Love-Parade-Katastrophe: Jemand ist schuld

Ein warmer Juli-Abend, SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Jörg Diehl ist auf dem Weg nach Hause, da hört er: Bei der Love Parade ist es zu einer Katastrophe gekommen. Er hält, zückt sein Telefon und beginnt zu fragen. Was ist passiert? Wer ist schuld? Warum konnte das geschehen?

Mit dem Auto gleite ich durch die Großstadt, die an diesem Samstagabend gelassener als sonst erscheint. Schnell nach Hause, ein Bier auf dem Balkon, mal sehen, was noch passieren wird. Im Radio beginnen die Nachrichten, ein kurzes Jingle, Fahrtwind bläst durchs geöffnete Fenster, dann sagt ein Sprecher mit neutraler Stimme, bei der Love Parade in Duisburg habe es mehrere Tote gegeben. Es sei zu einer Massenpanik gekommen und Großaufgebot von Rettungskräften jetzt vor Ort. Ich drehe den Ton ab und fahre rechts ran.

Tote!

Massenpanik!

Bei der Love Parade!

Ich nestele mein Handy aus der Tasche. In der Redaktion herrscht bereits Ausnahmezustand, ich weiß, in den nächsten Tagen, vielleicht Wochen wird es in Deutschland kein anderes Thema geben. Und doch ist da mehr als die professionelle Unruhe des Journalisten: Duisburg ist fast Heimat für mich, ich bin in der Nähe aufgewachsen und kenne dort viele und vieles. Von meiner Ex-Freundin zum Beispiel weiß ich, dass sie am Nachmittag zur Love Parade gehen wollte. Ich rufe sie an. Sie nimmt nicht ab.

Ich werde viel telefonieren in dieser Nacht, nicht nur mit meiner Jugendliebe, die glücklicherweise unverletzt geblieben ist, sondern auch mit Freunden, Bekannten, mit Technofans, Sanitätern und Polizisten. Manche weinen am Telefon, manche kreischen vor Glück, weil sie jemanden gefunden haben, den sie vermisst hatten. Auch die Beamten sind aufgewühlt, ihre Stimmen überschlagen sich - noch kann niemand erklären, was eigentlich passiert ist. Das Wort Chaos fällt oft.

Am Sonntagmittag erreicht mich dann ein Dokument, das erstmals belegt, für wie viele Besucher das Partygelände tatsächlich ausgelegt war: 250.000 Menschen. Zu diesem Zeitpunkt geht die Öffentlichkeit noch davon aus, dass mehr als eine Millionen Raver bei der Feier waren, der Veranstalter Lopavent wird erst viel später einräumen, in diesem Punkt dreist übertrieben zu haben.

Doch der Eindruck, dass hier etwas in die Katastrophe geführt hat, was in die Katastrophe führen musste, wird sich festsetzen. Das Unglück mit 21 Toten und mehr als 500 Verletzten ist ein unglaublicher Skandal, der leider viel zu schnell wieder in Vergessenheit geraten ist. Ein Skandal, für den jemand die Verantwortung trägt - auch wenn sich alle wegducken: Lopavent, Stadt, Polizei.

