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Love-Parade-Desaster: Duisburger Polizei gibt Ermittlungen ab

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Wer trägt die Schuld an der Love-Parade-Katastrophe? Bisher untersuchte das die Duisburger Kripo, doch nun wird sie die Ermittlungen nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen an die Kölner Polizei abgeben. Man will so offenbar dem Vorwurf der Befangenheit aus dem Weg gehen.

Die Katastrophe von Duisburg: Trauer am Tag danach Fotos
REUTERS

Duisburg - Vielleicht klappt es also doch mit der rückhaltlosen Aufklärung, die Bundespräsident Wulff vollmundig gefordert hat? Zwei Tage nach dem Desaster, bei dem 19 Menschen starben und mehr als 500 zum Teil schwer verletzt wurden, gibt die Duisburger Polizei die Ermittlungen gegen Unbekannt ab. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen soll die Kölner Polizei diese übernehmen. Derweil wird das Love-Parade-Einsatzkonzept der Polizei nun vom Präsidium Essen überprüft.

Der Duisburger Behördensprecher Ramon van der Maat wollte am Montagmittag entsprechende Informationen noch nicht bestätigen, er verwies stattdessen an das Innenministerium in Düsseldorf. Dort aber mochte man sich auch nicht unmittelbar zu dem Thema äußern, kündigte dafür eine Pressemitteilung an.

Offenbar fürchten die Duisburger Polizisten bei den Ermittlungen gegen Verwaltungsbeamte der eigenen Stadt den Vorwurf der Befangenheit. "Das sähe jedenfalls nicht so toll aus", sagte ein Fahnder. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, hatte zunächst die Kriminalinspektion 1 das Verfahren übernommen - um es dann sehr schnell wieder loszuwerden.

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Pressekonferenz zur Love Parade: Viele Fragen, kaum Antworten
Gleichzeitig erreichten SPIEGEL ONLINE Dokumente aus der Polizei, in denen frühzeitig vor der Brisanz der Love Parade gewarnt wurde. So heißt es in einer Anlage zu einem Einsatzbefehl vom 21. Juli 2010, die Gewährleistung der Sicherheit der Teilnehmer und Zuschauer genieße "höchste Priorität". Und weiter: "Durch ein hohes Maß an Kooperation mit allen beteiligten Stellen sind Nahtstellenprobleme frühzeitig zu erkennen und zu beseitigen."

In einer Unterlage aus der Duisburger Stadtverwaltung vom 21. Juli 2010 (Aktenzeichen 62-34-WL-2010-0026), die SPIEGEL ONLINE vorliegt, hatte der Sachbearbeiter der Unteren Bauaufsicht im Duisburger Amt für Baurecht und Bauberatung den Ausrichtern der Mega-Party klipp und klar vorgebeben: "Die maximale Personenzahl, die sich gleichzeitig auf dem Veranstaltungsgelände aufhalten darf wird (...) auf 250.000 Personen begrenzt."

Die Veranstalter des Festes sprachen jedoch wenige Stunden vor dem Unglück noch stolz von etwa 1,4 Millionen Teilnehmern. "Das kann ich nicht bestätigen", sagte der kommissarische Duisburger Polizeichef Detlef von Schmeling am Sonntagnachmittag auf einer Pressekonferenz und vermied jede Festlegung. Die Gäste seien überwiegend mit der Bahn angereist, dabei habe es sich "in dem Zeitfenster zwischen 9 und 14 Uhr um 105.000 Personen" gehandelt. "Das ist die einzige belastbare Zahl, die wir haben", so Schmeling.

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Duisburg: Katastrophe bei der Love Parade
Angesichts der Bilder kann indes niemand ernsthaft von einer Teilnehmerzahl im niedrigen sechsstelligen Bereich ausgehen - und auch nicht anhand der Zahlen bei den letzten Love Parades im Ruhrgebiet: 2007 in Essen waren etwa 1,2 Millionen Menschen dabei, 2008 in Dortmund sogar 1,6 Millionen. Auch für Duisburg scheint mindestens eine Million realistisch. Doch während die Polizei bei jeder Großdemo schnell in der Lage ist, eine Schätzung der Teilnehmerzahl abzugeben, will sie in Duisburg keinerlei Angaben machen.

