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Love-Parade-Sicherheit: "Ich sagte denen klipp und klar: Das geht gar nicht!"

Von , Duisburg

Die Warnung kam von kompetenter Stelle. Der Sachverständige Klaus Schäfer hat bereits im März vor Mitarbeitern der Stadt Duisburg die Planungen für die Love Parade als zu riskant kritisiert. Doch seine Einwände wurden ignoriert. Nun gilt er als wichtiger Zeuge zu den Hintergründen der Katastrophe.

Nach der Katastrophe: "Duisburg erholt sich davon nicht mehr" Fotos
DDP

Als die Polizei klingelt, sitzt Klaus Schäfer am Esstisch seiner Eltern in Aplerbeck, einem Stadtteil im Südosten Dortmunds. Es ist Sonntag, halb eins, Mittagszeit. Die beiden Beamten drängeln, er möge eiligst mit aufs Duisburger Polizeipräsidium kommen. Man habe sein Handy geortet, nur deshalb wisse man, dass er sich hier aufhalte, erzählt Schäfer. Die Staatsanwaltschaft habe ihn zur Fahndung ausgeschrieben - als Zeugen zu den Hintergründen der Love-Parade-Katastrophe.

Klaus Schäfer war zwölf Jahre lang Chef der Dortmunder Feuerwehr. Im Januar 2009 wechselte der Diplom-Ingenieur in die Forschung, als Leiter des Instituts für Feuerwehr- und Rettungstechnologie (IFR) in Dortmund. Schäfer gilt als äußert erfahren in seinem Metier. Eigenen Angaben zufolge hat er an Sicherheitskonzepten für den Papstbesuch 2005, die Weltmeisterschaft 2006, die Love Parade in Essen und Dortmund mitgearbeitet und sich gegen ein Techno-Festival in Bochum ausgesprochen. Im Fall der zu Tode gekommenen 18-Jährigen bei einem Konzert der "Toten Hosen" 1996 in Düsseldorf war er einer der Gutachter im Prozess.

Der 55-Jährige ist ein Fachmann, aber auch umstritten - wegen seiner politischen Sympathien: Am 30. April hatte Schäfer, bis Herbst 2009 SPD-Mitglied, an einer Neonazi-Demonstration in Dortmund teilgenommen - nicht das erste Mal, dass er in diesen Reihen mitmarschierte. Mit sofortiger Wirkung wurde er vom Dienst beurlaubt. Am 10. August soll entschieden werden, ob das Disziplinarverfahren gegen ihn eingestellt wird.

Vor diesem Hintergrund vermutete Schäfer im ersten Moment eine ganz andere Ursache für seine Vorladung durch die Polizei. Doch Schäfer gilt nun als einer der wichtigsten Zeugen der Katastrophe von Duisburg mit 21 Toten und 511 Verletzten.

Der Grund: Schäfer war am 22. März von der Stadt eingeladen worden. Im Fortbildungszentrum sollte er gegen Honorar über die Planung, über Risiken und Evakuierungsszenarien bei Großveranstaltungen referieren. Die Behörden waren damals noch im Entscheidungsprozess, ob die Love Parade in Duisburg stattfinden sollte oder nicht. Rund 40 verantwortliche Mitarbeiter aus dem Bau-, Tief-, Straßenverkehrs-, Kataster- und Ordnungsamt sowie Feuerwehrmänner hätten an der eintägigen Informationsveranstaltung teilgenommen, wie Schäfer sagt.

Warnte er an jenem 22. März die Teilnehmer vor den möglichen Gefahren? Wie bewertete er im Vorfeld das Konzept der Stadt für eine Love Parade in Duisburg? Von welcher Anzahl an Besuchern gingen die Organisatoren ursprünglich aus? Fragen, die die Staatsanwaltschaft dem derzeit beurlaubten Spezialisten nach dessen eigenen Angaben stellte. Vier Stunden lang. Zweiter wichtiger Zeuge laut Schäfer: sein damaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter, der ihn begleitet hatte.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg wollte SPIEGEL ONLINE zu den Angaben Schäfers keine Auskunft erteilen.

