Feuerkatastrophe in London "Wie in der Dritten Welt"

Die Ursache des Feuers im Londoner Grenfell Tower ist noch unbekannt. Doch die Kritik an den Brandschutzmaßnahmen wird lauter. Ein Experte spricht von komplettem Versagen.


Die britische Premierministerin Theresa May hat nach der Brandkatastrophe in einem Hochhaus in London eine "sorgfältige Untersuchung" angekündigt. Wenn aus dem Feuer Konsequenzen zu ziehen seien, würden Maßnahmen ergriffen, sagte May.

Bei dem gewaltigen Brand im 24-stöckigen Grenfell Tower im Zentrum Londons waren am Mittwoch mindestens zwölf Menschen ums Leben gekommen. Die Einsatzkräfte befürchten jedoch, dass es weitere Todesopfer gibt. Wie viele Menschen noch vermisst werden, ist unklar. Nach Angaben der Rettungskräfte wurden mindestens 79 Patienten in Kliniken behandelt, 18 von ihnen seien in einem kritischen Zustand. 65 Menschen wurden aus den Flammen gerettet.

Regierungschefin May würdigte den Einsatz der Rettungskräfte und sprach den Betroffenen ihre Anteilnahme aus. Die Ursache des Feuers ist noch unklar. Doch die Kritik an den Brandschutzmaßnahmen im Grenfell Tower wird lauter.

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London: Inferno im Grenfell Tower

Bewohner des Hauses berichteten in britischen Medien, es habe in dem Haus keinen Feueralarm gegeben. Einige Mieter wurden demnach erst durch Rauchmelder in den Wohnungen wach. Das Gebäude wurde 1974 erbaut und war von 2014 bis 2016 saniert worden.

Die britische Feuerschutzvereinigung (FPA) schrieb in einer Stellungnahme, dass grundsätzlich einige Dämmmaterialien zu leicht entflammbar seien. Dadurch könne ein Brand vom Erdgeschoss eines Hochhauses bis zum Dach übergreifen. Ob das auch für den Grenfell Tower gelte, sei nicht klar. Nach Ansicht der FPA sind aber die baulichen Vorschriften in Großbritannien derzeit generell nicht ausreichend, um Brände zu verhüten.

Einen schärferen Ton schlug Jon Hall an, ein britischer Brandschutzexperte. Er nannte den Brand im Grenfell Tower einen Unfall, wie er in der "Dritten Welt" vorkomme. "Alle Bestandteile der Feuersicherheit und des Gebäudemanagements" müssten versagt haben, vermutete der frühere Feuerwehrchef aus den Midlands auf Twitter.

Auch Dieter Räsch, Vorstandsmitglied der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau, zeigte sich verwundert über das Ausmaß des Brandes. "Die Außenfassade brennt offensichtlich sehr stark ab. Bei Hochhauskonstruktionen, wie wir sie hier in Deutschland haben, wäre das eher nicht zu erwarten."

Die deutsche Brandschutzprofessorin Sylvia Heilmann hält es für unverantwortlich, dass möglicherweise brennbare Materialien in einem Hochhaus eingesetzt worden sein könnten. "In Deutschland dürften brennbare Dämmplatten an Hochhäusern nicht verbaut werden."

Die Folgen wären ansonsten verheerend, sagte Heilmann, die unter anderem an der TU Dresden lehrt. "Wenn es in einem Hochhaus einen Brand gibt und der auf die brennbare Dämmung übergreift, ist eine unkontrollierte Brandausbreitung zu befürchten." Hierzulande gebe es deshalb ein Prüfsystem: ein Ingenieurbüro sei für die Planung und die Ausführung zuständig, ein davon unabhängiger Prüfingenieur für die Kontrolle im sogenannten Vieraugenprinzip.

Die Baufirma Rydon reagierte schockiert auf den Hochhausbrand in London. Sie war für die Sanierung des Grenfell Towers zuständig. Alle erforderlichen Kontrollen, Bestimmungen im Brandschutz und sonstigen Sicherheitsstandards seien eingehalten worden, teilte die Firma mit.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan versprach umfassende Aufklärung. "Es wird im Laufe der nächsten Tage viele Fragen zur Ursache dieser Tragödie geben, und ich möchte den Londonern versichern, dass wir für alle Antworten bekommen werden."

Derzeit ist das Hochhaus im Stadtteil Kensington entgegen ersten Befürchtungen nicht einsturzgefährdet. Spezialisten hätten den Bau untersucht und für weitere Lösch- und Bergungsarbeiten sicher befunden, teilte die Feuerwehr mit. Nach Angaben der Polizei wird der Einsatz noch mehrere Tage dauern.

Wie die BBC am frühen Donnerstagmorgen meldete, loderten in einigen Wohnungen - mehr als 24 Stunden nach Ausbruch des Brandes - noch immer die Flammen. Die Feuerwehr leuchtete von einer Hebe-Plattform von außen in das Gebäude, berichtete eine Reporterin.

Augenzeugen im Video: "Wie im Horrorfilm!"

REUTERS

wit/dpa

insgesamt 120 Beiträge
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Rosa3000 15.06.2017
1. Tolle Experten
Im Nachgang festzustellen, dass die verwendeten Materialien brandgefährlich waren... Da muss man aber sowas von Fachmann/frau sein. Und natürlich in D unmöglich, wer es glaubt...
novalis28 15.06.2017
2. Ganz klar:
Trump ist schuld.
laermgegner 15.06.2017
3. Ja, ja in Deutschland
lächerlich, was die deutschen Experten von sich geben- solche Brandfälle kann es meiner Meinung nach auch in D geben . Die Fassendenbrände in Frankfurt am Main haben z.B. gezeigt, dass auch unkontrollierte Feuer entstehen können. Aber D ist ja so gut, dass wegen Auflagen ganze Flughäfen nicht in Betrieb gehen. Bei uns muß man sogar für jeden Kleinkram die Feuerwehr holen, bei die Behörden nicht gebakchen bekommen. Aber auch die Gesundheit * Leben spielt dabei keine Rolle.
darko 15.06.2017
4. Erkennbar
soll die Verantwortung auf eine Firma und die Eigentümer des Hochhauses geschoben werden. Der Brand soll in einer Wohnung ausgebrochen sein . Ein naheliegender Gedanke : was hindert eigentlich Terroristen , sich in einem Hochhaus einzunisten und einen solch archetypisch verheerenden Brand zu entfachen ?
frenchie3 15.06.2017
5. Die Brandschutzmaßnahmen wurden eingehalten
Das ist auch der Fall wenn in einem hölzernen Strohlager eine gefüllte Gießkanne vorgeschrieben ist. Ein kleiner Seitenhieb bei dieser todtraurigen Sache: lästert noch jemand über übertriebenen Brandschutz bei BER? Lieber zu vorsichtig als auch nur eine viertel so schlimme Katastrophe wie diese. Mir graust vor dem was man jetzt noch im Haus entdecken wird.
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