Love-Parade-Tragödie Widersprüche, Ausflüchte, Lügen

Veranstalter, Verwaltung, Politik und Polizei schieben sich nach dem Desaster von Duisburg die Verantwortung zu - und verstricken sich in Widersprüche, die für Opfer und Hinterbliebene wie Hohn erscheinen müssen. Niemand will schuld sein an 21 Toten und mehr als 500 Verletzten, dabei ist klar: Alle haben ihren Anteil.

Eine Analyse von , , und , Duisburg

dpa

So viele Fragen.

So wenige Antworten.

In diese sechs Wörter lässt sich das Drama nach dem Drama fassen - die katastrophale Aufarbeitung des Love-Parade-Desasters von Duisburg. Drei Tage ist es jetzt her, dass 21 Menschen in einer Massenpanik so schwer verletzt wurden, dass sie qualvoll gestorben sind, zerquetscht, zu Tode getrampelt. Die Republik will endlich wissen, wer dafür verantwortlich ist. Aber die Politik, Polizei, Verwaltung, Veranstalter hüllen sich in beredtes Schweigen.

Sie mauern, und wenn sie mal etwas sagen, ist es entweder nichts Erhellendes. Oder sie versuchen, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben.

SPIEGEL ONLINE rekonstruiert den stellenweise grotesken Kampf um die Verantwortung für eines der schlimmsten Unglücke seit Jahren in Deutschland. Einen Kampf mit Widersprüchen, Ausflüchten, Lügen.

So geht es seit der ersten Pressekonferenz am Abend des Unglücks.

Schon damals, Stunden nach dem Desaster, verblüffte Oberbürgermeister Adolf Sauerland, als er mit überraschender Gewissheit verkündete, das Sicherheitskonzept sei nicht schuld. Der CDU-Politiker verstieg sich zu der These: "Wenn Sie jetzt hören, was wohl die Ursachen sind, dann lag es nicht am Sicherheitskonzept, was nicht gegriffen hat, sondern wahrscheinlich an individuellen Schwächen." Genauer: individuelle Schwächen auf Seiten der Raver. Die Opfer sind selbst Schuld, haben da viele herausgehört.

Was wie Hohn klang, lässt sich vielleicht damit erklären, dass Sauerland zu jenem Zeitpunkt noch unter Schock stand. Dass er möglicherweise noch nicht begriffen hatte, welche Tragödie sich im Tunnel in der Duisburger Innenstadt abgespielt hatte. Doch auch am Sonntag, einen Tag nach dem Geschehen, wirkten die Verantwortlichen überfordert.

Sie schoben sich auf einer verheerenden Pressekonferenz die Fragen zu, ohne Antworten zu geben. Keiner fand erhellende Worte, keiner bekannte sich zur eigenen Rolle, keiner sprach über Schuld. Beinahe konnte man den Eindruck gewinnen, als habe die Love Parade in einem Verantwortungsvakuum stattgefunden, in einem politisch luftleeren Raum - und das in einem Land, dessen Bürokratie angeblich ihresgleichen sucht.

Fotostrecke

6  Bilder
Pressekonferenz zur Love Parade: Viele Fragen, kaum Antworten
Von den Verantwortlichen traf nur einer den richtigen Ton - Fritz Pleitgen, Geschäftsführer des europäischen Kulturhauptstadtjahrs Ruhr.2010. "Die Sache beschäftigt mich zutiefst", sagte der frühere WDR-Intendant, der sich dafür eingesetzt hatte, dass die Party im Rahmen von Ruhr.2010 stattfand. Obwohl beide Veranstaltungen nichts miteinander zu tun haben, "kann ich nicht so tun, als hätte ich damit nichts zu tun", sagte Pleitgen SPIEGEL ONLINE. "Ich fühle mich moralisch mitverantwortlich, auch wenn ich es aus veranstalterischer Sicht nicht bin."

"Moralische Verantwortung" - ein Wort, das keiner der anderen Beteiligten in den Mund genommen hat. Obwohl alle darauf warten.

Der Schuld-Poker zwischen Politik und Polizei, Veranstaltern und Verwaltung - SPIEGEL ONLINE dokumentiert, wie sich die Verantwortlichen bei fast jeder zentralen Frage zur Katastrophe von Duisburg widersprechen:

Forum - Love Parade in Duisburg - fataler Fehler?
insgesamt 6342 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hovac 25.07.2010
1. traurig
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Wenn auch nur ein Mensch stirbt war es ein Fehler. Sowas darf in Deutschland doch nicht mehr passieren, wozu wird man von Formularhaufen für die kleinsten Anlässe erdrückt wenn es dann doch nicht sicher ist.
lawinchen, 25.07.2010
2. Rhetorische Frage
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ein Gelände, das max. 500.000 Besucher aufnehmen kann und dessen Zugangswege derart beschränkt sind, ist fraglos für eine Veranstaltung wie die Love Parade geeignet, denn die Love Parade ist dafür bekannt, weniger als 500.000 Besucher anzuziehen. Duisburg mag pleite sein und die zusätzlichen Einnahmen begrüßen, aber auf diesem Gelände mit diesen Zugangswegen hätte eine solche Veranstaltung niemals stattfinden dürfen: Ich hoffe, der Link wird dargestellt, ansonsten hilft eine Google-Maps-Suche nach "Karl-Lehr-Straße, Duisburg". Das Gelände befindet sich nördlich der L237. http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Love-Parade,+Duisburg&sll=51.151786,10.415039&sspn=21.231081,67.631836&ie=UTF8&hq=Love-Parade,&hnear=Duisburg,+Nordrhein-Westfalen&ll=51.422882,6.770582&spn=0.010276,0.033023&t=h&z=16 Polizeipräsidium und Staatsanwalt befinden sich gleich um die Ecke, ich hoffe, sie nutzen die Nähe.
xkultx 25.07.2010
3. Wo gesunder Menschenverstand aufhört...
Egal wo ob in Duisburg, Essen oder Berlin zu solchen tragischen Zwischenfällen kann es leider überall kommen. Es ist nur immer sehr einfach alles auf die Veranstalter abzuschieben, dabei wird allzu oft vergessen wer hier der wahre Auslöser des Dilemmas ist, war und bleiben wird - Alkohol, Drogen, Egoismus und Rücksichtlosigkeit. Wenn es nicht weiter geht - schiebt man nicht!!! Wo gesunder Menschenverstand aufhört, kommen die verschiedensten Schuldzuweisungen - Klar der Veranstalter ist Schuld - Klar die Stadt Duisburg ist schuld. Leute packt Euch mal an den Kopf und fangt an zu denken! Wenn ich mit 2 Promille in eine 30 Zone aus der Kurve fliege - ist dann auch die Stadt Duisburg Schuld oder der Hersteller meines Autos oder die Brauerei, warum bauen die denn dort eine Kurve hin, warum fährt mein Auto wenn ich getrunken habe?
waffenstillstand 25.07.2010
4.
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ja, sicher. Es war vorher schon bekannt, dass das Gelände höchstens 500.000 Menschen aufnehmen kann, man wusste, dass annähernd 1.000.000 Menschen kommen würde (tatsächlich kamen sogar 1.400.000). So gesehen war es allzu sehr leichtsinnig, die Veranstaltung überhaupt stattfinden zu lassen.
gisu 25.07.2010
5. Schuld haben
Schuld haben die Organisatoren, von deren Seite wurden ehr die Befürchtungen laut das eventuell zu wenig Menschen erscheinen würden, da hat man Zweifel am Gelände und den eingeschränkten Möglichkeiten außer acht gelassen. Wer mit solchen Menschenmassen plant, der muss auch verstärkt auf die Sicherheit achten, und beim kleinsten Zweifel entweder umplanen oder die Sache ganz abblasen. Mein Beileid an die Opfer und deren Angehörigen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.