"Absoluter Irrsinn"

Schäfer selbst schildert, wie ihm im Rahmen jenes Seminars Pläne für eine Love Parade in Duisburg vorgelegt worden seien. Sein Urteil: "Das Gelände war nicht im Ansatz für eine derartige Veranstaltung geeignet - vor allem wegen des Tunnels als einzigem Ein- und Ausgang. Ich sagte denen klipp und klar: Das geht gar nicht!", so Schäfer heute. Er habe der Gruppe vorgerechnet, dass laut Lageplan - bei Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen - maximal 105.000 bis 108.000 Menschen Raum auf dem Areal des Alten Bahnhofs finden würden.

Viel zu wenig, hätten die Teilnehmer gesagt. Love-Parade-Veranstalter Rainer Schaller würde von einer Million Besuchern ausgehen. Schäfer, so sagt er heute, entgegnete: "Da passen selbst mit Einbeziehung der Umgebung keine 500.000 Personen hin." Die Seminarteilnehmer hätten ein reges Interesse daran gehabt, dass Schäfer ihnen Vorschläge macht für ein Konzept, das mehr Sicherheit garantiert.

Er habe aufgezeigt, wie man an den Flächen für die Gastronomie und an den Bühnen Platz einsparen könne, ohne die Sicherheit zu gefährden - doch selbst nach dieser Berechnung sei bei veranschlagten vier Besuchern pro Quadratmeter nur Platz für maximal 200.000 bis 250.000 Raver gewesen.

Ausdrücklich habe er betont, so sagt er heute, dass die Pläne für die Straßenabsperrungen "absoluter Irrsinn" seien. Ebenso die Idee, Menschenmassen durch einen 16 Meter breiten Tunnel zu schicken. Explizit habe er vor diesen Gefahren gewarnt.

"Verantwortliche wollten Änderungswünsche oder Kritik nicht hören"

Die Breite der Notausgänge habe laut damaligem Plan 145 Meter betragen. Schäfer zufolge dürfen sie nicht unter 300 Metern breit sein, ideal seien 500 Meter. Dahinter habe es außerdem keinerlei Entlastungsflächen gegeben, sprich Platz für herauströmende Teilnehmer: Die eine Seite des neuralgischen Bereichs grenzt an die Gleise des Hauptbahnhofs, die andere an die A 59. Sein Vorschlag damals: Mit Hilfe von Rampen, die zur Autobahn führen, eine weitere Fläche schaffen. Das sei der Stadt zu teuer, hätten ihm Seminarteilnehmer entgegnet. Enormer politischer Druck werde auf sie ausgeübt.

Zwar seien die Mitarbeiter der Feuerwehr sowie des Bauaufsichts- und des Ordnungsamts bezüglich seiner Einwände einsichtig gewesen, behauptet der Sicherheitsexperte jetzt. "Aber sie sagten mir auch, dass die Verantwortlichen Änderungswünsche oder Kritik nicht hören wollten. Die Love Parade sollte unbedingt in Duisburg stattfinden." Schäfer habe den Seminarteilnehmern geraten, keinesfalls Beschlüsse oder Genehmigungen für Konzepte zu unterschreiben, von denen sie nicht überzeugt seien. Stattdessen sollten sie sich von ihren direkten Vorgesetzten von der Haftung entbinden lassen.

"Da hat man wohl vergessen, die andere Seite auch zu sperren"

Die Leiterin des Amtes für Baurecht und Bauberatung, Anja Geer, soll nach Informationen von SPIEGEL ONLINE genau dies getan haben. Ein Gespräch lehnte Geer ab und verwies auf die Pressestelle der Stadt. Auch Planungsdezernent Jürgen Dressler, der statt Geer die Genehmigung unterzeichnet haben soll, lehnte ein Interview ab. Da die stattgefundene Fortbildung von Schäfer inzwischen "Bestandteil der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft" sei, werde die Stadt keine Stellung dazu nehmen, sagte Pressesprecherin Anja Huntgeburth SPIEGEL ONLINE.

Im Interview mit "RP Online" hatte Dezernent Dressler am Dienstag gesagt, er habe die Genehmigung für die Massenveranstaltung erteilt, diese habe sich aber nur auf den Bereich des stillgelegten Güterbahnhofs bezogen, auf dem die Bühne stand. Der Geländeabschnitt, in dem die Besucher ums Leben kamen, "gehörte nicht zu dem von mir genehmigten Bereich". Die Verantwortung für das Unglück tragen laut Dressler die Polizei, der Veranstalter und die Feuerwehr.

