Zum Tod von Gunter Sachs: Die Frauen, die Kunst und ich

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Er ließ sich von Warhol die Küche einrichten, heiratete die Bardot und machte St. Tropez zum Mekka der Schönen und Kreativen: Der Unternehmer und Fotograf Gunter Sachs war mehr als ein Playboy - ein Gesamtkunstwerk. Jetzt hat er sich im Alter von 78 Jahren das Leben genommen.

Society-Legende Gunter Sachs: Playboy, Millionär, Top-Fotograf Fotos
dapd

Kochen mit Warhol, Liebemachen mit Lichtenstein: Noch den letzten Winkel seines Lebens räumte Gunter Sachs frei für große Kunst. 2008 zeigte das Museum der bildenden Künste in Leipzig die von ihm initiierte Ausstellung "Die Kunst ist weiblich". Unter anderem ließ er dafür die legendäre Turmwohnung vom Palace Hotel in St. Moritz nachbauen, wo er Ende der Sechziger logierte. Sein Freund Andy Warhol hatte ihm die Küche entworfen, Roy Lichtenstein die Badewanne und die Bettwäsche.

Wer in Leipzig ehrfürchtig durch dieses Museum gewordene Jetsetter-Leben ging, stellte sich unweigerlich die Frage: Darf man in solchen Räumlichkeiten eigentlich krümeln oder anderweitig schweinigeln? Natürlich! So hätte Sachs selbst wahrscheinlich ausgerufen, vor dem Hintergrund großer Kunst entwickelt die menschliche Existenz in all ihren Niederungen eine ungeheure Strahlkraft.

Das Leben, es war für Gunter Sachs ein Gesamtkunstwerk. Er war in Schweinfurt zur Welt gekommen, aber bald lebte er nur noch in der von ihm selbst entdeckten und gestalteten Welt zwischen St. Tropez und St. Moritz. Ein Parallelkosmos, in dem alles Hässliche Hausverbot hatte.

Fotografieren und verlieben

Sachs liebte es, die Frauen zu fotografieren. Ebenso liebte er es aber auch, mit den Frauen fotografiert zu werden. Dabei hatte man das Gefühl, dass er stets die Inszenierung in der Hand behielt. Die Sechziger, jene Zeit, als der talentierte Bengel aus reichem Hause erstmals zu großer, medial gespiegelter Form auflief, waren immerhin die frühen Tage des Paparazzi-Wahns. Stars wurden auf einmal zu Fotografenfutter, ständig auf der Flucht vor irgendwelchen Knipsern, die für eine Handvoll Lire, Francs oder Schweizer Franken alles taten.

Mitten drin in diesen Jagdszenen des neuen Jahrzehnts: Gunter Sachs, das Hemd bis unter den Bauchnabel aufgeknöpft, der sonnengebleichte Blondschopf vom warmen Wind der französische Riviera nach hinten geweht. Gehetzt geht anders. Schon wie er sich mit Ehefrau Brigitte Bardot, mit der er zwischen 1966 und 1969 verheiratet war, ablichten ließ: er oft vorne im Bild, sie ein Stückchen daneben oder sogar dahinter. Ein Kunststück war es doch schon, nicht neben der Überfrau Bardot unterzugehen.

Deshalb verachtete Sachs übrigens auch zeitlebens jenen nur wenige Jahre älteren Mann, den die Medien immer zu seinem großen Antipoden stilisierten: Hugh Hefner. "Kasperle" nannte er den einmal. Denn während sich der "Playboy"-Chef stets inmitten eines Dutzends angeworbener Bunnys ablichten ließ und dabei über die Jahrzehnte mehr und mehr zwischen fremdem Fleisch und selbst bezahlten Silikon zu verschwinden drohte, umgab sich Sachs stets mit Stars und Berühmtheiten, die selbst finanziell so gut ausgestattet waren, dass man nicht auf die Idee kommen konnte, sie wären käuflich. Sachs versprach ihnen Ruhm, der sich nicht gegen Geld erwerben ließ.

Ich schraube mir eine Welt zusammen

Es steckte mehr Ingenieurstalent in ihm, als man dem Schönling allgemein zutraute. Immerhin war er ein Spross der fränkischen Unternehmerfamilie Sachs. Sein Großvater Ernst erfand den Freilauf für das Fahrrad, ohne den die Menschheit nicht radeln könnte, wie sie es heute tut; sein Urgroßvater mütterlicherseits war Adam Opel, der mit der Entwicklung von Nähmaschinen jenen unternehmerischen Grundstein für einen der großen deutschen Autohersteller legte.

Was sollte da denn der reiche Erbe Gunter in den wohlstandsöden fünfziger Jahren noch Großartiges für die Menschheit erfinden? Statt seine Energien und sein Vermögen in die Entwicklung von Praktischem zu stecken, erfand er sich lieber eine Luxuswelt. Das darf man ruhig als Antwort auf das unglamouröse deutsche Wirtschaftswunder lesen: Feierte man den Handstaubsauger als nützliche Sensation, so pries Sachs den Hubschrauber als unabkömmliches Accessoire für den Mann und die Frau von Welt. Mit dem flog er später öfter mal in St. Tropez ein, jene Stadt, von der es heißt, sie wäre ohne ihn nicht das geworden, was sie in den Siebzigern darstellte: ein Mekka für Kreative und Hippies mit Geld.

