Love-Parade-Sicherheit "Ich sagte denen klipp und klar: Das geht gar nicht!"

Die Warnung kam von kompetenter Stelle. Der Sachverständige Klaus Schäfer hat bereits im März vor Mitarbeitern der Stadt Duisburg die Planungen für die Love Parade als zu riskant kritisiert. Doch seine Einwände wurden ignoriert. Nun gilt er als wichtiger Zeuge zu den Hintergründen der Katastrophe.

Von , Duisburg

DDP

Als die Polizei klingelt, sitzt Klaus Schäfer am Esstisch seiner Eltern in Aplerbeck, einem Stadtteil im Südosten Dortmunds. Es ist Sonntag, halb eins, Mittagszeit. Die beiden Beamten drängeln, er möge eiligst mit aufs Duisburger Polizeipräsidium kommen. Man habe sein Handy geortet, nur deshalb wisse man, dass er sich hier aufhalte, erzählt Schäfer. Die Staatsanwaltschaft habe ihn zur Fahndung ausgeschrieben - als Zeugen zu den Hintergründen der Love-Parade-Katastrophe.

Klaus Schäfer war zwölf Jahre lang Chef der Dortmunder Feuerwehr. Im Januar 2009 wechselte der Diplom-Ingenieur in die Forschung, als Leiter des Instituts für Feuerwehr- und Rettungstechnologie (IFR) in Dortmund. Schäfer gilt als äußert erfahren in seinem Metier. Eigenen Angaben zufolge hat er an Sicherheitskonzepten für den Papstbesuch 2005, die Weltmeisterschaft 2006, die Love Parade in Essen und Dortmund mitgearbeitet und sich gegen ein Techno-Festival in Bochum ausgesprochen. Im Fall der zu Tode gekommenen 18-Jährigen bei einem Konzert der "Toten Hosen" 1996 in Düsseldorf war er einer der Gutachter im Prozess.

Der 55-Jährige ist ein Fachmann, aber auch umstritten - wegen seiner politischen Sympathien: Am 30. April hatte Schäfer, bis Herbst 2009 SPD-Mitglied, an einer Neonazi-Demonstration in Dortmund teilgenommen - nicht das erste Mal, dass er in diesen Reihen mitmarschierte. Mit sofortiger Wirkung wurde er vom Dienst beurlaubt. Am 10. August soll entschieden werden, ob das Disziplinarverfahren gegen ihn eingestellt wird.

Vor diesem Hintergrund vermutete Schäfer im ersten Moment eine ganz andere Ursache für seine Vorladung durch die Polizei. Doch Schäfer gilt nun als einer der wichtigsten Zeugen der Katastrophe von Duisburg mit 21 Toten und 511 Verletzten.

Der Grund: Schäfer war am 22. März von der Stadt eingeladen worden. Im Fortbildungszentrum sollte er gegen Honorar über die Planung, über Risiken und Evakuierungsszenarien bei Großveranstaltungen referieren. Die Behörden waren damals noch im Entscheidungsprozess, ob die Love Parade in Duisburg stattfinden sollte oder nicht. Rund 40 verantwortliche Mitarbeiter aus dem Bau-, Tief-, Straßenverkehrs-, Kataster- und Ordnungsamt sowie Feuerwehrmänner hätten an der eintägigen Informationsveranstaltung teilgenommen, wie Schäfer sagt.

Warnte er an jenem 22. März die Teilnehmer vor den möglichen Gefahren? Wie bewertete er im Vorfeld das Konzept der Stadt für eine Love Parade in Duisburg? Von welcher Anzahl an Besuchern gingen die Organisatoren ursprünglich aus? Fragen, die die Staatsanwaltschaft dem derzeit beurlaubten Spezialisten nach dessen eigenen Angaben stellte. Vier Stunden lang. Zweiter wichtiger Zeuge laut Schäfer: sein damaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter, der ihn begleitet hatte.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg wollte SPIEGEL ONLINE zu den Angaben Schäfers keine Auskunft erteilen.

"Absoluter Irrsinn"

Schäfer selbst schildert, wie ihm im Rahmen jenes Seminars Pläne für eine Love Parade in Duisburg vorgelegt worden seien. Sein Urteil: "Das Gelände war nicht im Ansatz für eine derartige Veranstaltung geeignet - vor allem wegen des Tunnels als einzigem Ein- und Ausgang. Ich sagte denen klipp und klar: Das geht gar nicht!", so Schäfer heute. Er habe der Gruppe vorgerechnet, dass laut Lageplan - bei Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen - maximal 105.000 bis 108.000 Menschen Raum auf dem Areal des Alten Bahnhofs finden würden.