Nach seinen Angaben führte "augenscheinlich eine Kommunikationspanne zwischen Polizei und Veranstaltern am Tunnel" zu der Katastrophe. Ein Zugang sei gesperrt worden, als zu viele Besucher auf das Gelände strömten, so Dressler. "Da hat man wohl vergessen, die andere Seite auch zu sperren, so dass immer mehr Leute hineingedrängt sind."

"Sie haben es genau so gemacht, wie sie es nicht machen sollten"

Sicherheitsexperte Schäfer sagt rückblickend, er habe die Veranstaltung im März als "konstruktiv und lehrreich" empfunden. Sein wissenschaftlicher Mitarbeiter habe auf dem Rückweg im Auto damals zu ihm gesagt: "Erst haben Sie Bochum die Love Parade ausgeredet, jetzt den Duisburgern." Für Schäfer, so sagt er heute, sei an jenem Abend des 22. März klar gewesen, dass es in Duisburg mit dem vorgelegten Konzept keine Love Parade geben kann. Eine Woche später habe er per Mail erneut seine Hilfe angeboten und eine Zusammenarbeit mit der Feuerwehr von Essen und Dortmund vorgeschlagen.

Beide Städte hatten laut Schäfer durch die Love Parade Erfahrungen gesammelt, teilweise gar heikle, aus denen man lernen könne. So seien in Dortmund Scharen von Menschen bei einem heftigen Gewitterregen in einen U-Bahn-Schacht geflüchtet. In Essen sei es zu zwei Beinahe-Unfällen gekommen: Einmal habe eine Massenpanik am Hauptbahnhof gedroht, zum anderen sei ein Stau-Effekt unter einer Brücke aufgetreten. Bei allen drei Gefahrensituationen habe man jedoch verhindern können, dass sich Menschen verletzen.

Teilnehmer des Seminars vom 22. März hätten sein Angebot zur Zusammenarbeit mit den Feuerwehren von Essen und Dortmund abgelehnt. Begründung laut Schäfer: Sie hätten sich gegen die Befürworter einer Love Parade und deren Konzept nicht durchsetzen können.

Die Techno-Party wurde letztlich, so behauptet es Schäfer, nach dem Plan durchgeführt, vor dem er ausdrücklich gewarnt hatte. "Sie haben es genau so gemacht, wie ich sagte, dass sie es nicht machen sollen."

