Von Benjamin Schulz
Mainz - Die Zahlen 3, 8, 11, 26, 32, 40 und die Zusatzzahl 9 werden in die Lottogeschichte eingehen - obwohl kein Spieler mit dieser Kombination auch nur einen Cent gewonnen hat. Die Zahlen waren das Ergebnis einer fehlerhaften Ziehung am Mittwochabend. Das ZDF hatte die Sendung ausgestrahlt. Lotto Rheinland-Pfalz schritt ein, erklärte sie für ungültig und gab wenig später neue Gewinnziffern bekannt: 16, 21, 23, 29, 31, 38 und die Zusatzzahl 24.
2,33 Millionen TV-Zuschauer sahen die Lotto-Pannenshow im ZDF. Dem Sender und Lottofee Heike Maurer war die Sache so peinlich, dass es im "heute journal" nicht beim Verlesen der korrekten Zahlen blieb, sondern der Sache eine eigene, ausführliche Meldung gewidmet wurde.
Manche nahmen die Sache mit Humor, etwa im Forum von SPIEGEL ONLINE. Das Problem mit falschen Gewinnziffern sei doch bekannt, hieß es dort: "Die ziehen jede Woche die falschen Zahlen... ;-)"
Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Lotto-Panne:
Was war los?
Bei der Lottomaschine bilden zwei Scheiben aus Plexiglas den sogenannten Schlitten. Er hält die Kugeln vor der Ziehung fest. Die Scheiben haben jeweils 49 Löcher und sind zu Beginn versetzt angeordnet. Dadurch kann sich keine Kugel bewegen. Auf Knopfdruck werden die Scheiben so verschoben, dass die Löcher übereinander liegen und alle Kugeln - normale Tischtennisbälle - in die Trommel fallen. So ist es zumindest gedacht, und hier hakte es am Mittwoch.
Zwei Kugeln rollten nicht in die Trommel. "Wir wissen nicht, welche Nummern es waren", sagt Clemens Buch von Lotto Rheinland-Pfalz, der für die Ziehung zuständigen Gesellschaft. Man könne nicht bestätigen, dass es wie von der "Bild"-Zeitung berichtet die 46 und 47 gewesen seien.
"Keiner kann sich erklären, warum die Kugeln nicht runterfielen", sagt Buch. Eine halbe Stunde vor jeder Ziehung gebe es einen Probelauf, bei dem alles inklusive Gerät und Moderation getestet werde. "Da hat alles reibungslos funktioniert." Während der Sendung bemerkte niemand etwas - Ziehungsleiter Dirk Martin ebenso wenig wie die Aufsichtsbeamtin, das ZDF und Moderatorin Heike Maurer.
Die Episode am Mittwochabend war eine Premiere. In fast 60 Jahren Lotto hat die Zahlenausgabe noch nie geklemmt. Auch seit der Einführung des Mittwochslotto am 28. April 1982 musste keine Ziehung wiederholt werden. 2002 war allerdings die Trommel des Ziehungsgeräts defekt. Die Ausspielung wurde unterbrochen und mit einem Ersatzgerät beendet.
Wie sollen ähnliche Pannen künftig verhindert werden?
Die Ursache des Fehlers ist noch unklar. Das Pannengerät wird nun laut Clemens Buch von Lotto Rheinland-Pfalz genauestens überprüft, auch die Herstellerfirma aus dem Saarland wurde verständigt. Da die spätere, korrekt verlaufene Ziehung mit demselben Gerät vollzogen wurde, geht Buch davon aus, dass die Maschine keinen grundsätzlichen Defekt hat. Ähnlich äußerte sich Ziehungsleiter Martin: "Ein technischer Defekt, der so nie vorgekommen ist und so auch nicht abzusehen war."
Die Prüfung soll bis zum kommenden Mittwoch abgeschlossen sein. Auf die Ziehung am Samstag wird sich die Panne nicht auswirken. Beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt, der die Ziehung im Samstagslotto betreut, steht ein anderes baugleiches Gerät.
"Die Wahrscheinlichkeit von sechs Richtigen erhöht sich natürlich, wenn weniger Zahlen zur Auswahl stehen", sagt Wolfgang Freudenberg, Professor für Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik an der TU Cottbus. Absolut gesehen ist die Chance auf einen Sechser allerdings immer noch verschwindend gering: Bei 6 aus 49 liegt sie bei 1:13.983.816, bei 6 aus 47 bei 1:10.737.573. Wenn man die Superzahl hinzunimmt, sinken die Chancen nochmals drastisch - auf ein Zehntel der jeweiligen Wahrscheinlichkeiten.
Prinzipiell liegt die Wahrscheinlichkeit für sechs Richtige bei 6 aus 47 um rund 30 Prozent höher als bei 6 aus 49. Allerdings hat die Sache einen Haken, wie Freudenberg erklärt. "Um in den Genuss der höheren Wahrscheinlichkeit für sechs Richtige zu kommen, dürfte man auch nur die 47 Zahlen zum Ankreuzen benutzen - man müsste also die zwei fehlenden Zahlen kennen."
Ja. "Teilweise waren die Leute sehr erbost", sagt etwa Herbert John von Lotto Niedersachsen. "Ich hab das doch so im Videotext gelesen" - so oder ähnlich hätten sie argumentiert. Aber in der Ziehungsordnung sei nun einmal festgelegt, wann eine Ziehung gültig sei. Das habe er - "nachdem ich lange mit den Leuten gesprochen habe" - auch erklären können. Die Panne sei ein bedauerlicher Unfall.
Großgewinner waren bei John nicht am Telefon. Ein Anrufer habe bei der ersten Ziehung vier Richtige gehabt - "das hätte etwa 54 Euro gegeben", sagt John. "Natürlich auch ärgerlich, wenn man die dann nicht gewinnt."
Bei der zuständigen Gesellschaft Lotto Rheinland-Pfalz gab es laut Sprecher Clemens Buch keine detaillierte Auswertung zu vermeintlichen Gewinnern, weil die erste Ziehung ohnehin ungültig war. "Aber bei uns hat sich kein Kunde beschwert", sagt er. Sicher sei, dass bei der zweiten, korrekten Ziehung niemand sechs Richtige gehabt habe.
Gewinner der ersten, fehlerhaften Ziehung haben keine Ansprüche auf den vermeintlich schon sicheren Gewinn - auch wenn sie sich womöglich darum geprellt fühlen. "In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Lottogesellschaften ist geregelt, dass man nur einen Anspruch auf den Gewinn hat, wenn man schriftlich benachrichtigt wurde und die Ziehung ordnungsgemäß war", sagt Martin Bahr, Anwalt und Experte für Glücksspielrecht.
Auch gegen den Verkünder der falsch gezogenen Zahlen - in diesem Fall das ZDF - besteht für vermeintliche Gewinner keine Handhabe. Dafür sorgt ein Satz, den jeder TV-Zuschauer schon so oft gehört hat, dass er ihn kaum noch wahrnimmt: "Alle Angaben wie immer ohne Gewähr."
"Bevor man es als Gewinner ordentlich krachen lässt, sollte man unbedingt auf den Brief der Lottogesellschaft warten", empfiehlt Bahr - zumal man ja ohnehin nicht wissen könne, wie viel Geld man tatsächlich bekomme. Schließlich ist es auch möglich, dass sich mehrere Gewinner den Jackpot teilen müssen. Im November 2011 gab es etwa für sechs Richtige nur knapp 30.000 Euro, weil gleich 78 Spieler mit ihren Tipps richtig lagen.
Mit Material von dpa
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