Love-Parade-Katastrophe: "Du musst nach Duisburg"

Lena und Tim überlebten die Love Parade, Alexander versuchte einen Schwerverletzten zu retten, Frank raste mit Blaulicht zum Unglücksort: Mit ihnen sprach SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Julia Jüttner, die eine Woche lang in Duisburg recherchierte. Sie wird diese Zeit nie vergessen.

Es reicht ein Wort, ein Geräusch - wenn ich dann die Augen schließe, ist alles sofort wieder da: das Brummen der Bässe, das Martinshorn, das Gejohle betrunkener, feierwütiger Menschen.

Ich war nicht im Kriegsgebiet. Ich war nicht in einer Krisenregion. Ich war auf der Love Parade in Duisburg - und es war das Schlimmste, was ich in diesem Jahr erlebt habe.

Ich wohne in Hamburg, hatte den Tag im Freien verbracht, keinen Gedanken an das Techno-Festival vergeudet. Ich war noch nie auf einer Love Parade. Als ich nach Hause kam, klingelte mein Handy. "Du musst nach Duisburg. Auf der Love Parade sind zehn Menschen ums Leben gekommen." Da war es 19 Uhr.

Ich raste über die Autobahn und hörte durchweg Radio. Je näher ich dem Ruhrgebiet kam, von umso mehr Toten war die Rede.

Als ich in Duisburg eintraf, war die Stadt in Blaulicht getaucht. Überall standen Polizisten, Rettungshelfer, verstörte und betroffene, aber auch tanzwütige und ausgelassene Raver. Ich wusste nicht wohin.

Lena stand an einem Kiosk

Da sah ich Lena an einem Kiosk stehen. Die Augen verweint, klammerte sie sich an ihren Freund Tim. Beide trugen keine Schuhe. Sie erzählten, was sie erlebt - und wie sie überlebt hatten. Wie sie im dichten Gedränge des Eingangstunnels nach Luft rangen, wie sie von Fremden an den Haaren und Kleidern herausgezogen wurden und dabei ihre Schuhe verloren. Wie sie um ihr Leben fürchteten, Todesschreie hörten, erstmals Tote sahen.

Bis in die frühen Morgenstunden lief ich durch Duisburg, sprach mit Besuchern, die Schreckliches miterlebt hatten, und mit welchen, denen ich die Botschaft erst überbrachte.

Ich blieb eine Woche lang. Ich traf Alexander, der vergeblich versucht hatte, einen Schwerverletzten zu reanimieren. Ich sprach mit Eltern, die ihre Kinder verloren hatten, und mit dem Notarzt Frank Marx, der als einer der ersten am Unglücksort war. Ich besuchte die Trauerfeier mit Victoria, die knapp überlebt hatte. Ich war dabei, als sich die Veranstalter auf einer unwürdigen Pressekonferenz selbst bloßstellten, als die Duisburger vor dem Rathaus Sturm liefen - und ich ging jeden Tag, wie Tausende, an die Unglücksstelle.

Ich habe nichts erlebt, was mich traumatisieren könnte. Und doch lässt mich diese Woche in Duisburg nicht mehr los. Es reicht ein Wort, ein Geräusch.

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Duisburg: Katastrophe bei der Love Parade

Das war 2010

Glanzlichter, Tragödien, Katastrophen, Glücksmomente - auf SPIEGEL ONLINE schildern Redakteure, Reporter und Autoren, wie sie die besonderen Ereignisse des Jahres erlebten.

JANUAR

Björn Hengst und Marc Pitzke erlebten das Erdbeben in Haiti, Barbara Hans blickt zurück auf den Missbrauchsskandal in Kirchen und Schulen

FEBRUAR

Severin Weiland schreibt über FDP-Chef Westerwelle und die "spätrömische Dekadenz" , Barbara Hans erinnert an den Rücktritt der Bischöfin Margot Käßmann

MÄRZ

Axel Bojanowski mühte sich phonetisch beim Ausbruch des Eyjafjallajökull in Island

APRIL

Philip Bethge war dabei, als die Ölpest am Golf eine einmalige Naturlandschaft zu zerstören drohte

MAI

Sebastian Fischer traf der Rücktritt des Bundespräsidenten Köhler überraschend, Mike Glindmeier staunte über den Eurovisions-Siegeszug der Lena Meyer-Landruth

JUNI

Stefan Schultz beschäftigte das Comeback der Atomkraft

JULI

Julia Jüttner und Jörg Diehl über die Love-Parade-Katastrophe, Katharina Peters über Spanien als Fußballweltmeister , Jochen Leffers über die gescheiterte Schulreform in Hamburg , Hendrik Ternieden über Lothar Matthäus , Matthias Kremp über Stuxnet und die Cyberkrieger