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Forum - Love Parade in Duisburg - fataler Fehler?
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1. traurig
Hovac 25.07.2010
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Wenn auch nur ein Mensch stirbt war es ein Fehler. Sowas darf in Deutschland doch nicht mehr passieren, wozu wird man von Formularhaufen für die kleinsten Anlässe erdrückt wenn es dann doch nicht sicher ist.
2. Rhetorische Frage
lawinchen, 25.07.2010
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ein Gelände, das max. 500.000 Besucher aufnehmen kann und dessen Zugangswege derart beschränkt sind, ist fraglos für eine Veranstaltung wie die Love Parade geeignet, denn die Love Parade ist dafür bekannt, weniger als 500.000 Besucher anzuziehen. Duisburg mag pleite sein und die zusätzlichen Einnahmen begrüßen, aber auf diesem Gelände mit diesen Zugangswegen hätte eine solche Veranstaltung niemals stattfinden dürfen: Ich hoffe, der Link wird dargestellt, ansonsten hilft eine Google-Maps-Suche nach "Karl-Lehr-Straße, Duisburg". Das Gelände befindet sich nördlich der L237. http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Love-Parade,+Duisburg&sll=51.151786,10.415039&sspn=21.231081,67.631836&ie=UTF8&hq=Love-Parade,&hnear=Duisburg,+Nordrhein-Westfalen&ll=51.422882,6.770582&spn=0.010276,0.033023&t=h&z=16 Polizeipräsidium und Staatsanwalt befinden sich gleich um die Ecke, ich hoffe, sie nutzen die Nähe.
3. Wo gesunder Menschenverstand aufhört...
xkultx 25.07.2010
Egal wo ob in Duisburg, Essen oder Berlin zu solchen tragischen Zwischenfällen kann es leider überall kommen. Es ist nur immer sehr einfach alles auf die Veranstalter abzuschieben, dabei wird allzu oft vergessen wer hier der wahre Auslöser des Dilemmas ist, war und bleiben wird - Alkohol, Drogen, Egoismus und Rücksichtlosigkeit. Wenn es nicht weiter geht - schiebt man nicht!!! Wo gesunder Menschenverstand aufhört, kommen die verschiedensten Schuldzuweisungen - Klar der Veranstalter ist Schuld - Klar die Stadt Duisburg ist schuld. Leute packt Euch mal an den Kopf und fangt an zu denken! Wenn ich mit 2 Promille in eine 30 Zone aus der Kurve fliege - ist dann auch die Stadt Duisburg Schuld oder der Hersteller meines Autos oder die Brauerei, warum bauen die denn dort eine Kurve hin, warum fährt mein Auto wenn ich getrunken habe?
4.
waffenstillstand 25.07.2010
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ja, sicher. Es war vorher schon bekannt, dass das Gelände höchstens 500.000 Menschen aufnehmen kann, man wusste, dass annähernd 1.000.000 Menschen kommen würde (tatsächlich kamen sogar 1.400.000). So gesehen war es allzu sehr leichtsinnig, die Veranstaltung überhaupt stattfinden zu lassen.
5. Schuld haben
gisu 25.07.2010
Schuld haben die Organisatoren, von deren Seite wurden ehr die Befürchtungen laut das eventuell zu wenig Menschen erscheinen würden, da hat man Zweifel am Gelände und den eingeschränkten Möglichkeiten außer acht gelassen. Wer mit solchen Menschenmassen plant, der muss auch verstärkt auf die Sicherheit achten, und beim kleinsten Zweifel entweder umplanen oder die Sache ganz abblasen. Mein Beileid an die Opfer und deren Angehörigen.
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Pleitestadt Duisburg: Leben auf Pump

