Jackpot-Gewinner aus Illinois: Amerikas Lotto-Fluch

Von , New York

Es ist eine gigantische Summe: Das Rentner-Ehepaar Merle und Patricia Butler hat beim Lotto fast 219 Millionen Dollar gewonnen - ein Drittel des größten Jackpots der Geschichte. Jetzt feiert Amerika seine Geldkönige. Doch die Vermutung liegt nahe, dass den beiden viel Ärger bevorsteht.

Merle und Patricia Butler: Die Lotto-Könige aus Red Bud Fotos
DPA

Niedlich sind sie. Wie sie da vor den Kameras stehen, an einem Holzpult im Gemeindehaus von Red Bud, schüchtern und doch aufgeregt. Merle Butler trägt ein neues, blaues Hemd, seine Frau Patricia eine grüne Strickjacke. Sie kichert verlegen und wippt stumm hin und her.

Auch der Bürgermeister ist da. Ein Ort wie im Film sei Red Bud, sagt Tim Lowry: "Ich kenne die Butlers, seit ich ein kleiner Junge war." Dann überreicht er ihnen eine Scheckattrappe aus laminierter Pappe mit der Rekordsumme: 218.666.667 Dollar. Der Scheck ist nur auf Merles Namen ausgestellt. Ach, Nebensache.

Es ist ein Ritual, das sich so schon oft abgespielt hat in der amerikanischen Provinz, mit stets ähnlichen Kulissen, Statisten, Requisiten. Ein winziges Kaff, von dem bis dahin noch nie jemand gehört hat. Einfache Menschen, über Nacht reich geworden und ins Rampenlicht gestoßen. Ein Millionenscheck, der ihr Leben verändert. Ein schöner Traum. Oder?

Das Kaff ist in diesem Fall Red Bud im leeren Süden von Illinois, 3700 Einwohner, die "Blütenstadt", benannt nach dem kanadischen Judasbaum. Und die einfachen Menschen sind Merle und Pat Butler, 65 und 62, Pensionäre, seit 41 Jahren verheiratet. Merle hat früher mal für eine Versicherung gearbeitet, Pat für eine Investmentfirma, ausgerechnet. Beide haben nie woanders gewohnt als in Red Bud.

Drei Dollar für das Gewinner-Los

Jetzt haben sie also im Lotto gewonnen. Nicht bei irgendeinem Spiel, sondern bei Mega Millions, jener Mammutlotterie, die in 44 US-Bundesstaaten parallel läuft. Deren Jackpot hatte sich, dank Nietenziehungen und Medienhype, zuletzt auf 656 Millionen Dollar hochgeschaukelt, so viel wie noch nie. Merle Butler kaufte an der Tankstelle "Moto Mart" an der South Main Street für drei Dollar das "Quick Pick"-Los, das die siegreichen Nummern trug: 2-4-23-38-46 und den sogenannten Mega Ball 23.

Ein solches Los kauften auch noch zwei andere Tippgemeinschaften, eine in Maryland und eine in Kansas, der Gewinn wurde deshalb gedrittelt. Am Ende blieben pro Partei rund 219 Millionen Dollar übrig. Da sich die Butlers für eine Sofortauszahlung entschieden, reduzierte sich die Summe auf 158 Millionen Dollar vor Steuern, immerhin.

Die Butlers waren aber die einzigen, die sich zu erkennen gaben - notgedrungen, in Illinois will es das Gesetz so. "Wir sind nur ganz normale Leute", versicherte Merle. "Wir erwarten nicht, dass sich unser Alltag allzu sehr verändert."

Genau das haben die meisten Lottogewinner vor ihnen auch gesagt. Es sind bescheidene, erwartungsgemäße und meist leere Worte: Ein Blick zurück legt nahe, dass die Probleme für die Butlers jetzt erst richtig anfangen könnten.

Das Phänomen des "Lotto-Fluchs"

Schulden, Konkurs, Kriminalität, Gewalt, Mord, Suizid: Kaum ein US-Lottogewinner, der sich an die Öffentlichkeit gewagt hat, kam heil davon. Vielleicht liegt das an Amerika, wo alles größer, lauter und letztlich gnadenloser ist, eben auch das Lotto. Vielleicht liegt es an der Schwäche der menschlichen Psyche, die krasse Veränderungen nur schwer verarbeiten kann. Vielleicht liegt es aber auch einfach nur an dem Phänomen, das man in den USA den "Lotto-Fluch" nennt.

