Neues von der Insel: Der Wohnungsmarkt, Satans Erfindung

Eine Kolumne von Christoph Scheuermann

Mietwohnungen in Londons Innenstadt sind klein, teuer und nicht besonders hübsch. Wer eine Bleibe will, sollte sich auf Enttäuschungen einstellen - dann wird die Suche zur unterhaltsamen Safari. Lässt sich doch irgendwie eine bezahlbare Unterkunft finden, in der man leben möchte?

Wohnungen in Londons City: Kranke Idee, eine halbwegs bezahlbare Wohnung zu finden Zur Großansicht
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Wohnungen in Londons City: Kranke Idee, eine halbwegs bezahlbare Wohnung zu finden

Menschen, die freiwillig nach London ziehen und über die bizarr hohen Mieten jammern, sind so ernst zu nehmen wie solche, die den Zug nehmen und sich über Verspätungen aufregen. Leute, es gehört dazu! Ihr hättet es ahnen können. Davon abgesehen ist der Londoner Wohnungsmarkt eine Erfindung des Satans.

Weil Satan nicht viel Zeit hat, lässt er das Alltagsgeschäft von Helfern organisieren. Damit will ich nicht sagen, dass Immobilienmakler in London unhöflicher, fieser oder blutrünstiger wären als anderswo. Die meisten, die ich kennenlernen musste, wirkten zunächst nett und harmlos. So harmlos wie fleischfressende Schlingpflanzen. Aber nett.

Sie sitzen in Büros in zentraler Lage, blockieren damit wertvollen Wohnraum und warten. Mehr müssen sie auch gar nicht tun. Ihre Beute kommt von selbst, angespült von nackter Verzweiflung. Natürlich gibt es auch wirklich nette Makler. Meine Lieblingsmaklerin heißt Esin. Sie ist Anfang 20, hat einen Händedruck wie eine Elfe und fährt Auto wie Steve McQueen in "Bullit". Bei unserem ersten Treffen stellte sie mir eine halbe Stunde lang Fragen: In welchem Viertel ich wohnen wolle, welche Straße, welche Art von Haus, Neubau oder Jahrhundertwende, welche Etage, wie viele Zimmer zu welchem Preis. Sie machte sich sogar Notizen.

Bislang lief das mit Maklern so: Ich nannte ein Phantasiebudget und sie führten mich in dunkle Verliese, die sie Souterrain-Wohnungen nannten und die nach Rentner rochen. Einmal stand ich in einem Apartment, das im Seitenschiff einer umgebauten Kirche untergebracht war. Es war wie bei "Friedhof der Kuscheltiere". I've seen things.

Eine Stadt, süchtig nach Handtuchtrocknern

Mit Esin schien plötzlich alles machbar. Penthouse, Blick auf die Themse, 900 Euro warm. Sie würde das klarmachen, bestimmt. Ich bildete mir ein, dass sie anders war als die anderen Makler. Authentischer, unverdorbener. Ich hätte ihr gerne zugeflüstert: Ich hol dich da raus, Baby. Esin flüsterte: Morgen zeige ich dir ein paar Wohnungen.

Man lernt viel über eine Stadt, wenn man die Privaträume ihrer Einwohner betritt. Hamburg liebt massive Bücherwände, Berlin mag Rauputz, München hat ein heimliches Faible für die Hausbar. London ist süchtig nach elektrischen Handtuchtrocknern. Nach diesen silbernen, von innen beheizten Stangen aus Hotelbadezimmern. Ein Bad in einer Londoner Mietwohnung kann das Volumen einer Hundehütte haben, es kann aus verfaulten Brettern in eine Zimmerecke genagelt worden sein und die Regentschaft König Heinrich VIII. miterlebt haben - ein Handtuchtrockner findet magischerweise immer darin Platz. Ich weiß noch nicht, was das über diese Stadt aussagt, aber der Mann, der diese Dinger herstellt, muss Millionär sein. Handtuchtrockner-Millionär.

Aus verschiedenen Gründen ist es hilfreich, sich bei der Wohnungssuche rasch eine gewisse Enttäuschungsresistenz zuzulegen. Und sobald man sich die Scham abtrainiert hat, in das Intimleben fremder Menschen zu platzen, kann ein Samstag voller Besichtigungstermine so unterhaltsam sein wie eine Safari. Wilde Londoner in ihrem natürlichen Habitat, Eintritt frei. Man muss sich nur von der kranken Idee verabschieden, in der Innenstadt eine hübsche, kleine und halbwegs bezahlbare Wohnung zu finden, dann machen die Besichtigungen sogar Spaß.