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Zeugen im Wortlaut
Wo haben die Sicherungssysteme versagt? Was passierte im Tunnel? Die Ursachensuche beginnt - SPIEGEL ONLINE dokumentiert Zeugenaussagen aus verschiedenen Quellen. Die Angaben konnten nicht verifiziert werden. Klicken Sie auf die Überschriften...
Fabio, 21: "Reihenweise Leute zusammengeklappt"
Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa: "Wir standen mittendrin. Es hatten immer mehr Menschen noch versucht, zum Gelände zu kommen. (...) Wir waren schon durch den Tunnel durch und standen auf dem kurzen Stück vor dem Eingang. Dort ging es aber nicht weiter." Einige seien über Zäune und über eine Leiter geklettert oder über eine enge Treppe am Tunnelende. "Wir sind danach durch den Tunnel zurück. Meine Freundin und ich haben schon kaum mehr Luft mehr bekommen und haben die Ellbogen ausgefahren, um noch wegzukommen. (...) Anschließend haben wir die Polizei alarmiert und gesagt, dass es im Tunnel gleich zur Massenpanik kommen wird." Passiert sei erst einmal nichts. "Das war etwa eine Dreiviertelstunde vor dem Unglück gewesen. Da waren aber schon Leute reihenweise zusammengeklappt."
Udo: "So stelle ich mir Krieg vor"
n-tv-Kameramann und Augenzeuge: "Da lagen schon einige Menschen am Boden, andere kletterten die Wände hoch und versuchten, über die Seiten auf das Gelände zu kommen. Und die Menschenmenge, die nachrückte, die liefen einfach über die am Boden liegenden drüber. Also eine richtige Massenpanik. (...) Die Polizei hat versucht, hineinzugehen in die Menge und die am Boden liegenden Menschen herauszuziehen. Es war aber zu voll, die Polizei hat die Menschen nicht herausbekommen, es war nichts zu machen. (...) Überall lagen Menschen auf dem Boden herum. So stelle ich mir Krieg vor." Die Veranstalter seien vermutlich nicht richtig auf die Menschenmassen vorbereitet gewesen. "Das war programmiertes Chaos." Zunächst seien keine Rettungskräfte dort gewesen: "Hilfskräfte waren erst mal gar nicht vorhanden, vielleicht drei, vier vom Malteser Hilfsdienst. Die konnten aber in der Masse der Menschen auch nichts machen. Man kann nicht mit einer Million Menschen planen und dann ein Gelände für 350.000 Menschen bereitstellen."
Dustin, 17: "Neben mir ist ein Mädchen gestorben"
Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP: "Alle wollten noch auf das Gelände. Damit es schneller geht, sind einige auf die Treppe ausgewichen." Diese führt von der Unterführung direkt zum Güterbahnhof, doch "von hinten drückten immer mehr nach". Es habe 40 Minuten nur Panik gegeben, erst dann habe eine Rettungsgasse gebildet werden können. Für viele kam die Hilfe zu spät. Dustin: "Neben mir ist ein Mädchen gestorben." Es sei einfach erdrückt worden. Ein weiteres Mädchen habe neben ihm gelegen und sei schon blau angelaufen gewesen. Mit Mund-zu-Mund-Beatmung habe er sie wiederbeleben können. "Auf mir lagen noch zwei Menschen." Teilweise seien fünf bis sechs Personen übereinandergeschoben worden. Schließlich hätten ihn Rettungssanitäter herausgezogen. Es sei so eng gewesen, dass seine Schuhe zwischen den Menschen steckenblieben: "Ich hatte schon mit dem Leben abgeschlossen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch Luft bekomme."
TV-Augenzeuge: "Dann sind wir alle umgefallen"
Mann im WDR-Interview: "Es hat sich alles wie in einem Hexenkessel gestaut. Es kamen immer weiter Leute von hinten. Und irgendwann fangen die Leute dann an, umzukippen. Ein paar sind die Treppe hochgegangen, ein paar den Mast hochgeklettert." Gemeint sind eine Nottreppe und ein Lautsprechergerüst, die von unten auf das Gelände führen. "Ich hab nur gesehen, dass ich mit meiner Freundin oben bleibe, weil ich wusste: Wenn ich einmal am Boden liege, dann werden die Leute über uns drübertrampeln. Dann sind wir alle umgefallen, ich halb mit runter, meine Beine waren beide eingequetscht." Zum Glück habe ihm jemand hochgeholfen, "dann sind wir wie durch Glück aus der Masse rausgetrieben worden. (...) Dann hab ich allen gesagt: Geht wieder zurück, die Leute sterben da vorne." Als er die Polizisten gewarnt habe, habe er gehört: "Willst Du das hier organisieren?" Jetzt bewege er sich von seinem sicheren Ort nicht weg, sitze da, eine halbe Stunde, eine Stunde, vielleicht länger, und wolle nicht mehr weitergehen. Er fürchte, dass so etwas wieder passiere.
Achmed, 17: "Brutal nach vorne gedrückt"
Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa: "Als die Polizei das Gelände abriegeln wollte, wurden wir brutal nach vorne gedrückt, die Leute vorne bekamen keine Luft mehr." Die Stimmung sei zunächst gar nicht aggressiv gewesen. "Die wollten doch alle nur Spaß. (...) Dann haben alle geweint, ich habe geweint. Ich habe noch nie gesehen, wie ein Mensch gestorben ist."
Mario, Stefan, Rebecca: "Direkt niedergetrampelt"
Stimmen auf dem Internet-Portal DerWesten - Mario: "Es waren Tausende Menschen im Tunnel. Viel zu viele auf jeden Fall. Die Leute sind reihenweise umgefallen. Und die Polizei hat von beiden Seiten immer mehr Leute in den Tunnel geschickt". Stefan: "Wer umgefallen ist, wurde direkt niedergetrampelt." Die Sanitäter seien erst nicht durchgekommen. Rebecca: "Dann ist ein Rettungswagen durch die Menge gefahren, aber dadurch wurden alle noch mehr zusammengedrängt. Alle waren total hysterisch."
"Gabi", 43: "Die einen wollten rein, die anderen raus"
Forumseintrag auf einslive.de: "Wir sind etwa eine halbe Stunde vor der Panik durch diesen Tunnel gelaufen. Es war tierisch voll. Die einen wollten rein, die anderen raus. Also Gegenverkehr und großes Geschubse. Das war das große Problem. Die Polizei stand dabei und hat nur geschaut. (...) Nun, es hört sich jetzt vielleicht klugscheißerisch an, aber irgendwie konnte man es doch vorhersehen. Nur ein Eingang zum Gelände. Und es passten nicht alle drauf, die auch gerne wollten."
"Ronja", 17: "Uns kamen tausend entgegen"
Forumseintrag auf einslive.de: "Ich war in dem Tunnel. Plötzlich kam eine Frau zu uns und sagte wir sollen gehen, vorne fingen Massenschlägereien an. Die Menschen wurden über Traversen auf die Brücke geschleust, über Container hochgeschoben, bevor alles passiert ist. (...) Uns kamen auf den Rückweg noch mindestens tausend Menschen entgegen. Warum haben die Veranstalter nur einen Eingang gehabt?"