William ("Bud") Post zum Beispiel. Der Hilfsarbeiter aus Ohio gewann 1988 mehr als 16 Millionen Dollar. Seine Familie war wenig dankbar. Sein Bruder versuchte, einen Killer anzuheuern, um ihn umzubringen. Seine Vermieterin verklagte ihn auf ein Drittel des Gewinns. Er verschuldete sich hoch, schoss einen seiner Gläubiger an, landete für sechs Monate im Gefängnis und starb 2006 mit 66, völlig mittellos. "Glückloser Lottogewinner", betitelte die "Washington Post" seinen Nachruf.

Oder Ken Proxmire. Der Werkzeugmacher aus Michigan gewann 1997 eine Million Dollar. Er eröffnete eine Sportladenkette, wollte nur noch mit Limousinen und Hubschraubern reisen. Nach fünf Jahren war er pleite, und seine Frau verließ ihn dann auch noch. Heute arbeitet er wieder, hochverschuldet, als Werkzeugmacher.

Die Perückenmacherin Janite Lee aus St. Louis gewann 1993 rund 18 Millionen Dollar. Sie gab alles für gute Zwecke aus. Für die Washington University, die einen Lesesaal nach ihr benannte. Für demokratische Kandidaten wie Bill Clinton und Al Gore, die sie zum Essen einluden. Für obskure Kirchen in ihrem Heimatland Südkorea. Was übrig blieb, verzockte sie am Spieltisch. Nach acht Jahren war sie bankrott.

Auch der Trucker Abraham Shakespeare aus Florida schwor, die 16,9 Millionen Dollar, die er 2006 gewann, würden ihn "nicht verändern". Er kaufte sich eine Rolex und eine Villa. Dann verschwand er spurlos - bis er 2010 ermordet aufgefunden wurde, unter einer Betonplatte begraben. Seine einstige Geschäftspartnerin steht zurzeit wegen der Tat vor Gericht.

"Das Schlimmste, das mir je passiert ist"

Billie Bob Harrell war ein frommer Mann. Auch dem Texaner brachte 1997 ein "Quick Pick"-Los 31 Millionen Dollar. Er verschenkte das meiste an Freunde, Bekannte, seinen Pastor, kaufte ihnen Häuser und Autos und sich selbst eine Farm. Glücklich machte es ihn nicht: 20 Monate später erschoss er sich. "Im Lotto zu gewinnen", sagte er kurz zuvor, "war das Schlimmste, das mir je passiert ist."

Auch Jeffrey Dampier überschüttete seinen Freundeskreis mit Spenden, als er 1986 in Illinois 20 Millionen Dollar gewann. Seiner Schwägerin Victoria Jackson war das nicht genug: Sie und ihr Freund Nathaniel Jackson entführten Dampier, versuchten ihn zu erpressen - und erschossen ihn.

Schlimm erging es auch Jack Whittaker. Der Handwerker aus West Virginia gewann 2002 in der "Powerball"-Lotterie 315 Millionen Dollar. Diebe beklauten ihn, ein Casino verklagte ihn, seine Frau ließ sich scheiden, er selbst wurde mehrfach verhaftet, etwa wegen Trunkenheit am Steuer. Mehr noch: Erst starb der Freund seiner Enkelin in Whittakers Wohnung an einer Überdosis, dann - ebenfalls an einer Überdosis - einen Monat später die Enkelin und 2009 schließlich ihre Mutter, Whittakers Tochter.

43 der 600 Einwohner im texanischen Roby knackten 1996 einen Jackpot von 46 Millionen Dollar. Doch das Farmer-Dorf, in dem es plötzlich von Millionären wimmelte, hatte wenig davon. Die Gewinner verspielten und verprassten ihr Geld. Roby ist wieder, wie das Magazin "Texas Monthly" schrieb, "ein sterbender Ort".

So sehen die Leute in Red Bud ihre Zukunft freilich nicht. "Hollywoods Drehbuchschreiber hätten keine bessere Geschichte verfassen können", jubelte Michael Jones, der Chef der Lotteriegesellschaft, nach dem Triumph der Butlers. "Eine freundliche, wunderschöne Stadt in Illinois, der größte Jackpot aller Zeiten, gewonnen von wunderschönen Menschen."

Merle Butler erzählte am Mittwoch, wie er zwei Wochen lang durch Red Bud gelaufen sei, ohne etwas von seinem Gewinn zu verraten. "Ich dachte mir", sagte er, "je weniger ich sage, umso besser." Damit könnte er Recht behalten.

