"Liliputaner Action" in Disco "Das ist ein beliebtes Party-Thema"

Nachdem ein Kleinwüchsiger bei einer umstrittenen Mottoparty in einer Cuxhavener Disco schwer stürzte, ist die Empörung groß. Der Betreiber verteidigt sich, der Verband kleinwüchsiger Menschen will rechtlich gegen die Aktionen vorgehen.

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"Wer den Liliputaner einsperrt, bekommt einen Flatscreen!": Aktion von Janssen's Tanzpalast

"Wer den Liliputaner einsperrt, bekommt einen Flatscreen!": Aktion von Janssen's Tanzpalast


Cuxhaven - Mit dem Slogan "Wer den Liliputaner einsperrt, bekommt einen Flatscreen!" warb eine Cuxhavener Großraumdisco für eine exzessive Party. Am Samstag trat der kleinwüchsige Mann dann in Janssen's Tanzpalast auf. Doch bei seiner Performance stürzte der 42-Jährige gefährlich. Die Empörung war groß, viele vermuteten, der Mann sei bei einer regelrechten Hetzjagd verunglückt.

Ein Betriebsunfall, ergaben die Ermittlungen der Polizei. Und auch die Betreiber sprechen von einem "tragischen Unglück". Demnach tanzte der Mann auf einem 80 Zentimeter hohen Podest, als er fiel und sich schwer am Halswirbel verletzte. Laut Polizei und Veranstalter war es ein selbstverschuldeter Sturz. "Der Mann ist ein Profi, das hätte jedem passieren können", sagte Eric Janssen SPIEGEL ONLINE. Zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder betreibt er den Freizeitkomplex inklusive Hotel, Restaurant und Großraumdisco.

Doch die Empörung bleibt, in den sozialen Netzwerken fragen sich viele: Wie kann man nur ein solch diskriminierendes Programm anbieten?

"Das ist ein beliebtes Party-Thema bei uns", sagt Janssen. Der Auftritt des Kleinwüchsigen sei angelehnt an den Film "Project X", bei dem eine Party außer Kontrolle gerät und eben auch ein Kleinwüchsiger gejagt und im Backofen eingesperrt wird. Bei der Veranstaltung sei das natürlich nicht so gewesen. Der Kleinwüchsige tanze und werde dann "angetippt" oder werfe einen Ball in die Menge - der Fänger bekomme dann den angekündigten Fernseher. "Das hat nichts mit einer Hetzjagd zu tun." Ein entsprechendes Statement wurde auch auf der Facebook-Seite des Clubs veröffentlicht.

Solche Mottopartys seien in der deutschen Clublandschaft gang und gäbe, die Gäste wüssten genau, was gemeint ist, sagt Janssen. Tatsächlich, wer im Internet nach Partys mit "Liliputaner"-Aktion sucht, wird fündig.

Party-Agentur möchte sich nicht äußern

Janssen's Tanzpalast buchte diese Party-Aktion demnach bei einer Agentur. "Da macht man sich keine Gedanken", sagt Janssen. Offenbar auch nicht darüber, dass kleinwüchsige Menschen nicht mehr als "Liliputaner" bezeichnet werden möchten. "Im Nachhinein ist der Begriff grenzwertig", sagt Janssen. Man werde sicherlich weiter Mottopartys veranstalten. "Dieses Thema allerdings nicht mehr."

Verantwortlich für das Party-Programm war laut Janssen die Agentur Aykon aus Hannover. Das Unternehmen vermittelt unter anderem Tänzer, Musiker und Models für Veranstaltungen. Laut ihrer Webseite arbeitete die Agentur bereits für Künstler wie David Guetta und Sendungen wie "Wetten, dass..?". Zu den Services der Agentur gehört demnach auch, Tänzer für Motto- und Tanzpartys auszuleihen. Die Agentur wollte sich auf SPIEGEL ONLINE nicht dazu äußern.

Der Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien e.V. will nun rechtlich gegen solche Aktionen vorgehen. "Wir verurteilen das auf das Schärfste", sagte Sprecher Wolfgang Küssner SPIEGEL ONLINE. Kleinwüchsige würden bei der Aktion aufgrund ihrer Größe degradiert, Liliputaner genannt. Natürlich hätten Kleinwüchsige ein Recht auf selbständiges Leben. "Aber nicht so, dass ihre Menschenwürde verletzt wird." Von den Partys, bei denen Kleinwüchsige als Party-Gag auftreten, habe man nichts gewusst. Der Verband prüfe nun einen Verbotsantrag.

Derweil ist der Zustand des Mannes der Polizei Cuxhaven zufolge unverändert, er liegt nach wie vor schwerverletzt im Krankenhaus.

Über umstrittene Showauftritte von Kleinwüchsigen gab es bereits häufiger Diskussionen. In den neunziger Jahren wurde etwa in Frankreich das sogenannte Zwergen-Werfen verboten. Eine Discotheken-Attraktion, bei der ein kleinwüchsiger Mensch mit gepolsterter Kleidung durch die Luft geschleudert wird. Ein Betroffener hatte daraufhin Beschwerde gegen das Urteil eingelegt, er verdiene damit seinen Lebensunterhalt. 2002 bekräftigte das Uno-Menschenrechtskomitee jedoch das Urteil. Das Verbot sei aus Gründen des Schutzes der öffentlichen Ordnung und der Würde des Menschen gerechtfertigt. In Deutschland wurde "Zwergenweitwurf" 1993 als sittenwidrig erklärt.

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