Die Debatte vor dem Chaos
Schon vor der Katastrophe gab es auf DerWesten.de warnende Stimmen - die Verantwortlichen für die Love Parade müssen sich kritische Fragen gefallen lassen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Debatte. Klicken Sie auf die Daten...
"Janinschwein": "Die Leute wie Vieh einpferchen und dann zu sagen, es solle die Massen entzerren ist ja wohl echt ein Witz!! Nein, wirklich sehr, sehr schade, hätte gut werden können, aber sowas... da bleib ich zu Hause! Tottrampeln lassen wollte ich mich eigentlich nicht!"

"Kay": "Sehr warscheinlich werden ein paar Bauzäune an die Gleise gestellt, und gut ist. Ich bin Lokführer, daher habe ich da einige Sicherheitsbedenken. Naja, man wird sehen wie gut die Stadt Duisburg vorbereitet ist und wie gut die 'Parade' wirklich wird oder war!"

"traveldevil": "Da war jemand bei der Planung besonders pfiffig: Alles auf einen Fleck, das entspannt die Lage in keinster Weise. Die Leute werden von allen Seiten strömen. Und dann noch das Problem mit den Schiene und der A59. Ich sehe für dieses Event mehr als schwarz. Das wird katastrophal!"

"ein Anwohner": "Oh Mann! Anstatt die Rettungswege hintenraus freizumachen und die Raver direkt auf das Gelände zu führen... da provoziert die Verwaltung Zwischenfälle. Es ist nicht zu fassen. Der Gewaltmarsch in Dortmund war schon ätzend."

"Klappschramme": "Bei einer Panik hat man zu beiden Seiten meterhohe Betonwände - absolut ungeeignet."
"klotsche": "Sehe ich das richtig, dass die versuchen, eine Million Menschen über die einspurige Tunnelstraße Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch zwei kleinen Trampelpfaden hoch zum Veranstaltungsgelände zu führen? Also, in meinen Augen ist das eine Falle. Das kann doch nie und nimmer gut gehen. Wer in Essen und Dortmund dabei war, weiß, wie groß das Gedränge schon auf recht weitläufigen Zugangswegen war. Das war schon eine Katastrophe und die wollen ernsthaft den Zugang über nen einspurigen Tunnel leiten? Ich fasse es nicht! Ich sehe schon Tote, wenn nach der Abschlusskundgebung alle auf einmal über diese mickrige Straße das Gelände verlassen wollen."
"voltage": "Das Schlimme an dieser Geschichte ist doch, dass man anschließend diese organisatorischen Vollidioten noch nicht mal zur Verantwortung wird ziehen können. Was die da machen, ist höchstgradig kriminell. Was ist denn, wenn zu dem Chaos noch Panik kommt, was ist dann? Panik heißt Flucht, und Flucht heißt Ausdehnung. Wohin soll sich diese Masse an Menschen ausdehnen, wenn was schief geht, und Panik ausbricht?"