Viel zu wenig, hätten die Teilnehmer gesagt. Love-Parade-Veranstalter Rainer Schaller würde von einer Million Besuchern ausgehen. Schäfer, so sagt er heute, entgegnete: "Da passen selbst mit Einbeziehung der Umgebung keine 500.000 Personen hin." Die Seminarteilnehmer hätten ein reges Interesse daran gehabt, dass Schäfer ihnen Vorschläge macht für ein Konzept, das mehr Sicherheit garantiert.

Er habe aufgezeigt, wie man an den Flächen für die Gastronomie und an den Bühnen Platz einsparen könne, ohne die Sicherheit zu gefährden - doch selbst nach dieser Berechnung sei bei veranschlagten vier Besuchern pro Quadratmeter nur Platz für maximal 200.000 bis 250.000 Raver gewesen.

Ausdrücklich habe er betont, so sagt er heute, dass die Pläne für die Straßenabsperrungen "absoluter Irrsinn" seien. Ebenso die Idee, Menschenmassen durch einen 16 Meter breiten Tunnel zu schicken. Explizit habe er vor diesen Gefahren gewarnt.

"Verantwortliche wollten Änderungswünsche oder Kritik nicht hören"

Die Breite der Notausgänge habe laut damaligem Plan 145 Meter betragen. Schäfer zufolge dürfen sie nicht unter 300 Metern breit sein, ideal seien 500 Meter. Dahinter habe es außerdem keinerlei Entlastungsflächen gegeben, sprich Platz für herauströmende Teilnehmer: Die eine Seite des neuralgischen Bereichs grenzt an die Gleise des Hauptbahnhofs, die andere an die A 59. Sein Vorschlag damals: Mit Hilfe von Rampen, die zur Autobahn führen, eine weitere Fläche schaffen. Das sei der Stadt zu teuer, hätten ihm Seminarteilnehmer entgegnet. Enormer politischer Druck werde auf sie ausgeübt.

Zwar seien die Mitarbeiter der Feuerwehr sowie des Bauaufsichts- und des Ordnungsamts bezüglich seiner Einwände einsichtig gewesen, behauptet der Sicherheitsexperte jetzt. "Aber sie sagten mir auch, dass die Verantwortlichen Änderungswünsche oder Kritik nicht hören wollten. Die Love Parade sollte unbedingt in Duisburg stattfinden." Schäfer habe den Seminarteilnehmern geraten, keinesfalls Beschlüsse oder Genehmigungen für Konzepte zu unterschreiben, von denen sie nicht überzeugt seien. Stattdessen sollten sie sich von ihren direkten Vorgesetzten von der Haftung entbinden lassen.

"Da hat man wohl vergessen, die andere Seite auch zu sperren"

Die Leiterin des Amtes für Baurecht und Bauberatung, Anja Geer, soll nach Informationen von SPIEGEL ONLINE genau dies getan haben. Ein Gespräch lehnte Geer ab und verwies auf die Pressestelle der Stadt. Auch Planungsdezernent Jürgen Dressler, der statt Geer die Genehmigung unterzeichnet haben soll, lehnte ein Interview ab. Da die stattgefundene Fortbildung von Schäfer inzwischen "Bestandteil der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft" sei, werde die Stadt keine Stellung dazu nehmen, sagte Pressesprecherin Anja Huntgeburth SPIEGEL ONLINE.

Im Interview mit "RP Online" hatte Dezernent Dressler am Dienstag gesagt, er habe die Genehmigung für die Massenveranstaltung erteilt, diese habe sich aber nur auf den Bereich des stillgelegten Güterbahnhofs bezogen, auf dem die Bühne stand. Der Geländeabschnitt, in dem die Besucher ums Leben kamen, "gehörte nicht zu dem von mir genehmigten Bereich". Die Verantwortung für das Unglück tragen laut Dressler die Polizei, der Veranstalter und die Feuerwehr.

Nach seinen Angaben führte "augenscheinlich eine Kommunikationspanne zwischen Polizei und Veranstaltern am Tunnel" zu der Katastrophe. Ein Zugang sei gesperrt worden, als zu viele Besucher auf das Gelände strömten, so Dressler. "Da hat man wohl vergessen, die andere Seite auch zu sperren, so dass immer mehr Leute hineingedrängt sind."

"Sie haben es genau so gemacht, wie sie es nicht machen sollten"

Sicherheitsexperte Schäfer sagt rückblickend, er habe die Veranstaltung im März als "konstruktiv und lehrreich" empfunden. Sein wissenschaftlicher Mitarbeiter habe auf dem Rückweg im Auto damals zu ihm gesagt: "Erst haben Sie Bochum die Love Parade ausgeredet, jetzt den Duisburgern." Für Schäfer, so sagt er heute, sei an jenem Abend des 22. März klar gewesen, dass es in Duisburg mit dem vorgelegten Konzept keine Love Parade geben kann. Eine Woche später habe er per Mail erneut seine Hilfe angeboten und eine Zusammenarbeit mit der Feuerwehr von Essen und Dortmund vorgeschlagen.