In der städtischen Genehmigung, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es weiter: "Die Zaunanlage, welche das Veranstaltungsgelände umfasst, ist so auszuführen, dass sie einer Anpralllast von mind. 2kn m (Kilonewton pro Meter; Anm. d. Red) standhält." Die Raver hatten am Samstagnachmittag einige Zäune überrennen können. Und einen Absatz darunter heißt es in dem Dokument: "Die Breite der Fluchtwege auf der Ost- und Südseite des Geländes darf an keiner Stelle eine Breite von 10 m unterschreiten." Das ist wiederum ungewöhnlich wenig.

Polizei-Plan verworfen

Wie SPIEGEL ONLINE aus der Duisburger Polizeiführung erfuhr, hatten Polizei und Feuerwehr ein eigenes Sicherheitskonzept für die Love Parade entwickelt, mit dem sie sich allerdings nicht hatten durchsetzen können. Demnach wollten die Beamten die Raver "großflächiger" anreisen lassen und Nadelöhrsituationen unbedingt verhindern. Der Plan hätte aber einen weitaus größeren Personaleinsatz erfordert, hieß es, und sei von der Verwaltung schließlich verworfen worden.

Der Duisburger Wissenschaftler Michael Schreckenberg verteidigte unterdessen sein Sicherheitskonzept. Der Tunnel, in dem es zur Massenpanik gekommen war, sei groß genug ausgelegt gewesen, so der Professor für Physik von Transport und Verkehr. Laut Schreckenberg hatten kurz vor dem Unglück einzelne Jugendliche ein Gitter überrannt und eine ungesicherte Treppe gestürmt. Damit hätten die Organisatoren nicht rechnen können.

"Man kann bei der Love Parade nicht auf die Vernunft der Teilnehmer vertrauen", sagte hingegen ein erfahrener Polizist SPIEGEL ONLINE. "Das funktioniert so nicht."

