Von Julia Jüttner und Rainer Leurs
Eine Frau in zwei Teile zersägen - ein gern gesehener Trick im Zirkuszelt. Doch eine Zerlegte wieder zum Leben erwecken, das konnte nur Dieter Pfaff. Zumindest tat er am 1. Dezember 2001 so, als er einer der "Stars in der Manege" war, der Wohltätigkeitsveranstaltung der "Münchner Abendzeitung" und des Bayerischen Rundfunks.
Tage zuvor stand Dieter Pfaff bereit für ein Interview. Im leeren, noch nicht geheizten Circus Krone zwängte er sich in einen der Sessel, die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, Schweißperlen auf der Stirn. Er lehnte sich zurück und verzog sein Doppelkinn zu einem Grinsen. Zaubern habe ihn sein Leben lang fasziniert, sagte er. Auch deshalb habe er als Fernsehkommissar Sperling immer wieder in die Trickkiste gegriffen.
Es sind die großen Serienrollen, die an ihm haften blieben: Neben Sperling die des Psychotherapeuten Bloch in der gleichnamigen Serie oder die des Rechtsanwalts Dr. Gregor Ehrenberg in "Der Dicke". Letztere Serie spielte in Hamburg, der Stadt, in der Pfaff sich zu Hause fühlte, in der er mit seiner Ehefrau und den beiden Zwillingen lebte - und in der er am Dienstag seinem Krebsleiden erlag.
Im September vergangenen Jahres war bekannt geworden, dass Pfaff - leidenschaftlicher Raucher seit Jahrzehnten - an Lungenkrebs erkrankt war. Im Februar sagte er in einem Interview, er habe die Chemotherapie hinter sich und wolle wieder anfangen zu arbeiten. Die Dreharbeiten für die fünfte Staffel von "Der Dicke" hatten Mitte Februar begonnen, Pfaff sollte im April dazustoßen. Umso überraschender traf seine Weggefährten, Freunde, Kollegen nun sein Tod.
Er spreche gern über Dieter Pfaff, teilte Regisseur Michael Verhoeven SPIEGEL ONLINE mit, der mehrere Folgen "Bloch" mit ihm drehte. "Noch lieber würde ich über einen Dieter Pfaff sprechen, der seine schwere Krankheit überlebt hat. Hat er nicht, leider, damit müssen wir uns abfinden."
"Sinnliche Lust am Essen"
In einer Nebenrolle von "Sperling" entdeckte Pfaff Ulrike Krumbiegel, er wollte sie unbedingt als Blochs Lebensgefährtin Carla. "Dieter war einerseits ein enorm engagierter Schauspieler, der seine Figuren schon vor dem Drehbuch mit erfand und konzipierte. Er kam ja von der Dramaturgie und behielt auch immer den Blick fürs Ganze. Da war er ganz Profi", sagte die Schauspielerin SPIEGEL ONLINE. "Andererseits habe ich ihn auch sehr verspielt und fast kindlich erlebt: in seiner Freude, in der sinnlichen Lust am Singen, am Planen neuer Stories, am tja ... Essen ... und auch darin, dass er die Liebe des Publikums sehr brauchte und genoss."
Dieter Pfaff war ein Alleskönner. "Er hat sich mit seinem Talent mehrere Leben ermöglicht: Das reale schöne mit der Familie und dann in verschiedenen Rollen noch die 'Ergänzungen' dazu", sagte Krumbiegel.
Im Oktober 2010 trug Dieter Pfaff ein schwarzes Hemd, presste eine Gitarre auf seinen wuchtigen Bauch und sang mit rauchiger Stimme "Ring of Fire" von Johnny Cash. Kein Mucks war sonst zu hören im Schellfischposten, in den die sonst kreischend-juchzende Ina Müller auch an jenem Abend zu "Inas Nacht" eingeladen hatte. Die älteste Seemannskneipe Hamburgs bebte beim tosenden Applaus.
Pfaff deutete eine kleine Verbeugung an, lächelnd nahm er den Beifallssturm entgegen. Einer wie Pfaff, ein Koloss von einem Mann, mochte die kleinen Gesten. Es war eine der amüsantesten Ausgaben der NDR-Sendung. "Der wohl intensivste Moment in der 'Inas Nacht'-Sendung mit Dieter Pfaff war für mich der, als er seine Gitarre nahm und mit der Band zusammen 'All along the Watchtower' von Jimi Hendrix sang und spielte", sagte Müller SPIEGEL ONLINE. "Diese Seeligkeit dabei und danach in seinen Augen. Das habe ich bisher bei keinem meiner Gäste so gesehen."
"Er war bescheiden, eher still, nachdenklich"
"Er war ein sehr gescheiter, gebildeter musischer Mensch, ein wirklicher Künstler, ein großartiger Schauspieler, seine Musikalität hat ihm dabei geholfen, den 'richtigen Ton' zu treffen", sagte Regisseur Verhoeven und erinnert sich: "Am Set war er bescheiden, eher still, nachdenklich, war offen für die oft anstrengenden Wünsche des Regisseurs, aber er war anspruchsvoll und sehr kreativ. Er war ein ganz Großer, für mich war er der deutsche Orson Welles. Er ist nicht zu ersetzen."
"Ich habe ihn sehr bewundert", sagte Dietrich Mattausch, der mit Pfaff jahrelang die ARD-Serie "Der Fahnder" drehte, SPIEGEL ONLINE. "Er hat im 'Fahnder' mit einer ganz kleinen Rolle angefangen und sich daraus eine Karriere aufgebaut. Das hat er bewundernswert hinbekommen."
"Dieters Tod macht mich sehr, sehr traurig", sagte Walter Kreye, der seinen verhassten Kontrahenten in "Der Dicke" spielte, SPIEGEL ONLINE. "Wir haben einige Male telefoniert, er war zuversichtlich, ich konnte ihm sagen, dass ich an ihn denke."
Dieter Pfaff war Pate bei Unicef. "Auf Dieter Pfaff konnten wir uns immer verlassen", sagte Claudia Berger, Public Relations Unicef Deutschland, SPIEGEL ONLINE. "Die Ruhe, Klarheit und Sensibilität, mit der er über die Not der Kinder sprechen konnte, hat jeden überzeugt, der ihm zuhörte. Sein plötzlicher Tod berührt uns sehr. Mit ihm haben die ärmsten Kinder einen Freund und bedeutenden Fürsprecher verloren."
Pfaffs früher Tod ist laut Grimme-Institut ein schwerer Verlust für das Fernsehen und die Schauspielbranche. "Menschlichkeit, Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft waren die wesentlichen Merkmale dieses zweifachen Grimme-Preisträgers", sagte der Leiter des Referats Grimme-Preis, Ulrich Spies.
Pfaff erhielt 1997 für "Bruder Esel" den Adolf-Grimme-Preis, 1996 hatte er ihn schon einmal für seine Rolle als Kriminaloberrat Vollmer in der Serie "Balko" gewonnen. "Dieter Pfaff war ein herausragender Schauspieler und ein wunderbarer Mensch. Sein viel zu früher Tod geht uns sehr nah und wir trauern mit seiner Frau und den Kindern", sagte Barbara Thielen, RTL-Bereichsleitung Fiction.
An jenem Tag im November 2001, als Dieter Pfaff im Circus Krone einen schwarzen Frack mit rotem Einstecktuch anprobierte, schmunzelte er und sagte, für ihn habe es nicht wirklich eine Alternative gegeben zur Rolle des Zauberkünstlers. "Oder sollte ich etwa am Trapez herumturnen? Stellen Sie sich das mal vor!"
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