AUGUST

Ann-Dorit Boy war Augenzeugin der Brände in Russland , Hasnain Kazim bei der Flutkatastrophe in Pakistan , Roman Büttner fuhr einen Mercedes SLS auf der Nordschleife des Nürburgrings

SEPTEMBER

Hasnain Kazim und Anna Reimann über die Thesen des Thilo Sarrazin, Florian Gathmann über Grüne auf Rekordhoch , Hendrik Ternieden über blutigen Protest bei Stuttgart 21

OKTOBER

Klaus Ehringfeld erlebte die Rettung chilenische Bergarbeiter , Simone Utler berichtete über giftigen Rotschlamm in Ungarn , Annette Langer verfolgte einen Kinderpornografie-Skandal in Belgien

NOVEMBER

Ole Reißmann und Christoph Seidler über die Castor-Transporte nach Gorleben, Yassin Musharbash über Terror-Alarmismus , Frank Patalong über IT-Sicherheit und Christian Stöcker über die Nöte von Journalisten, die ständig über Google schreiben müssen.

DEZEMBER

Yasmin El-Sharif fragt sich, wie sich die Hartz-IV-Debatte auf Kinder auswirkt, Marc Pitzke dokumentiert die Rückkehr der Gier an der Wall Street , Christoph Seidler war Augenzeuge beim Klimagipfel in Cancún , Sven Böll warnt vor teutonischer Euro-Arroganz und Niels Reise fragt sich, wohin Schweden steuern wird.

Die Love-Parade-Dokumentation

Die Love Parade
Die Love Parade findet seit 1989 statt, zunächst über viele Jahre in Berlin. 2007 zog die Veranstaltung dann ins Ruhrgebiet um, mit der Premiere in Essen. Vor zwei Jahren gastierte sie in Dortmund. 2009 sagte Bochum die Techno-Party ab, weil die Stadt keine Chance sah, den Besucherandrang zu bewältigen und einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. 2010 endete die Love Parade in einer Tragödie: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.
Die Anfänge
1989 gründet Techno-DJ Dr. Motte (Matthias Roeingh) die Love Parade. Etwa 150 Technofans tanzen auf dem Kurfürstendamm unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen". Die Veranstaltung wuchs rasant: 1994 tanzten bereits 120.000 Technofans um 40 Trucks herum, 1996 kamen 750.000 Raver auf die Straße des 17. Juni im Tiergarten. Die Rekord-Besucherzahl von 1,5 Millionen gab es 1999.
Die Flaute
2000 wurde der Umzug exportiert: Nicht nur in Berlin, sondern auch in Wien, Tel Aviv und Leeds gab es Love Parades. 2001 wurde die Berliner Parade nicht mehr als politische Demonstration eingestuft, sondern als kommerzielle Veranstaltung. 2002 kam es mit 700.000 Besuchern zu einem Einbruch, 2004 und 2005 fiel die Parade mangels Sponsoren ganz aus.
Die Rückkehr
2006 feierte die Love Parade ein Comeback mit neuem Veranstalter. Unter dem Motto "The Love Is Back" tanzten nach Polizeischätzung rund 500.000 Menschen, laut Veranstalter bis zu 1,2 Millionen Menschen. Nach dem Umzug ins Ruhrgebiet waren 2007 in Essen etwa 1,2 Millionen dabei, 2008 in Dortmund sogar 1,6 Millionen Besucher - nach Veranstalterangaben, die aber fragwürdig sind. Im vergangenen Jahr fiel das Event aus. Ursprünglich sollte es in Bochum stattfinden, aber die Stadt fand keinen geeeigneten Veranstaltungsort und befürchtete, den Besucherandrang nicht bewältigen zu können.
Die Katastrophe
In diesem Jahr fand die Love Parade unter dem Motto "The Art Of Love" in Duisburg statt, auf einem abgeschlossenen alten Bahngelände. Die Veranstaltung endete in einer Katastrophe: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Offensichtlich waren wesentlich mehr Menschen auf dem Gelände als die nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zugelassenen 250.000. Die Veranstalter sprachen kurz vor der Tragödie von insgesamt 1,4 Millionen Besuchern. Nach dem Unglück erklärte Organisator Rainer Schaller das Aus der Love Parade.

Polizei-Rekonstruktion: Das Protokoll der Katastrophe

Ministerium für Inneres und Kommunales NRW

Es ist ein Zeugnis der Überforderung: Die ersten Ermittlungsergebnisse lassen ahnen, wie die Lage bei der Love Parade so eskalieren konnte. SPIEGEL ONLINE dokumentiert in Polizeigrafiken und -bildern, wie die Beamten das Desaster rekonstruiert haben - und wie der Veranstalter in entscheidenden Minuten versagt haben soll.