Die Elfenstimme weist den Weg ins dunkle Souterrain

Einmal stieß mich ein Makler in einen Raum von der Größe eines Pax-Kleiderschranks und sagte mit dem demütigen Triumph eines Gläubigen, der die Pforte ins Paradies aufgestoßen hatte: "Das Schlafzimmer." In dem Zimmer stand ein Aktenschrank aus Metall sowie ein winziger Schreibtisch, hinter dem eine Frau saß und Pakete mit Klebeband verschloss. Sie sah aus wie eine bulgarische Postbeamtin. Über ihr brüllte ein Fernseher gerade die Nachrichten, wenn ich mich recht erinnere, ging es mal wieder um Jimmy Savile, dem der Missbrauch Hunderter Kinder vorgeworfen wird.

Ein anderes Mal wurde ich in ein Schlafzimmer geführt, in dem ein Paar im Bett Pizza frühstückte. Die beiden hatten wenig an. Es war nach zwölf Uhr mittags. Sie wussten, dass der Makler kommen würde. Ich will das nicht beurteilen. Als ich ins Zimmer trat, blickten sie auf, als hätte sich eine Fliege in den Raum verirrt, und kauten weiter.

Esin traf ich an einem Freitag wieder. Auf dem Weg zum Wagen erzählte sie, dass sich in dieser Woche 600 neue Kunden in ihrem Büro registriert hätten. In derselben Zeit seien 13 Wohnungen auf den Markt gekommen. Dann trat sie aufs Gaspedal. Als der Wagen eine halbe Stunde später ruckartig zum Stehen kam und ich die Augen wieder öffnete, parkten wir vor einem Reihenhaus. Es war schmal und klein, aber okay. Ich stieg aus und wollte die Stufen zur Eingangstür hoch, als Esin auf eine zweite Treppe deutete, die ins Souterrain hinabführte. Ich sah die vergitterten Fenster. Es war dunkel dort unten. Die Elfenstimme sagte: Hier entlang.

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insgesamt 19 Beiträge
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1.
bendel77 09.11.2012
Das erste was man lernt ist ja auch dem Makler zu sagen: "No lower groundfloor!". Wobei, für einen Schuhfetischisten wäre das schon was.
2. :-)
Tades75 09.11.2012
Kommt mir bekannt vor. Habe vor einigen Jahren ein ganzes Jahr in Birminham verbracht. Die Wohnungssuche war nicht ganz so schlimm wie in London, aber dennoch ähnlich.
3. ganz GB ist ein Wohnungs-nightmare
HerStephness 09.11.2012
wer schon mal außerhalb von London gewohnt hat, der weiß, dass wohnen in Großbritannien ganz anders ist, als überall sonst auf der welt. das beschränkt sich nicht nur auf die Hauptstadt. wohnen ist für die Briten in erster Linie funktional, und dann erst schön. nur, wer sich ein hübsches Cottage auf dem Land oder meinetwegen auch ein schickes Häuschen in London leisten kann, lebt hier, gemessen mit unseren Maßstäben, etwas besser.
4. City
zephyros 09.11.2012
was in London die Souterrains, sind in Paris die chambres d´hôtes - winzige Verschläge, in denen früher Dienstboten untergebracht waren - zu 300-500€ Miete selbstverständlich.
5. Unnützer Erlebnisaufsatz eines unbegabten Journalisten-Schülers
criticos 09.11.2012
der noch nicht gelernt hat, dass Stereotypen und erfundene Erlebnisse keinen Informationswert haben (wie es auf dem Londoner Wohnungsmarkt aussieht, kann man den Tageszeitungen entnehmen). Besonders 'stilvoll': "riecht nach Rentnern". Was hat der für einen Opa?
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Zum Autor
  • Christoph Scheuermann, SPIEGEL-Korrespondent in London, berichtet aus Großbritannien und dem Rest des Königreichs. Zuvor war er Redakteur im Deutschland-Ressort und hat unter anderem über Islamisten, Banker und das seltsame Verhältnis zwischen Frauen und Männern Anfang 30 geschrieben. Seine Kolumne handelt von den Sitten und Gebräuchen auf Europas größter Insel, der vermutlich unterhaltsamsten Monarchie der Welt.