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Forum - Love Parade in Duisburg - fataler Fehler?
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1. traurig
Hovac 25.07.2010
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Wenn auch nur ein Mensch stirbt war es ein Fehler. Sowas darf in Deutschland doch nicht mehr passieren, wozu wird man von Formularhaufen für die kleinsten Anlässe erdrückt wenn es dann doch nicht sicher ist.
2. Rhetorische Frage
lawinchen, 25.07.2010
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ein Gelände, das max. 500.000 Besucher aufnehmen kann und dessen Zugangswege derart beschränkt sind, ist fraglos für eine Veranstaltung wie die Love Parade geeignet, denn die Love Parade ist dafür bekannt, weniger als 500.000 Besucher anzuziehen. Duisburg mag pleite sein und die zusätzlichen Einnahmen begrüßen, aber auf diesem Gelände mit diesen Zugangswegen hätte eine solche Veranstaltung niemals stattfinden dürfen: Ich hoffe, der Link wird dargestellt, ansonsten hilft eine Google-Maps-Suche nach "Karl-Lehr-Straße, Duisburg". Das Gelände befindet sich nördlich der L237. http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Love-Parade,+Duisburg&sll=51.151786,10.415039&sspn=21.231081,67.631836&ie=UTF8&hq=Love-Parade,&hnear=Duisburg,+Nordrhein-Westfalen&ll=51.422882,6.770582&spn=0.010276,0.033023&t=h&z=16 Polizeipräsidium und Staatsanwalt befinden sich gleich um die Ecke, ich hoffe, sie nutzen die Nähe.
3. Wo gesunder Menschenverstand aufhört...
xkultx 25.07.2010
Egal wo ob in Duisburg, Essen oder Berlin zu solchen tragischen Zwischenfällen kann es leider überall kommen. Es ist nur immer sehr einfach alles auf die Veranstalter abzuschieben, dabei wird allzu oft vergessen wer hier der wahre Auslöser des Dilemmas ist, war und bleiben wird - Alkohol, Drogen, Egoismus und Rücksichtlosigkeit. Wenn es nicht weiter geht - schiebt man nicht!!! Wo gesunder Menschenverstand aufhört, kommen die verschiedensten Schuldzuweisungen - Klar der Veranstalter ist Schuld - Klar die Stadt Duisburg ist schuld. Leute packt Euch mal an den Kopf und fangt an zu denken! Wenn ich mit 2 Promille in eine 30 Zone aus der Kurve fliege - ist dann auch die Stadt Duisburg Schuld oder der Hersteller meines Autos oder die Brauerei, warum bauen die denn dort eine Kurve hin, warum fährt mein Auto wenn ich getrunken habe?
4.
waffenstillstand 25.07.2010
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ja, sicher. Es war vorher schon bekannt, dass das Gelände höchstens 500.000 Menschen aufnehmen kann, man wusste, dass annähernd 1.000.000 Menschen kommen würde (tatsächlich kamen sogar 1.400.000). So gesehen war es allzu sehr leichtsinnig, die Veranstaltung überhaupt stattfinden zu lassen.
5. Schuld haben
gisu 25.07.2010
Schuld haben die Organisatoren, von deren Seite wurden ehr die Befürchtungen laut das eventuell zu wenig Menschen erscheinen würden, da hat man Zweifel am Gelände und den eingeschränkten Möglichkeiten außer acht gelassen. Wer mit solchen Menschenmassen plant, der muss auch verstärkt auf die Sicherheit achten, und beim kleinsten Zweifel entweder umplanen oder die Sache ganz abblasen. Mein Beileid an die Opfer und deren Angehörigen.
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Die Love Parade
Die Love Parade findet seit 1989 statt, zunächst über viele Jahre in Berlin. 2007 zog die Veranstaltung dann ins Ruhrgebiet um, mit der Premiere in Essen. Vor zwei Jahren gastierte sie in Dortmund. 2009 sagte Bochum die Techno-Party ab, weil die Stadt keine Chance sah, den Besucherandrang zu bewältigen und einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. 2010 endete die Love Parade in einer Tragödie: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.
Die Anfänge
1989 gründet Techno-DJ Dr. Motte (Matthias Roeingh) die Love Parade. Etwa 150 Technofans tanzen auf dem Kurfürstendamm unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen". Die Veranstaltung wuchs rasant: 1994 tanzten bereits 120.000 Technofans um 40 Trucks herum, 1996 kamen 750.000 Raver auf die Straße des 17. Juni im Tiergarten. Die Rekord-Besucherzahl von 1,5 Millionen gab es 1999.
Die Flaute
2000 wurde der Umzug exportiert: Nicht nur in Berlin, sondern auch in Wien, Tel Aviv und Leeds gab es Love Parades. 2001 wurde die Berliner Parade nicht mehr als politische Demonstration eingestuft, sondern als kommerzielle Veranstaltung. 2002 kam es mit 700.000 Besuchern zu einem Einbruch, 2004 und 2005 fiel die Parade mangels Sponsoren ganz aus.
Die Rückkehr
2006 feierte die Love Parade ein Comeback mit neuem Veranstalter. Unter dem Motto "The Love Is Back" tanzten nach Polizeischätzung rund 500.000 Menschen, laut Veranstalter bis zu 1,2 Millionen Menschen. Nach dem Umzug ins Ruhrgebiet waren 2007 in Essen etwa 1,2 Millionen dabei, 2008 in Dortmund sogar 1,6 Millionen Besucher - nach Veranstalterangaben, die aber fragwürdig sind. Im vergangenen Jahr fiel das Event aus. Ursprünglich sollte es in Bochum stattfinden, aber die Stadt fand keinen geeeigneten Veranstaltungsort und befürchtete, den Besucherandrang nicht bewältigen zu können.
Die Katastrophe
In diesem Jahr fand die Love Parade unter dem Motto "The Art Of Love" in Duisburg statt, auf einem abgeschlossenen alten Bahngelände. Die Veranstaltung endete in einer Katastrophe: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Offensichtlich waren wesentlich mehr Menschen auf dem Gelände als die nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zugelassenen 250.000. Die Veranstalter sprachen kurz vor der Tragödie von insgesamt 1,4 Millionen Besuchern. Nach dem Unglück erklärte Organisator Rainer Schaller das Aus der Love Parade.


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