Schadensersatz und Schmerzensgeld Anwältin verklagt Love-Parade-Veranstalter Schaller

Mehr als drei Jahre nach der Katastrophe bei der Duisburger Love Parade hat die Staatsanwaltschaft noch keine Anklage erhoben. Fest steht nur: Veranstalter Rainer Schaller ist nicht unter den Beschuldigten. Nun will ihn eine Anwältin auf Schadensersatz und Schmerzensgeld verklagen.

Love-Parade-Chef Schaller:  Klage von rund 30 Betroffenen
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Love-Parade-Chef Schaller: Klage von rund 30 Betroffenen

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Hamburg - Die Ermittlungsunterlagen haben einen Umfang, der kaum zu greifen ist. Auf mehr als 32.000 Seiten, das entspricht mehr als 50 Aktenordnern, hat die Staatsanwaltschaft zusammengetragen, was sich rund um den 24. Juli 2010 auf einem alten Bahngelände nahe der Duisburger Innenstadt ereignete - und in einer der größten Katastrophen der deutschen Nachkriegsgeschichte mündete. An jenem Sommertag kamen bei der Love Parade 21 Menschen ums Leben, Hunderte wurden teils schwer verletzt.

Mehr als drei Jahre danach heißt es, die Staatsanwaltschaft Duisburg habe die Anklage inzwischen fertiggestellt und sie der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf vorgelegt - aber noch nicht vor Gericht erhoben. Zu dem Procedere und dem Fortschreiten der Ermittlungen will sich die Behörde nicht äußern. Durchgesickert ist bislang, dass es wohl zehn Beschuldigte geben wird. Nicht unter ihnen: der damalige Bürgermeister der Stadt Duisburg, Adolf Sauerland, und der Geschäftsführer des Love-Parade-Veranstalters Lopavent, Rainer Schaller.

Schaller hat angegeben, nicht persönlich in die Vorbereitungen eingebunden gewesen zu sein. Strafrechtlich wird er daher nicht belangt, er wurde nur als einer von insgesamt 3385 Zeugen vernommen.

Aber trägt er nicht eine Verantwortung für das, was passiert ist? Und kann man diese gefühlte Schuld zivilrechtlich abbilden, wenn schon nicht strafrechtlich? Eine Bochumer Anwältin wird Rainer Schaller nun verklagen: auf Schadensersatz und Schmerzensgeld. Bärbel Schönhof vertritt rund 30 Mandanten, im Schnitt erheben sie jeweils Ansprüche in Höhe von rund 100.000 Euro, macht insgesamt mindestens drei Millionen Euro. Diese Summen sind nur vorläufig und können weiter steigen.

Manche ihrer Mandanten holt der 24. Juli 2010 immer wieder ein, in Alpträumen, Flashbacks. Sie haben posttraumatische Belastungsstörungen, es fallen Kosten an für Therapien, für Arbeitsausfälle. Für viele Betroffene hat der 24. Juli alles verändert.

"Schaller war der eigentliche Nutznießer"

Bärbel Schönhof versucht, für die Mandanten einen Ausgleich zu erhalten, auch wenn Geld nur bedingt etwas zu tun hat mit Gerechtigkeit. Ihre Klage ist der erste Versuch, Schaller persönlich haftbar zu machen. Anwältin Schönhof, die unter anderem auf Sozial- und Medizinrecht spezialisiert ist und sich als Opferanwältin versteht, bedient sich eines Kniffes.

Geschäftsführer einer GmbH haften grundsätzlich nicht persönlich. Eine Ausnahme macht das Gesetz nur dann, wenn der Einzelne ein "nicht unerhebliches persönliches Interesse verfolgt hat". Diesen Umstand sieht Schönhof bei Schaller gegeben. Denn der Gründer der Fitnessstudio-Kette McFit hatte die Rechte an der Love Parade 2006 erworben, um die Veranstaltung unter anderem als Marketinginstrument einzusetzen. Er war Alleingesellschafter, die Gewinne der Love Parade flossen in seine Tasche. Anwältin Schönhof sagt: "Schaller war der eigentliche Nutznießer."

Abrutschen in Hartz IV

Wenn der Klage stattgegeben wird, bedeutet dies aber nicht, dass Schaller alles zahlen muss. Die Klage richtet sich gegen ihn, die Stadt Duisburg und das Innenministerium des Landes NRW als Gesamtschuldner. Die Betroffenen können sich aussuchen, wem gegenüber sie ihre Ansprüche geltend machen wollen - sprich: wer besonders solvent erscheint.

Anwältin Schönhof wird die Klage in den nächsten Wochen einreichen, spätestens bis Ende des Jahres. Denn die Zeit drängt. Drei Jahre nachdem ein Betroffener Kenntnis von Schaden und Schädiger erlangt hat, können Ansprüche verjähren. Im Falle der Love Parade wäre das frühestmögliche Datum der 31. Dezember 2013. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte sich Rainer Schaller nicht zu der Klage äußern.

Bisher haben Betroffene von der Versicherung der Lopavent Vergleichsangebote erhalten. Diese umfassen vergleichsweise geringe Zahlungen und verpflichten die Geschädigten, keine weiteren Ansprüche geltend zu machen. Obwohl immer weitere Kosten entstehen: Therapien, Erwerbsschäden. Schönhof erzählt von Mandanten, die nach der Katastrophe abgerutscht sind und heute von Hartz IV leben müssen. Die Love Parade war nur mit sieben Millionen Euro versichert - angesichts Hunderter Verletzter und 21 Toter viel zu wenig.

"Die meisten Betroffenen haben genug mit sich selbst zu tun", sagt Schönhof. "Für sie ist es ein Schlag ins Gesicht, dass sie keine ausreichende Entschädigung bekommen haben. Viele sehen keine Perspektive." Die Katastrophe hat ihnen ihre Existenzgrundlage genommen. Manche Opfer wissen nicht, wie sie ihre Familien ernähren sollen. "Es ist der Versuch, Gerechtigkeit wiederherzustellen", sagt die Anwältin. Die Hoffnungen ihrer Mandanten seien groß. Die Chancen, die Klage durchzusetzen, sind es ihrer Meinung nach aber auch.

Die Hoffnungen basieren auf den Ermittlungsakten, die die Verstrickungen des Veranstalters, der Stadt und der Polizei zu beleuchten versuchen. Sachverständige haben ihre Berichte abgeliefert. Der britische Massendynamik-Experte Keith Still hat in einem Gutachten resümiert, dass es nach dem von der Stadt genehmigten Konzept nicht einmal theoretisch möglich war, die Love Parade gefahrlos durchzuführen. Hätten die Verantwortlichen die Besucherströme addiert, hätten sie feststellen können, dass die Rampe auf das Gelände viel zu klein war. Das bittere Fazit: Die Love Parade hätte nie genehmigt werden dürfen. Der Schaden wurde billigend in Kauf genommen.



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