Mit dem Auto gleite ich durch die Großstadt, die an diesem Samstagabend gelassener als sonst erscheint. Schnell nach Hause, ein Bier auf dem Balkon, mal sehen, was noch passieren wird. Im Radio beginnen die Nachrichten, ein kurzes Jingle, Fahrtwind bläst durchs geöffnete Fenster, dann sagt ein Sprecher mit neutraler Stimme, bei der Love Parade in Duisburg habe es mehrere Tote gegeben. Es sei zu einer Massenpanik gekommen und Großaufgebot von Rettungskräften jetzt vor Ort. Ich drehe den Ton ab und fahre rechts ran.
Tote!
Massenpanik!
Bei der Love Parade!
Ich nestele mein Handy aus der Tasche. In der Redaktion herrscht bereits Ausnahmezustand, ich weiß, in den nächsten Tagen, vielleicht Wochen wird es in Deutschland kein anderes Thema geben. Und doch ist da mehr als die professionelle Unruhe des Journalisten: Duisburg ist fast Heimat für mich, ich bin in der Nähe aufgewachsen und kenne dort viele und vieles. Von meiner Ex-Freundin zum Beispiel weiß ich, dass sie am Nachmittag zur Love Parade gehen wollte. Ich rufe sie an. Sie nimmt nicht ab.
Ich werde viel telefonieren in dieser Nacht, nicht nur mit meiner Jugendliebe, die glücklicherweise unverletzt geblieben ist, sondern auch mit Freunden, Bekannten, mit Technofans, Sanitätern und Polizisten. Manche weinen am Telefon, manche kreischen vor Glück, weil sie jemanden gefunden haben, den sie vermisst hatten. Auch die Beamten sind aufgewühlt, ihre Stimmen überschlagen sich - noch kann niemand erklären, was eigentlich passiert ist. Das Wort Chaos fällt oft.
Am Sonntagmittag erreicht mich dann ein Dokument, das erstmals belegt, für wie viele Besucher das Partygelände tatsächlich ausgelegt war: 250.000 Menschen. Zu diesem Zeitpunkt geht die Öffentlichkeit noch davon aus, dass mehr als eine Millionen Raver bei der Feier waren, der Veranstalter Lopavent wird erst viel später einräumen, in diesem Punkt dreist übertrieben zu haben.
Doch der Eindruck, dass hier etwas in die Katastrophe geführt hat, was in die Katastrophe führen musste, wird sich festsetzen. Das Unglück mit 21 Toten und mehr als 500 Verletzten ist ein unglaublicher Skandal, der leider viel zu schnell wieder in Vergessenheit geraten ist. Ein Skandal, für den jemand die Verantwortung trägt - auch wenn sich alle wegducken: Lopavent, Stadt, Polizei.
Ich will immer noch wissen, wer es ist.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Love Parade 2010 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH