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31. Juli 2010, 08:27 Uhr

Love-Parade-Trickserei

Die wundersame Schrumpfung der 1,4 Millionen

Von Simone Utler

Sie wollten sich für eine Millionenparty feiern lassen, die keine war. Love-Parade-Chef Schaller und Duisburgs OB haben vor einer Woche grotesk hohe Besucherzahlen genannt. Jetzt ist für Ermittler die zentrale Frage, wie viele wirklich da waren - und ob Genehmigungen verletzt wurden. SPIEGEL ONLINE sortiert die Angaben.

Hamburg - Viele Teilnehmer, möglichst viel mehr als eine Million: Das bedeutete bei der Love Parade jahrelang sensationellen Erfolg. Gerne verkündeten Gastgeber und Veranstalter Rekordzahlen. Bis zum vergangenen Samstag.

Seit der Katastrophe von Duisburg kursieren höchst unterschiedliche Angaben darüber, wie viele Raver vor einer Woche wirklich gefeiert haben. Alle Zahlen sind deutlich niedriger als die 1,4 Millionen in den Sensationsmeldungen, die Veranstalter Rainer Schaller und Oberbürgermeister Adolf Sauerland vor den Unglücksmeldungen verkündeten. Und der Verdacht liegt nahe, dass nun einige Beteiligte nicht die Klärung der tatsächlichen Zahl im Blick haben könnten, sondern ihre eigenen Interessen bei der Klärung der Schuldfrage.

Fest steht, dass am neuralgischen Punkt zwischen Tunnel und Rampe am Samstagnachmittag viel zu viele Menschen waren. Fest steht außerdem, dass die genaue Zahl der Menschen große Bedeutung für die Aufklärung der Ereignisse hat. "Wir ermitteln wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung. Da müssen wir ein umfangreiches Bild erstellen - und ein Aspekt sind die unterschiedlichen Zahlen", sagt Rolf Haferkamp, Sprecher der Duisburger Staatsanwaltschaft. Man versuche besonders sorgfältig zu klären, wie viele Menschen es tatsächlich waren.

Die Zahlen seien der "Dreh- und Angelpunkt der Untersuchung", sagt auch Stadtsprecherin Anja Huntgeburth. Wegen der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dürfe sie zu diesem Thema keine Auskünfte geben. Klar ist, dass die Stadt eine Genehmigung für 250.000 Menschen auf dem Veranstaltungsgelände ausgegeben hat - SPIEGEL ONLINE hatte dies bereits am Sonntag enthüllt. Der Veranstalter Lopavent wollte sich zum Thema nicht äußern. Auf Anfrage teilte die Pressestelle am Freitag mit, sie gebe "angesichts laufender Ermittlungen keine Statements zu Einzelfragen an Medien".

Die zentralen Fragen zu den Zahlen - SPIEGEL ONLINE gibt Antworten:

Wie viele Menschen erwarteten Veranstalter und Stadt?

Offiziell sprach der Veranstalter vor der Love Parade von 1,4 Millionen erwarteten Besuchern. Rainer Schaller, Chef von Lopavent und dem Hauptsponsor McFit, gab inzwischen zu, dass die Zahl für Marketingzwecke geschönt wurde.

Dafür wurde die interne realistische Schätzung einfach verdreifacht - das geht laut einem Bericht der "WAZ"-Gruppe aus einem streng vertraulichen Dokument des Love-Parade-Veranstalters hervor. Aus dem 34-Seiten-Papier wird zitiert, die tatsächlichen Zahlen hätten "keinen Bezug zur offiziellen Besucherzahl für mediale Zwecke". Die "öffentliche Besucherzahl" werde "nach anderen Kriterien" als der Wirklichkeit ermittelt.

Dies legt auch ein Auszug aus Berechnungen des Veranstalters nah, der der "Bild"-Zeitung vorliegt. Diesem sogenannten Bewegungsmodell zufolge erwartete der Veranstalter auf dem Festgelände insgesamt 485.000 Besucher, verteilt über den ganzen Tag. Davon sollten maximal 235.000 Menschen zur selben Zeit dort sein.

"Waren die hohen Zahlen also nur PR und nicht die echte Teilnehmerzahl?", fragte "Bild" in dieser Woche Schaller. Er antwortete: "Das kann ich nicht verneinen."

Klar ist: Die Verwaltung stellte eine Genehmigung für maximal 250.000 Personen auf der Veranstaltungsfläche aus, dem Alten Güterbahnhof. Wie viele Menschen sie auf den Straßen Duisburgs erwartete, ist unklar. Der Stadtsprecherin zufolge gab es für die Wege keine formale Genehmigung. Natürlich habe es aber einen Plan gegeben, wie man die Menschen leite, und das Wegekonzept sei mit dem Ordnungsamt abgestimmt gewesen.