Beide Städte hatten laut Schäfer durch die Love Parade Erfahrungen gesammelt, teilweise gar heikle, aus denen man lernen könne. So seien in Dortmund Scharen von Menschen bei einem heftigen Gewitterregen in einen U-Bahn-Schacht geflüchtet. In Essen sei es zu zwei Beinahe-Unfällen gekommen: Einmal habe eine Massenpanik am Hauptbahnhof gedroht, zum anderen sei ein Stau-Effekt unter einer Brücke aufgetreten. Bei allen drei Gefahrensituationen habe man jedoch verhindern können, dass sich Menschen verletzen.

Teilnehmer des Seminars vom 22. März hätten sein Angebot zur Zusammenarbeit mit den Feuerwehren von Essen und Dortmund abgelehnt. Begründung laut Schäfer: Sie hätten sich gegen die Befürworter einer Love Parade und deren Konzept nicht durchsetzen können.

Die Techno-Party wurde letztlich, so behauptet es Schäfer, nach dem Plan durchgeführt, vor dem er ausdrücklich gewarnt hatte. "Sie haben es genau so gemacht, wie ich sagte, dass sie es nicht machen sollen."



Forum - Love Parade in Duisburg - fataler Fehler?
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Seite 1
Hovac 25.07.2010
1. traurig
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Wenn auch nur ein Mensch stirbt war es ein Fehler. Sowas darf in Deutschland doch nicht mehr passieren, wozu wird man von Formularhaufen für die kleinsten Anlässe erdrückt wenn es dann doch nicht sicher ist.
lawinchen, 25.07.2010
2. Rhetorische Frage
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ein Gelände, das max. 500.000 Besucher aufnehmen kann und dessen Zugangswege derart beschränkt sind, ist fraglos für eine Veranstaltung wie die Love Parade geeignet, denn die Love Parade ist dafür bekannt, weniger als 500.000 Besucher anzuziehen. Duisburg mag pleite sein und die zusätzlichen Einnahmen begrüßen, aber auf diesem Gelände mit diesen Zugangswegen hätte eine solche Veranstaltung niemals stattfinden dürfen: Ich hoffe, der Link wird dargestellt, ansonsten hilft eine Google-Maps-Suche nach "Karl-Lehr-Straße, Duisburg". Das Gelände befindet sich nördlich der L237. http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Love-Parade,+Duisburg&sll=51.151786,10.415039&sspn=21.231081,67.631836&ie=UTF8&hq=Love-Parade,&hnear=Duisburg,+Nordrhein-Westfalen&ll=51.422882,6.770582&spn=0.010276,0.033023&t=h&z=16 Polizeipräsidium und Staatsanwalt befinden sich gleich um die Ecke, ich hoffe, sie nutzen die Nähe.
xkultx 25.07.2010
3. Wo gesunder Menschenverstand aufhört...
Egal wo ob in Duisburg, Essen oder Berlin zu solchen tragischen Zwischenfällen kann es leider überall kommen. Es ist nur immer sehr einfach alles auf die Veranstalter abzuschieben, dabei wird allzu oft vergessen wer hier der wahre Auslöser des Dilemmas ist, war und bleiben wird - Alkohol, Drogen, Egoismus und Rücksichtlosigkeit. Wenn es nicht weiter geht - schiebt man nicht!!! Wo gesunder Menschenverstand aufhört, kommen die verschiedensten Schuldzuweisungen - Klar der Veranstalter ist Schuld - Klar die Stadt Duisburg ist schuld. Leute packt Euch mal an den Kopf und fangt an zu denken! Wenn ich mit 2 Promille in eine 30 Zone aus der Kurve fliege - ist dann auch die Stadt Duisburg Schuld oder der Hersteller meines Autos oder die Brauerei, warum bauen die denn dort eine Kurve hin, warum fährt mein Auto wenn ich getrunken habe?
waffenstillstand 25.07.2010
4.
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ja, sicher. Es war vorher schon bekannt, dass das Gelände höchstens 500.000 Menschen aufnehmen kann, man wusste, dass annähernd 1.000.000 Menschen kommen würde (tatsächlich kamen sogar 1.400.000). So gesehen war es allzu sehr leichtsinnig, die Veranstaltung überhaupt stattfinden zu lassen.
gisu 25.07.2010
5. Schuld haben
Schuld haben die Organisatoren, von deren Seite wurden ehr die Befürchtungen laut das eventuell zu wenig Menschen erscheinen würden, da hat man Zweifel am Gelände und den eingeschränkten Möglichkeiten außer acht gelassen. Wer mit solchen Menschenmassen plant, der muss auch verstärkt auf die Sicherheit achten, und beim kleinsten Zweifel entweder umplanen oder die Sache ganz abblasen. Mein Beileid an die Opfer und deren Angehörigen.
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