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24. August 2006, 18:27 Uhr

Libanon-Experte

"Nur Muslime können Extremisten bekämpfen"

Radikale Libanesen sollen die Kofferbomben gelegt haben. Leute wie sie finden in Deutschland bei Landsleuten leicht Anschluss, meint Ralph Ghadban. Der Islamwissenschaftler appelliert im Interview mit SPIEGEL ONLINE an das Verantwortungsbewusstsein der muslimischen Gemeinde.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Libanesen hier die Nachricht aufgenommen, dass die beiden Kofferbomber Landsleute sein sollen?

Ghadban: Das kann ich so generell nicht sagen, aber ich weiß, dass die meisten der 56.000 Libanesen in Deutschland Schiiten sind und von ihnen wiederum die Mehrheit Hisbollah unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es weitere ähnliche Anschlagsversuche geben?

Ghadban: Die verdächtigen Libanesen haben nur kurz hier gelebt, sie sind ein besonderer Fall. Sie gehören einer radikalen islamistischen Organisation ("Hizb ut-Tahrir") an, die in Deutschland verboten ist und die unter den Libanesen kaum verbreitet ist. Die Hisbollah plant in der Regel keine terroristischen Aktionen, allerdings schließt sie sie auch nicht aus. Diese Organisation wird aus Iran gesteuert. Wenn Iran beschließt, hier in Deutschland einen Anschlag zu verüben, werden die Anhänger folgen. Darin sehe ich eine mittelbare Gefahr.

SPIEGEL ONLINE: Was hat viele Libanesen in Deutschland so radikalisiert?

Ghadban: Im Vergleich zu anderen ausländischen Gemeinden sind sie am wenigsten integriert, die Kriminalitätsrate ist auffällig hoch. Die meisten Schiiten, die hier leben, sind erst nach dem Fall der Mauer über den Ostberliner Flughafen eingereist, als es keine innerdeutschen Grenzkontrollen mehr gab. Sie sind nicht vor dem Bürgerkrieg geflüchtet - wie zuvor viele Palästinenser und Kurden -, sondern aus ökonomischen Gründen gekommen. Viele stammen aus dem Armutsgürtel um Beirut. Sie waren in Deutschland dann lange Jahre von der Abschiebung bedroht und durften nicht arbeiten. Sie kamen vom Rand der Gesellschaft und wurden hier wieder an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Nun haben die Leute sich dort eingerichtet.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Ghadban: Es gab zwar immer wieder Aufenthaltsgenehmigungen und Einbürgerungen, aber zu spät. Die Libanesen hatten mehr als genug Zeit für den Aufbau einer Parallelgesellschaft. Viele Libanesen - auch Sunniten - stehen unter dem Einfluss von islamistischen Moscheevereinen. Das heißt nicht, dass jeder, der dort hingeht, ein Terrorist wird. Aber diese Vereine haben dieselbe Ideologie wie Terroristen, auch sie halten den Westen für verdorben und unmoralisch.

SPIEGEL ONLINE: Es wird vermutet, die beiden mutmaßlichen Bombenleger wollten mit ihren Attentatsversuchen ein Signal gegen die aus ihrer Sicht zu israelfreundliche Politik Deutschlands setzen.

Ghadban: Die Islamisten bomben nicht wegen Israel, sondern gegen den Westen. Vielmehr geht es darum, die politische Hegemonie zu erlangen. Das ist es doch, was die Islamisten überall in Europa wollen: einen islamistischen Staat errichten.

SPIEGEL ONLINE: Der Zentralrat der Muslime hat davor gewarnt, dass Muslime nun unter Generalverdacht geraten. Teilen Sie diese Sorge?

Ghadban: Natürlich ist nicht jeder Muslim Islamist. Aber ich finde, dass die muslimische Gemeinde sich selbst viel mehr wegen der Islamisten sorgen sollte, schließlich trägt sie eine große Verantwortung für ihre und unsere Sicherheit. Wer die ganze Zeit sagt, die Gesellschaft sei verdorben, muss sich nicht darüber wundern, dass irgendwann junge Männer eine Bombe werfen. Die einzigen, die in Europa die Islamisten bekämpfen können, sind die Muslime selbst. Sie wissen genau, wer in ihrer Moschee Extremist ist und wer nicht, und sie müssen endlich anfangen, die Extremisten hinauszuschicken. Dann hätten wir einen riesigen Schritt getan.

Die Fragen stellte Brenda Strohmaier

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