"computerprinzessin": "Ich wünsche den Mitwirkenden gutes Gelingen! Ich selbst tue mir das nicht an."
"tron": "Es gibt nur einen Zugang zum Gelände, und der ist unter einer langen Brücke. Was passiert, wenn hier Panik ausbricht?"
"Lover__P": "Ich bin kein Nörgler, eigentlich, aber was sich Veranstalter und Stadt hier erlauben, ist eine gefährliche Frechheit. Eine Örtlichkeit zur Verfügung zu stellen, die maximal 350.000 Leute aufnehmen kann, obwohl man ahnt, dass etwa 800.000 Leute kommen werden, wird die Stimmung kippen lassen. Man stelle sich bitte 400.000 Menschen vor, die rund um den Gelben Bogen vergeblich Einlass begehren. Wahnsinn. Die Verletzungen auf dem Gelände selbst werden in die Tausende gehen, und die Floats werden gar nicht fahren! Nun denn, Love Parade war für mich immer ein Stück Freiheit, aber 350.000 Menschen auf gefährlichem Schotter eingzeäunt und zusätzlich Absprerrungen, Gängelei durch die Polizei und maßloses Unterschätzen der Gefahren - das ist nicht Freiheit, sondern Dummheit. Am Sonntag wissen wir mehr und ich hoffe, die Besucher kommen mit einem 'blauen Auge' davon. Die kleinste Panik und der Mob eskaliert. Wetten?"

"Duisburger": "Es wird das größte Chaos geben. Die Stadt wäre besser beraten gewesen, die Loveparade abzusagen. Dann wäre ein paar Tage negative Presse über Duisburg in den Nachrichten zu hören, aber über diese Love Parade wird man noch lange reden - leider nur in negativer Form."
Die Love Parade
Die Love Parade findet seit 1989 statt, zunächst über viele Jahre in Berlin. 2007 zog die Veranstaltung dann ins Ruhrgebiet um, mit der Premiere in Essen. Vor zwei Jahren gastierte sie in Dortmund. 2009 sagte Bochum die Techno-Party ab, weil die Stadt keine Chance sah, den Besucherandrang zu bewältigen und einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. 2010 endete die Love Parade in einer Tragödie: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.
Die Anfänge
1989 gründet Techno-DJ Dr. Motte (Matthias Roeingh) die Love Parade. Etwa 150 Technofans tanzen auf dem Kurfürstendamm unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen". Die Veranstaltung wuchs rasant: 1994 tanzten bereits 120.000 Technofans um 40 Trucks herum, 1996 kamen 750.000 Raver auf die Straße des 17. Juni im Tiergarten. Die Rekord-Besucherzahl von 1,5 Millionen gab es 1999.
Die Flaute
2000 wurde der Umzug exportiert: Nicht nur in Berlin, sondern auch in Wien, Tel Aviv und Leeds gab es Love Parades. 2001 wurde die Berliner Parade nicht mehr als politische Demonstration eingestuft, sondern als kommerzielle Veranstaltung. 2002 kam es mit 700.000 Besuchern zu einem Einbruch, 2004 und 2005 fiel die Parade mangels Sponsoren ganz aus.
Die Rückkehr
2006 feierte die Love Parade ein Comeback mit neuem Veranstalter. Unter dem Motto "The Love Is Back" tanzten nach Polizeischätzung rund 500.000 Menschen, laut Veranstalter bis zu 1,2 Millionen Menschen. Nach dem Umzug ins Ruhrgebiet waren 2007 in Essen etwa 1,2 Millionen dabei, 2008 in Dortmund sogar 1,6 Millionen Besucher - nach Veranstalterangaben, die aber fragwürdig sind. Im vergangenen Jahr fiel das Event aus. Ursprünglich sollte es in Bochum stattfinden, aber die Stadt fand keinen geeeigneten Veranstaltungsort und befürchtete, den Besucherandrang nicht bewältigen zu können.
Die Katastrophe
In diesem Jahr fand die Love Parade unter dem Motto "The Art Of Love" in Duisburg statt, auf einem abgeschlossenen alten Bahngelände. Die Veranstaltung endete in einer Katastrophe: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Offensichtlich waren wesentlich mehr Menschen auf dem Gelände als die nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zugelassenen 250.000. Die Veranstalter sprachen kurz vor der Tragödie von insgesamt 1,4 Millionen Besuchern. Nach dem Unglück erklärte Organisator Rainer Schaller das Aus der Love Parade.


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