In einer Mitteilung der Deutschen Polizeigewerkschaft hieß es, Schaller habe 500.000 Teilnehmer angemeldet, eine Genehmigung der Stadt für 250.000 Teilnehmer erhalten und schon mittags öffentlich mehr als eine Million Teilnehmer gefeiert.

Für wie viele Besucher pro Stunde waren die Zugangswege ausgelegt?

Wenn lediglich 250.000 Menschen zur selben Zeit auf das eigentliche Partygelände durften, aber die Veranstalter fast doppelt so viele Menschen erwarteten, war eines klar: Zigtausende würden auf den Straßen Duisburgs bleiben. Eine schwer kontrollierbare Masse, nicht nur wegen der engen Bebauung einer Stadt, in der rund 490.000 Menschen leben.

Außerdem musste klar sein, dass es eine logistische Herausforderung würde, die Besucher zügig auf das Partygelände zu lotsen. Auch hier gibt es Ungereimtheiten. Laut Innenministerium hatte der Veranstalter in seinem Konzept eine "maximale Durchlaufmenge von 30.000 pro Stunde pro Schleuse" zugesagt. Bei einer Schleuse im Westen und einer im Osten macht das 60.000 Menschen, die pro Stunde auf das Gelände kommen sollten - über den einzigen Zugangsweg durch den Tunnel und über die Rampe.

Das ist ein Widerspruch zu dem in der "Bild"-Zeitung abgedruckten sogenannten Bewegungsmodell. Ihm zufolge erwartete der Veranstalter in der Hauptstoßzeit zwischen 17 und 18 Uhr 90.000 zuströmende Besucher. In den Stunden davor und danach ging er von jeweils 55.000 Menschen aus, die auf das Gelände wollten.

Der Veranstalter soll außerdem davon ausgegangen sein, dass ab 15 Uhr viele Besucher das Gelände wieder verlassen. Dem Papier zufolge erwartete Lopavent zwischen 15 und 16 Uhr 55.000 ankommende und 50.000 heimkehrende Menschen. Zwischen 17 und 18 Uhr sollten es sogar 90.000 und 55.000 sein. Schon bei Betrachtung dieser Zahlen muss man sich fragen, wie die einander entgegenströmenden Menschenmassen durch den engen Tunnel gelangen sollten.

Braucht es für eine Genehmigung eine genaue Besucherzahl?

Generell müssen Großveranstaltungen bei der Kommune beantragt werden. Der Veranstalter legt zu diesem Zweck ein Konzept vor, inklusive realistischer Zahlen. "Die Kommune muss vor der Ausstellung einer Sondernutzungserlaubnis die Angaben auf ihre Plausibilität prüfen", sagt der auf Veranstaltungsrecht spezialisierte Berliner Anwalt Martin Hortig. Das bedeutet auch, dass die Stadt über vergleichbare Ereignisse recherchieren muss - sich in diesem Fall also mit den Erfahrungen aus Dortmund, Essen oder Berlin beschäftigt haben sollte.

Sollten zu dem Ereignis dann doch mehr Besucher kommen als erwartet, sei der Veranstalter in der Pflicht, mit Sicherheitsmaßnahmen zu reagieren, sagt Hortig. "Wenn er es nicht alleine in den Griff bekommt, kann er die Polizei zu Hilfe rufen." In Duisburg ist das am vergangenen Samstagnachmittag geschehen. Und "im Notfall muss er die Veranstaltung abbrechen".

Derzeit lässt sich nicht klären, welche Gesamtzahlen der Stadt vorgelegt wurden. Auch ist nicht gesichert, ob sie von Lopavent über eine Kalkulation mit 485.000 Besuchern informiert wurde. "Ein zentraler Punkt der Ermittlungen ist, welche Angaben gemacht wurden", sagt Haferkamp von der Duisburger Staatsanwaltschaft. Im Allgemeinen verlasse sich die Genehmigungsbehörde darauf, dass der Veranstalter korrekte Angaben macht. Haferkamp: "Sollten die Zahlen in Duisburg nicht stimmen, wäre die Genehmigung erschlichen worden."

Wie schätzen Veranstalter Besucherzahlen?

Die Organisatoren können Zahlen von vergleichbaren Ereignissen als Richtwerte heranziehen. Allerdings schon wichen die Teilnehmerzahlen früherer Rave-Partys deutlich voneinander ab. 2006 hatte der Veranstalter die Teilnehmerzahl bei der Love Parade in Berlin auf 1,2 Millionen geschätzt - die Polizei sprach von 500.000. Ein Jahr später bei der ersten Ruhrgebietsparade in Essen geben Veranstalter und Polizei 1,2 Millionen Raver an - was Experten für unmöglich halten. 2008 glänzte Dortmund bei der Love Parade mit der offiziellen Zahl von 1,6 Millionen Teilnehmern - Rekord. Auch diese Zahl wurde angezweifelt. Nur die Hälfte sei wirklich dagewesen, schrieben Dortmunder Zeitungen.