Ich will immer noch wissen, wer es ist.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Aus dem Geschehen lernen
quader 26.12.2010
Zitat von sysopEin warmer Juli-Abend, SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Jörg Diehl ist auf dem Weg nach Hause, da hört er: Bei der Love Parade ist es zu einer Katastrophe gekommen. Er hält, zückt sein Telefon und beginnt zu fragen. Was ist passiert? Wer ist schuld? Warum konnte das geschehen? http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,735666,00.html
Leider hat anscheinend noch immer niemand diese Katastrophe aufgearbeitet. Alles wartet, dass Gras über das Ganze wächst. Dabei ist klar, dass die Polizeiführung die Hauptschuld trägt. Es hätte niemals die Polizeikette kurz hinter den Eingangsschleusen geben dürfen. So eine Sperre muss VOR den Eingangsschleusen gemacht werden. Diese Kette ist kurz danach NATÜRLICH gebrochen und hat den Stau ermöglicht, der zu den Toten führte. Wenn man erst einmal eine Menge Menschen durch die Schleusen durchlässt, um sie dann auf ewig im Tunnel vor einer Sperre aufzuhalten, diesen Fehler sollte man erkennen, um für später daraus zu lernen. Aber da alle Beteiligten nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben, wird man keinen Schuldigen bestrafen können. Die Polizei ist eben die letzte Instanz, wenn alles andere nicht hilft, da kann man nicht mehr erwarten, dass niemals Fehler geschehen. Man kann aber für die Zukunft Erkenntnisse gewinnen. Wenn die Schleusen gesperrt worden wären, wäre diese Katastrophe nicht geschehen.
2.
GyrosPita 26.12.2010
Zitat von quaderLeider hat anscheinend noch immer niemand diese Katastrophe aufgearbeitet. Alles wartet, dass Gras über das Ganze wächst. Dabei ist klar, dass die Polizeiführung die Hauptschuld trägt.
Warum ist das klar? Weil Sie das gerne hätten?
3. Jemand ist Schuld
quader 28.12.2010
Zitat von GyrosPitaWarum ist das klar? Weil Sie das gerne hätten?
Nein, ich habe nichts gegen die Polizei, sie ist unendlich wichtig für das Funktionieren einer Gesellschaft. Sie ist die letzte Instanz die hier noch versucht hat zu helfen, als alle anderen Beteiligten schon versagt hatten. Und sie hat sicher mit den besten Absichten agiert, aber trotzdem ist es offensichtlich, dass diese Katastrophe nicht passiert wäre, hätte die Polizei die Zugänge VOR den Schleusen gesperrt. Es war einfach überheblich, anzunehmen, dass eine Kette hinter den Schleusen halten würde. Es war den Besuchern gegenüber auch nicht fair, diese in der Tunnelfalle aufstauen zu wollen, bis sich die Lage entspannt, da ja niemand mehr vom Gelände wegkam, konnte sich auch nichts entspannen. Ich bin auch nicht dafür einzelne Personen an irgendeine Art von Pranger zu stellen. Ich fände es angebracht, wenn eine Prüfungskommision erkennen würde, dass man besser hätte handeln können. Es wird sicher nicht das letzte Fest gewesen sein, das durch Polizei zu schützen ist. Das ganze ist ein Lehrstück für die Ausbildung von Planungskräften.
4. Indiz
jüttemann 28.12.2010
Zitat von GyrosPitaWarum ist das klar? Weil Sie das gerne hätten?
Wer die Ereignisse verfolgt hat, macht sich schon seine Gedanken, warum der Abschlussbericht der Essener Polizei zum Unglück bei der Loveparade vorerst unter Verschluss bleibt und selbst dem Landtagsausschuss vorenthalten wird. Alle anderen Beteiligten hatten offenbar nichts zu verbergen.
5. Nichts genaues weiß man nicht...
Loewe_78 28.12.2010
Zitat von quader[...]aber trotzdem ist es offensichtlich, dass diese Katastrophe nicht passiert wäre, hätte die Polizei die Zugänge VOR den Schleusen gesperrt. [...]
Das Absperren VOR der Schleuse sollten die Ordner des Veranstalters übernehmen: Diese wurden von den Menschen überrannt, da schon VOR der Schleuse zu viele Menschen waren, für die es bedrohlich eng wurde. Fazit: Hätte die Polizei nicht so gehandelt wie sie gehandelt hat, wäre das vorliegende Unglück nicht geschehen, dafür eventuell ein anderes - vielleicht ein schlimmeres. Nichts genaues wissen wir nicht: Den "Wenn-der-Hund-net-gschissa-hätt"-Alternativversionenknopf gibt es leider nur für das Ende von Filmen. Im echten Leben ist das ein bisschen anders.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Love Parade 2010
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare
  • Zur Startseite
Das war 2010

Glanzlichter, Tragödien, Katastrophen, Glücksmomente - auf SPIEGEL ONLINE schildern Redakteure, Reporter und Autoren, wie sie die besonderen Ereignisse des Jahres erlebten.

JANUAR

AP

Björn Hengst und Marc Pitzke erlebten das Erdbeben in Haiti, Barbara Hans blickt zurück auf den Missbrauchsskandal in Kirchen und Schulen

FEBRUAR

DDP

Severin Weiland schreibt über FDP-Chef Westerwelle und die "spätrömische Dekadenz" , Barbara Hans erinnert an den Rücktritt der Bischöfin Margot Käßmann

MÄRZ

REUTERS

Axel Bojanowski mühte sich phonetisch beim Ausbruch des Eyjafjallajökull in Island

APRIL

DPA

Philip Bethge war dabei, als die Ölpest am Golf eine einmalige Naturlandschaft zu zerstören drohte

MAI

DPA

Sebastian Fischer traf der Rücktritt des Bundespräsidenten Köhler überraschend, Mike Glindmeier staunte über den Eurovisions-Siegeszug der Lena Meyer-Landruth

JUNI

DPA

Stefan Schultz beschäftigte das Comeback der Atomkraft

JULI

DPA

Julia Jüttner und Jörg Diehl über die Love-Parade-Katastrophe, Katharina Peters über Spanien als Fußballweltmeister , Jochen Leffers über die gescheiterte Schulreform in Hamburg , Hendrik Ternieden über Lothar Matthäus , Matthias Kremp über Stuxnet und die Cyberkrieger

