Libanons Designer Elie Saab: Mission Mode

Von , Beirut

Stardesigner Elie Saab ist der Liebling Hollywoods, Weltstars tragen seine Roben bei den Oscars, in seiner Heimat Libanon liegt ihm die Damenwelt zu Füßen. Nun kämpft er gegen die Folgen des Krieges und den Ausverkauf eines ganzen Landes - in seinem Atelier und im TV.

Beirut - Wer wissen will, was den Libanon bewegt, steigt am besten in ein Beiruter Sammeltaxi. Für 1500 libanesische Pfund, 75 Eurocent, bringt es einen durch die ganze Stadt und auf den neuesten Stand. Fast ausschließlich geht es in den Fonds der uralten Mercedeslimousinen um die politische Krise. Doch hat sich im vergangenen Sommer ein neues Thema dazugesellt: Mode. "Mission Fashion" heißt Libanons Antwort auf "Germany's Next Topmodel", gesucht wird der beste Jungdesigner der arabischen Welt. Doch der Libanon wäre nicht der Libanon, wenn die Volants der von den Wettbewerbern entworfenen Ballroben nicht hübsche Garnitur für eine politische Mission wären. Elie Saab, international gefeierter Haute-Couture-Designer und Zeremonienmeister des Programms, hat sich mit der Talentshow viel vorgenommen: Er will den Ausverkauf seines Heimatlandes stoppen.

"Dass die guten, jungen Leute ihrer Heimat den Rücken kehren, ist schlimmer als der ganze letzte Krieg", sagt Saab im dritten Stock seines Beiruter Firmensitzes. Es ist ein ungewöhnlicher Ort für sozialpolitische Themen. Im Erdgeschoss des hochmodernen Baus gehen Abendkleider ab 10.000 Dollar aufwärts über den Ladentisch. Auf dem Weg in die Büroetage kommt man durch Ateliers, in denen Stickerinnen nach vier Monaten Arbeit gerade die letzten Pailletten auf ein 40.000-Dollar-Hochzeitkleid nähen. Abnehmbare Pölsterchen an den Hüften der Modepuppen mit den Maßen der Stammkundinnen verraten, wofür Saab berühmt ist: Schnitte, die auch unvorteilhafte Figuren zu Alabaster-Körpern machen. Doch der Couturier scheint es ernst zu meinem mit seinem Engagement. "Wenn wir unseren Kindern nicht beibringen, dass sie ihre Träume und Visionen auch in der Heimat verwirklichen können, geht hier alles den Bach runter", sagt der 42-Jährige.

Modemacher - allen Widerständen zum Trotz

Tatsächlich hat der Krieg Israels gegen die Hisbollah im vergangenen Sommer im Libanon einen Brain-Drain ausgelöst, der durch die innenpolitische Krise immer weiter verschärft wird. Hunderte Antragsteller für Arbeitsvisa stehen täglich vor westlichen und arabischen Botschaften, Tausende Uni-Absolventen glauben nicht mehr an eine Zukunft in der Heimat. "Wer was kann, geht nach Kanada, nach Dubai, in die USA", sagt Saab. Als er vor Monaten zum ersten Mal keine geeigneten Bewerber auf die früher so begehrten Stellen in seinem Modehaus fand, beschloss er zu handeln und per Reality-Show Einfluss zu nehmen.

Dass Saabs Stimme gehört wird, liegt an seiner Ausnahmekarriere, die man nur unter der Kategorie "Allen Widerständen zum Trotz" verbuchen kann. Als Schuljunge waren es die Eltern, die den modischen Ambitionen ihres Sohnes mit Misstrauen begegneten. Laubsägearbeiten wären vielleicht ein passendes Hobby für den Sohn eines maronitisch-christlichen Holzgroßhändlers im Libanon gewesen. Aus Zeitungspapier Schnittmuster zu fertigen und die eigenen Schwestern in Papier-Kreationen zu hüllen, war es sicher nicht.