Doch trotz all der legendären Riviera-Impressionen, die von ihm überliefert sind: Zum Müßiggang hatte Sachs nie so richtig Platz in seinem Leben. Zeit war gewissermaßen der einzige Luxus, der ihm nicht vergönnt war. In Lausanne hatte er Mathematik und Wirtschaft studiert, bei Bosch in Stuttgart lernte er Feinmechaniker, anschließend folgte eine Ausbildung bei der Commerzbank in München, und ein Dolmetscherdiplom der Universität Nantes hatte Sachs dann irgendwann auch noch in der Tasche.

Partys als Marathon-Spektakel

Geschlafen hat er offenbar nie. Feiern war bei Sachs Arbeit. Und Arbeit eine Feier. Partys waren eine Aufgabe, der man sich mit ganzem Einsatz stellte. 72 Stunden sollen sie in den besten Zeiten des Marathon-Mannes gedauert haben, man gab sich ihnen hin, man opferte sich für sie auf.

Künstlerische Ambitionen wurden nicht auf die lange Bank geschoben. So avancierte Sachs, der deutsche Unternehmersohn, der 1976 die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen hatte, zum preisgekrönten Fotografen und Dokumentarfilmer. Sein Wintersport-Film "Happening in White" von 1970 machte vor allem durch die damals noch neue Verwendung der Extremzeitlupe Furore und wurde mit Preisen überhäuft. Sein Privatvermögen investierte Sachs vor allem in zeitgenössische Kunst; durch frühe und enge Kontakte zu Künstlern wie Warhol, Lichtenstein oder Jean Fautrier konnte er relativ kostengünstig eine der größten Sammlungen Europas aufbauen. 1974 erschien schließlich sein erster Fotoband. Der Titel, wie könnte es anders sein, lautete: "Mädchen in meinen Augen".

Die Frauen, die Kunst und ich: So könnte das Lebensmotto von Sachs gelautet haben. Auch seine dritte Ehefrau knipste er erst einmal, bevor er sie heiratete: Seit 1969 war er mit dem schwedische Fotomodell Mirja Larsson verheiratet. Glücklich, wie es hieß.

Dabei war Sachs allen überlebensgroßen High-Society-Impressionen zum Trotz vom Leben nicht nur mit Glück gesegnet. 1958 starb seine erste Frau Anne-Marie Faure an den Folgen eines Narkosefehlers, sein Bruder Ernst Wilhelm kam 1977 bei einem Lawinenunglück ums Leben. Sein Vater Willy hatte sich einst mit einem Schuss in dessen Jagdhütte das Leben genommen.

Jetzt hat sich Gunter Sachs, der wie wohl kein Zweiter in Deutschland das Leben zur Kunstform erhob, in seinem Chalet im Schweizer Gstaad ebenfalls erschossen.

Wie aus einem Abschiedsbrief hervorgeht, habe er sich wegen einer "ausweglosen Krankheit" umgebracht, erklärte die Familie am Sonntagabend. Er wurde 78 Jahre alt.

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insgesamt 92 Beiträge
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1. was?
hegelotl 08.05.2011
Zitat von sysopDer Unternehmer und Fotograf Gunter Sachs war mehr als ein Playboy - ein Gesamtkunstwerk. Jetzt hat er sich im Alter von 78 Jahren das Leben genommen.
Man wüßte ja schon gern, was den Armen geplagt hat, daß er keinen andern Ausweg wußte.
2. Gesamtkunstwerk
Neinsowas 08.05.2011
er hat intensiv/exzessiv gelebt - 72 std.am Stück Party-Arbeit-Party... Mit 78 Jahren ist dieses Gesamtkunstwerk einfach nicht mehr erweiterbar... R.U.H.E in Frieden!
3. Interessant ist ja....
schwarzschildradius 08.05.2011
... daß er gleich zwei "erste" Ehefrauen hatte: 1966 - 1969 .... Brigitte Bardot 1958 Anne - Marie Faure gestorben und schon 1969 hatte er mit Mirja Larrson die dritte Ehefrau, die zweite Ehefrau wohl gleich ausgelassen ;-) Vermutlich war der Verfasser des Artikels auch Mathematiker (wie G. Sachs) und hat die Ordnungszahlen eines neuen Zahlenkörpers verwendet, um uns zu verwirren ;-)
4. vor allem war er ein reicher Erbe
christafaust 08.05.2011
Das Vermögen von Sachs belief sich laut Manager-Magazin auf geschätzte 500 Millionen Euro. Dazu ein Macho wie er im Buche steht. Diese Lobhudeleien auf einen wie ihn, sind unerträglich und niemand wird ihn vermissen.
5. .
rem023 08.05.2011
Nichts... ich denke es ging ihm darum, die letzte, ultimative Kontrolle über sein eigenes Leben auszuüben. Warum auch nicht selbst entscheiden, wann und wie das Ende sein soll, wenn man das eigene Leben in allen Momenten genossen und erfüllt hat? Ich könnte mir schlimmere Arten des Abtretens vorstellen... z.B. in den Händen der deutschen Pflegeversicherung :p
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