Sicherheitsforscher Dirk Oberhagemann baut seine Schätzungen auf Kapazitäten der Transportwege auf. "Zirka 50 Prozent der Besucher kommen bei solchen Ereignissen im Laufe des Tages mit der Bahn", sagt der Experte. Dortmund ging bei der Love Parade 2008 davon aus, dass über den Bahnhof pro Stunde maximal rund 40.000 Besucher kommen können - so ging man von maximal 400.000 Menschen aus. Rund 200.000 Menschen kamen laut Oberhagemann mit Bussen oder Autos und noch mal so viele aus dem Stadtgebiet selbst. Seine Schätzung für damals: 800.000 Teilnehmer insgesamt.

Wie werden die benötigten Sicherheits- und Rettungskräfte errechnet?

Für die Berechnung, wie viele Sicherheitskräfte es braucht, gibt es keine festen Vorgaben. Dies liegt in der Verantwortung des Veranstalters.

Wie das Sicherheitskonzept für die Love Parade in Duisburg erstellt wurde, ist nicht bekannt.

Der Einsatz des Rettungsdienstes ist hingegen geregelt. "Normalerweise geht man bei einer Großveranstaltung von rund 200 zu behandelnden Menschen pro 100.000 Besucher aus", sagt Sicherheitsforscher Oberhagemann. Von diesen müssten rund 20 Prozent - also 40 Besucher - mit einem Krankenwagen abtransportiert werden.

Die Love Parade gilt als besonders fordernde Veranstaltung."Da muss man die Zahlen locker verdreifachen - also mit 600 bis 700 Verletzen rechnen."

Wie viele Menschen waren nun tatsächlich in der Stadt?

Zu verschiedenen Zeitpunkten gab es unterschiedliche Angaben. Am Samstag um 17.30 Uhr verkündete Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) auf der Pressetribüne noch: "Heute waren in und um Duisburg 1,4 Millionen Menschen unterwegs." Das schien sich an Schaller zu orientieren.

Am Sonntagmittag in der ersten großen Pressekonferenz nannte der Duisburger Polizeipräsident Detlef von Schmeling als einzige feststehende Zahl 105.000 Menschen, die in der Zeit von neun bis 14 Uhr per Bahn nach Duisburg kamen.

Am Montag schätzte ein Duisburger Polizeisprecher die Zahl der Besucher am ganzen Tag einschließlich Bahnhof und Weg zum Festplatz auf 300.000 bis 400.000.

Sicherheitsforscher Oberhagemann, der für eine Studie auf einem nahegelenenen Hochhaus eine Kamera installiert und Besucherströme gemessen hatte, geht von 500.000 bis 600.000 Menschen in der Stadt aus.

Das Innenministerium teilte am Freitag unter Berufung auf Beobachtungen mit einem Polizeihubschrauber mit, während des gesamten Tages seien 350.000 bis maximal 500.000 Besucher in der Stadt gewesen.

Eingrenzen lässt sich die Zahl auf dem Partygelände. Love-Parade-Chef Schaller sagte am Montagabend unter Hinweis auf Luftbilder, das Gelände sei zum Zeitpunkt des Unglücks zu 75 Prozent gefüllt gewesen - und nannte eine Zahl von 187.000 Besuchern.

Inzwischen erscheinen Schätzungen von etwa 200.000 Menschen auf dem Gelände als plausibel. Nach einer Faustregel der Polizei können pro Quadratmeter Veranstaltungsfläche bis zu vier Menschen dicht gedrängt stehen. Der alte Güterbahnhof umfasst laut Polizei insgesamt 230.000 Quadratmeter, von denen wegen Bebauung und Absperrungen aber nur knapp die Hälfte zugänglich war. Das Gelände war nach den Beobachtungen der Polizei aus der Luft zu keinem Zeit voll.

Aus Protest gegen die unterschiedlichen Zahlen setzte sich noch am vergangenen Wochenende ein Internetexperte aus Erkrath an seinen Computer und errichtete eine Zähl-Internetseite. Auf Sven Jansens Online-Portal können sich Raver melden, die die Love Parade besucht haben - bis Freitagnacht waren es mehr als 119.000 Besucher. "Sicherlich kann ich nicht alle mit dem Internet erreichen", sagt Jansen. "Aber ich denke schon, dass sich zwischen 300.000 und 400.000 Besucher der Loveparade melden werden."

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