Doch der junge Elie setzte sich durch und eröffnete 1982 mit gerade mal 18 Jahren sein erstes Atelier. Fortan kreisten seine Gedanken nicht mehr nur um Stoffe und Schnitte, sondern um Stolpersteine, die ihm der blutige libanesische Bürgerkrieg in den Weg legte: Wie bekomme ich Materialien in den Libanon hinein, wie die fertigen Kleider termingerecht hinaus? Die Fährlinie nach Zypern war die Nabelschnur für die christliche Enklave nördlich von Beirut, in der auch die Saabs lebten. Doch die schwerfälligen Fährschiffe gaben nur allzu gute Ziele für die in den Bergen verschanzte Artillerie ab. Für Saab war es jedes Mal eine Hängepartie: Würden seine teuren Kleider bald ihre ersten Auftritte auf den Festen der High Society haben - oder auf den Grund der Jounieh-Bucht sinken?

Haute Couture auf zerbombten Straßen

Saabs Kleider kamen durch, setzten sich durch. Zuerst waren es Kundinnen aus den arabischen Königshäusern, die Saab trugen und schon mal zur Anprobe übers Wochenende nach Beirut flogen. Doch dann schlug Saabs Sternstunde: 2002 nahm Halle Berry ihren Oscar als Beste Schauspielerin in einer blutroten Saab-Robe entgegen. Die erste Afroamerikanerin, die diesen Preis gewinnt, trägt den ersten arabischen Haute-Couture-Schneider: Die Modepresse überschlug sich. Mit der Einladung der Chambre Syndicale, seine Haute-Couture-Kollektion in Paris zu zeigen, wurde Saab 2003 in den Olymp der Modewelt aufgenommen.

Es hätte alles weiter steil nach oben gehen können, wäre da nicht der Krieg im vergangenen Jahr gewesen: Wieder stellte sich das Problem, wie man die empfindlichen Haute-Couture-Roben über zerbombte Straßen außer Landes bekommt, wieder die Frage, woher man während eines Monats Krieg Nachschub an Nähgarn, Knöpfen und Stoff bekommt. Der kleine Unterschied: Diesmal waren es Hollywood-Größen vom Kaliber einer Catherine Zeta-Jones, Beyoncé oder Christina Aguilera, die erwarteten, dass ihre maßgeschneiderten Kleider termingerecht geliefert werden.

Für den Designer ist sein Erfolg das direkte Resultat seiner Herkunft. "Ich bin aus einem Land, in dem Streit zu Krieg führt, deshalb versuche ich, mich von Provokantem fernzuhalten", sagt er. Zu Deutsch: Seine Kleider sind wirklich tragbar. Wo seine westlichen Kollegen jede Grenze übertreten, um sich ins Rampenlicht zu drängen, spürt er eine nicht zu überschreitende Rote Linie, gibt Saab zu Protokoll. "Ich würde die Models für eine Schau niemals mit schwarzer Schminke und riesigen Haartürmen auf diabolisch stylen", sagt er.

"Frauen niemals mit nackter Brust auf den Laufsteg"

Wenn es die Vision gewisser Mitdesigner sei, Frauen hässlich und angsteinflößend darzustellen, so würde er das nicht akzeptieren. "Ich würde Frauen niemals mit nackter Brust über den Laufsteg schicken, das ist eine Frage des Respekts." Für seine konservativeren Kundinnen aus den Golfstaaten näht Saab auf Wunsch Dekolletees wieder zu und lange Ärmel an Abendkleider. "Es geht doch darum den Charakter der Frau zu unterstreichen, nicht mein Kleid zur Schau zu stellen."

Saab begreift sich als Botschafter seiner Kultur, seines Weltteils und eines anderen Frauenbilds. "Ich bin ein Aushängeschild für mein Land", sagt der Modemacher. Dass Saab Beirut trotz Wohnsitzen in Genf und Paris dennoch treu geblieben ist und alle seine Haute-Couture-Kleider per Hand im Libanon nähen lässt, rechnen ihm seine Landsleute tatsächlich hoch an.

Ebenso, dass er nach dem Krieg im letzten Sommer seine bereits fertige Kollektion zurückzog und - eine Sensation in der Modewelt - innerhalb von Wochen neu entwarf und nähen ließ. "Die Sonne Beiruts" nannte er die in Goldtönen gehaltenen Hommage an seine Stadt. Und dass Saab zum Entwerfen alle paar Monate in die Heimat zurückkehrt, weil "man nur hier kreativ, ein ganzer Mensch sein kann", gehört längst zum Repertoire der gern erzählten Anekdoten auf Libanons Taxirücksitzen.

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