AUGUST

DPA

Ann-Dorit Boy war Augenzeugin der Brände in Russland , Hasnain Kazim bei der Flutkatastrophe in Pakistan , Roman Büttner fuhr einen Mercedes SLS auf der Nordschleife des Nürburgrings

SEPTEMBER

dapd

Hasnain Kazim und Anna Reimann über die Thesen des Thilo Sarrazin, Florian Gathmann über Grüne auf Rekordhoch , Hendrik Ternieden über blutigen Protest bei Stuttgart 21

OKTOBER

Getty Images

Klaus Ehringfeld erlebte die Rettung chilenische Bergarbeiter , Simone Utler berichtete über giftigen Rotschlamm in Ungarn , Annette Langer verfolgte einen Kinderpornografie-Skandal in Belgien

NOVEMBER

dapd

Ole Reißmann und Christoph Seidler über die Castor-Transporte nach Gorleben, Yassin Musharbash über Terror-Alarmismus , Frank Patalong über IT-Sicherheit und Christian Stöcker über die Nöte von Journalisten, die ständig über Google schreiben müssen.

DEZEMBER

AP

Yasmin El-Sharif fragt sich, wie sich die Hartz-IV-Debatte auf Kinder auswirkt, Marc Pitzke dokumentiert die Rückkehr der Gier an der Wall Street , Christoph Seidler war Augenzeuge beim Klimagipfel in Cancún , Sven Böll warnt vor teutonischer Euro-Arroganz und Niels Reise fragt sich, wohin Schweden steuern wird.


Fotostrecke
Duisburg: Katastrophe bei der Love Parade
Die Love-Parade-Dokumentation

Die Love Parade
Die Love Parade findet seit 1989 statt, zunächst über viele Jahre in Berlin. 2007 zog die Veranstaltung dann ins Ruhrgebiet um, mit der Premiere in Essen. Vor zwei Jahren gastierte sie in Dortmund. 2009 sagte Bochum die Techno-Party ab, weil die Stadt keine Chance sah, den Besucherandrang zu bewältigen und einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. 2010 endete die Love Parade in einer Tragödie: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.
Die Anfänge
1989 gründet Techno-DJ Dr. Motte (Matthias Roeingh) die Love Parade. Etwa 150 Technofans tanzen auf dem Kurfürstendamm unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen". Die Veranstaltung wuchs rasant: 1994 tanzten bereits 120.000 Technofans um 40 Trucks herum, 1996 kamen 750.000 Raver auf die Straße des 17. Juni im Tiergarten. Die Rekord-Besucherzahl von 1,5 Millionen gab es 1999.
Die Flaute
2000 wurde der Umzug exportiert: Nicht nur in Berlin, sondern auch in Wien, Tel Aviv und Leeds gab es Love Parades. 2001 wurde die Berliner Parade nicht mehr als politische Demonstration eingestuft, sondern als kommerzielle Veranstaltung. 2002 kam es mit 700.000 Besuchern zu einem Einbruch, 2004 und 2005 fiel die Parade mangels Sponsoren ganz aus.
Die Rückkehr
2006 feierte die Love Parade ein Comeback mit neuem Veranstalter. Unter dem Motto "The Love Is Back" tanzten nach Polizeischätzung rund 500.000 Menschen, laut Veranstalter bis zu 1,2 Millionen Menschen. Nach dem Umzug ins Ruhrgebiet waren 2007 in Essen etwa 1,2 Millionen dabei, 2008 in Dortmund sogar 1,6 Millionen Besucher - nach Veranstalterangaben, die aber fragwürdig sind. Im vergangenen Jahr fiel das Event aus. Ursprünglich sollte es in Bochum stattfinden, aber die Stadt fand keinen geeeigneten Veranstaltungsort und befürchtete, den Besucherandrang nicht bewältigen zu können.
Die Katastrophe
In diesem Jahr fand die Love Parade unter dem Motto "The Art Of Love" in Duisburg statt, auf einem abgeschlossenen alten Bahngelände. Die Veranstaltung endete in einer Katastrophe: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Offensichtlich waren wesentlich mehr Menschen auf dem Gelände als die nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zugelassenen 250.000. Die Veranstalter sprachen kurz vor der Tragödie von insgesamt 1,4 Millionen Besuchern. Nach dem Unglück erklärte Organisator Rainer Schaller das Aus der Love Parade.

Polizei-Rekonstruktion: Das Protokoll der Katastrophe

Ministerium für Inneres und Kommunales NRW

Es ist ein Zeugnis der Überforderung: Die ersten Ermittlungsergebnisse lassen ahnen, wie die Lage bei der Love Parade so eskalieren konnte. SPIEGEL ONLINE dokumentiert in Polizeigrafiken und -bildern, wie die Beamten das Desaster rekonstruiert haben - und wie der Veranstalter in entscheidenden Minuten versagt haben soll.