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1.
Siggi_Paschulke 19.04.2012
Zitat von sysopEs ist eine gigantische Summe: Das Rentner-Ehepaar Merle und Patricia Butler hat beim Lotto fast 219 Millionen Dollar gewonnen - ein Drittel des größten Jackpots der Geschichte. Jetzt feiert Amerika seine Geldkönige. Doch die Vermutung liegt nahe, dass den beiden viel Ärger bevorsteht. Jackpot-Gewinner aus Illinois: Amerikas Lotto-Fluch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,828417,00.html)
Man sieht doch aber auch an den ausgewogen ausgewaehlten Beispielen, dass mindestens genauso oft eigene Hybris wie fremder Neid zum Tragen kommen. Trotzdem naehme ich das Risiko gern in Kauf und melde mich freiwillig zum Testlauf "zwei Millionen".
2.
bertburk 19.04.2012
Zitat von sysopDie Butlers waren aber die einzigen, die sich zu erkennen gaben - notgedrungen, in Illinois will es das Gesetz so.
Was es nicht alles für Gesetze gibt.....
3. Ich glaube an dem Artikel
theodorheuss 19.04.2012
Zitat von sysopEs ist eine gigantische Summe: Das Rentner-Ehepaar Merle und Patricia Butler hat beim Lotto fast 219 Millionen Dollar gewonnen - ein Drittel des größten Jackpots der Geschichte. Jetzt feiert Amerika seine Geldkönige. Doch die Vermutung liegt nahe, dass den beiden viel Ärger bevorsteht. Jackpot-Gewinner aus Illinois: Amerikas Lotto-Fluch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,828417,00.html)
ist durchaus etwas dran. Man muß schon Charakterfest sein um bei diesen Summen nicht "durchzudrehen". Und Günstlinge, Schmarotzer, "liebe Verwandte" muß man sich auch vom Halse halten. Wer ist ehrlicher Freund wer will nur an meine Kohle? Letztendlich sage ich mir häufig: "Hey was willst du denn? Hast ne nette Bude, n ollen Wagen und n schickes Motorrad. Der Kühlschrank ist immer voll. I-net, 500 Fernsehprogramme, sauberes Wasser, Frieden, nette Nachbarn. Nö, ich bin da schon mehr als zufrieden, wohl auch ein Grund warum ich kein Lotto spiele. Allerdings, das Wetter könnte besser sein und ne kleine Finca am Mittellmeer ja DAS wäre schon noch mein Traum. Und weniger arbeiten müßen. Aber um sich solche Träume zu erfüllen muß man keine Lottomillionen gewinnen.
4.
Ochlokrat 19.04.2012
Zitat von sysopEs ist eine gigantische Summe: Das Rentner-Ehepaar Merle und Patricia Butler hat beim Lotto fast 219 Millionen Dollar gewonnen - ein Drittel des größten Jackpots der Geschichte. Jetzt feiert Amerika seine Geldkönige. Doch die Vermutung liegt nahe, dass den beiden viel Ärger bevorsteht. Jackpot-Gewinner aus Illinois: Amerikas Lotto-Fluch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,828417,00.html)
Pitzke in Bestform! Zwar tut es mir wenig leid, dass er in seinem so vielgescholtenen Wohnort derart zu leiden hat. Denn er könnte ja auch ab und zu über die glücklichen Lottogewinner (und Äquivalente: etwa zur Abwechslung mal glückliche Amerikaner im Allgemeinen) berichten. Nichtsdestotrotz gefällt mir dieser Artikel, deutet er doch irgendwie die moralleere, über Leichen gehende Gier des White Trash an, die sich quasi top-down - mit ebensolchen top-down Mitteln: top bedient man sich des Krieges, down nur des Mordes - durchpropagiert.
5. Was ist amerikanisch..
javaan 19.04.2012
Zitat von sysopEs ist eine gigantische Summe: Das Rentner-Ehepaar Merle und Patricia Butler hat beim Lotto fast 219 Millionen Dollar gewonnen - ein Drittel des größten Jackpots der Geschichte. Jetzt feiert Amerika seine Geldkönige. Doch die Vermutung liegt nahe, dass den beiden viel Ärger bevorsteht. Jackpot-Gewinner aus Illinois: Amerikas Lotto-Fluch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,828417,00.html)
.. an dem Lottofluch? Diese Schicksale können Sie in jedem Land ähnlich aufzeichnen (womöglich abgesehen von dem Waffeneinsatz)
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