäer das alles behalten kann, seine ganze Identität, seinen Akzent, seine Gewohnheiten, seine Beklopptheiten", sagt sie. "Es macht einen sehr frei, nicht in einem Raum zu leben, der durch Traditionen, Benimm, Sprache und all das bestimmt ist."

Rebellischer Tango statt Songs von Weill und Brecht

Da klingt viel mit durch. Lemper schwärmt von der Schnelligkeit und Aggressivität New Yorks, der man sich aber auch leicht entziehen könne, um sich privat zurückzuziehen. Nirgends sei das so möglich wie hier. Gerade nicht in Deutschland - auch wenn sie die "wirklich tolle Kulturszene" und die neue "Supergeneration" ihrer Heimat lobt: "Die Welt ist viel kleiner da, und es wird einfach auch viel kleiner geurteilt im Kopf."

Diesen dagegen sehr schillernden und herausfordernden "Erfahrungsraum" New Yorks will Lemper vor allem auch ihren Kindern zugänglich machen. "Wie die jetzt aufwachsen, was die so alles schon gesehen haben, das kann man nicht vergleichen mit Deutschland." So finden sich im direkter Nähe ihres Hauses eine Synagoge, eine Moschee und eine katholische Kirche. Neulich fragte Julian nach dem Obdachlosen, der nachts im Eingang der Synagoge schläft: "Warum sind Obdachlose immer braun?"

Lempers jüngstes Projekt hat allerdings weniger mit Sozialkritik zu tun als mit reiner Musiklust. "Lost Tango" heißt das Programm, das sie nach Deutschland bringt, eine Hommage an den argentinischen Tango und dessen Altmeister Astor Piazzolla. Begleitet von der Astor Piazzolla Band wird sie da über Liebe, Tod, Leidenschaft und Sehnsucht singen.

Der Tango ist Neuland für Lemper, auch wenn sie schon Piazzolla-Lieder im Repertoire hatte. Einen ganzen Sommer lang vertiefte sie sich in das Genre, lernte Spanisch mit argentinischem Akzent, flog nach Buenos Aires, wo "den ganzen Tag rumgetanzt wird", und studierte, wie Piazzolla den Tango mit Klassik und Rockmusik aufbrach, sehr zum Ärger der Traditionalisten. Diese rebellische Musik - das ist genau etwas für sie. So intensiv bereitete sich Lemper vor, dass sie selbst am Strand von Long Island auf die Wellen starrte und im Kopf nur Tango hören konnte, "als ob ich Halluzinationen gehabt hätte".

Doch auch diesmal flicht sie wieder Brecht und Weill ein, Edith Piaf und Jacques Brel. Da gebe es viele Gemeinsamkeiten, "die Verruchtheit, die dekadente Außenseiterwelt", das lässt sie einfach nicht los.

Und das nächste Projekt steht schon im Terminkalender. Ab Ende März reist Lemper quer durch die USA und Kanada, dann mit dem Vogler-Quartett aus Berlin. Kein Tango also, sondern ein Querschnitt durch ihr klassisches Chanson-Repertoire, aber "sanfter, klassischer, feinsinniger, subtiler" als sonst.

Wenn's nach ihr geht, würde sie ihr Metier noch "für die nächsten 30 Jahre" beackern - so lange sie zwischendurch auftanken kann, in ihrem Refugium über der Upper West Side, wo es "einfach so schön" ist. Durchs Fenster klingen Polizeisirenen und Kindergeschrei vom Schulhof an der Ecke. Lemper schaut erschrocken auf die Uhr. "Was, so spät schon?" Sie steht auf. "Sorry, ich muss weiter."



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