Brandschutzexpertin in Grenfell-Untersuchung Versagen auf allen Ebenen

72 Menschen starben beim Feuer im Londoner Grenfell Tower. Nun soll eine richterliche Untersuchung die Katastrophe aufarbeiten: Eine Brandschutzingenieurin sieht schwere Verfehlungen.

REUTERS/ Grenfell Tower Inquiry

Den Bewohnern des Londoner Grenfell Towers wurde fälschlicherweise gesagt, in ihren Wohnungen zu bleiben, als ein Feuer in dem Hochhaus wütete. Zu diesem Ergebnis kommt Brandschutzexpertin Barbara Lane in ihrem Bericht für die richterliche Untersuchung der Katastrophe.

Die zunächst praktizierte "An Ort und Stelle bleiben"-Strategie der Feuerwehr sei bereits kaum eine halbe Stunde nach Ausbruch des Feuers am 14. Juni 2017 gescheitert gewesen, stellt die Brandschutzingenieurin fest. Den Bewohnern sei jedoch erst etwa eine Stunde später geraten worden, das 25-stöckige Haus zu verlassen.

Das vemutlich von einem defekten Kühlschrank ausgelöste Feuer hatte sich rasend schnell über die Fassade des Sozialbaus ausgebreitet. Bei der Untersuchung soll nun festgestellt werden, wie und warum das Feuer ausbrach, wie es sich so schnell ausbreiten konnte und wie die Rettungskräfte reagierten.

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Brandkatastrophe in London: Im Inneren des Grenfell Towers

Die richterliche Untersuchung wurde von Premierministerin Theresa May kurz nach dem Unglück angeordnet. Die Anhörung findet in einem Hotel im Westen Londons statt. Geleitet wird sie von dem pensionierten Richter Martin Moore-Bick.

Kaum einen Zweifel gibt es daran, dass die Fassadenverkleidung maßgeblich zu dem Unglück führte. Die Fassade war 2016 bei einer Renovierung mit Platten aus Aluminium und dem Kunststoff Polyethylen verkleidet worden. Laut Brandschutzexpertin Lane führte dies zu "mehreren katastrophalen Brandausbreitungsrouten". Die Fassadenverkleidung habe der Ausbreitung des Feuers nicht so widerstanden, dass eine "An Ort und Stelle bleiben"-Strategie der Feuerwehr gerechtfertigt gewesen wäre.

Ein Sprecher der Londoner Feuerwehr sagte, an dem allgemeinen Ratschlag, in der Wohnung zu bleiben, habe sich seit dem Grenfell-Tower-Brand nichts geändert: Wenn ein Feuer in einem anderen Teil des Gebäudes ausbreche und man nicht von Feuer, Hitze oder Rauch direkt betroffen sei, solle man in seiner Wohnung bleiben.

Auch knapp ein Jahr nach der Katastrophe ist unklar, ob die Fassade den damals geltenden Brandschutzbestimmungen entsprach oder nicht. Erst vor Kurzem hatte die Regierung angekündigt, für umgerechnet 450 Millionen Euro im ganzen Land ähnliche Fassaden an Hochhäusern austauschen zu lassen.

"Die Ereignisse dieser Nacht haben sein Leben ausgelöscht"

Bewohner des Grenfell Towers hatten sich schon vor der Katastrophe immer wieder über mangelnden Brandschutz in dem Gebäude beschwert. Lane kommt zu dem Ergebnis, es habe eine "Kultur des Nicht-Einhaltens" von Sicherheitsbestimmungen gegeben. Aufzüge hätten versagt, ein Rauchabzugssystem habe nicht richtig funktioniert und Türen hätten sich nicht geschlossen, so dass sich Rauch ausbreiten konnte.

Mit bewegenden Statements hatte die öffentliche Anhörung in der richterlichen Untersuchung kürzlich begonnen. Der Grenfell Tower sei seit 1982 das Zuhause seines Vaters gewesen, sagte der Sohn des verstorbenen Joseph Daniels. "Die Ereignisse dieser Nacht haben sein Leben ausgelöscht und alle Spuren seiner Existenz von dieser Welt."

"Die grundlegende Frage, die im Zentrum unserer Arbeit steht, ist, wie sich in London im Jahr 2017 ein Hausbrand so schnell und so katastrophal entwickelte, dass ein ganzer Hochhausblock verschlungen wurde", sagte Richard Millett, Chefberater der Untersuchung. Überlebende und Hinterbliebene seien in einem "anhaltenden Gefühl von Ungerechtigkeit zurückgelassen worden - was zu einer überwältigenden Frage geführt habe: warum?

Richter Moore-Bick versicherte den Überlebenden, sein Team und er seien entschlossen, "die Antworten zu liefern, die Sie suchen". Grenfell United - die Gruppe vertritt Überlebende und Hinterbliebene - teilte mit, die auf 18 Monate angesetzte Untersuchung sei "der Beginn eines langen Weges zur Gerechtigkeit".

wit/AP/dpa



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