Love-Parade-Unglück: Fünf Minuten Reue
Kurz, trocken, knapp: Fast ein Jahr nach der Love-Parade-Katastrophe bittet Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland die Angehörigen der Opfer mit wenigen Worten um Entschuldigung. Er trage "moralische Verantwortung für dieses Ereignis" - mehr aber auch nicht.
Es ist schon heiß und stickig im Saal 100 des Duisburger Rathauses, ehe die stundenlange Sitzung des Rats überhaupt beginnt. "Nää", stöhnt eine rothaarige Lokalpolitikerin, "wat hat mir dat gefehlt. Und gleich gibbet wieder feierliche Worte und Tränchen." Sie seufzt tief und demonstrativ. Soll bloß jeder merken, was sie von dem bevorstehenden Auftritt ihres Oberbürgermeisters hält.
Um fünf Minuten vor drei betritt Adolf Sauerland den Raum, ein kleiner, runder, zurückhaltend lächelnder Mann mit Seitenscheitel und Kinnbart. Kameras rattern, Blitzlichter zucken, Sauerland macht beschwichtigende Handbewegungen, so als wolle er den ebenso zahlreichen wie aufgeregten Pressevertretern signalisieren: Ruhig, Leute! Keine Panik, es ist alles wie immer.
Und dann spricht er in seiner fünf Minuten dauernden Rede die zwei Sätze, deretwegen die meisten Bürger und Journalisten gekommen sind und die doch eigentlich keiner mehr glauben mag: "Als Oberbürgermeister der Stadt trage ich moralische Verantwortung für dieses Ereignis. Es ist mir ein persönliches Bedürfnis, mich an dieser Stelle bei allen Hinterbliebenen und Geschädigten zu entschuldigen."
Wulff und Kraft kamen - Sauerland stand daneben wie ein Aussätziger
Sauerland dankt sodann den Rettungskräften, den Polizisten, Helfern, überhaupt allen, "die sich für einen würdigen Umgang mit der Erinnerung engagieren und allen, die das Geschehene verstehen wollen und Gerechtigkeit suchen". Doch in die anschließende Schweigeminute drängt sich die Frage: Wie oft will Adolf Sauerland eigentlich noch um Verzeihung bitten - und keine Konsequenzen ziehen?
Im August 2010, drei Wochen nach der Katastrophe, sagte er dem SPIEGEL: "Das ganze tragische Unglück tut mir so unendlich leid. Es ist für mich bis heute unfassbar." Ein Jahr später erklärte der Christdemokrat im WDR: "Die Übernahme moralischer Verantwortung, sich bei den Angehörigen der Opfer zu entschuldigen", das hätte von ihm kommen müssen. Es tue ihm unendlich leid.
An diesem Montagnachmittag also wieder: Entschuldigung! Nur von Rücktritt spricht Adolf Sauerland noch immer nicht - oder erst recht nicht mehr. Ein Abwahlverfahren im Rat überstand er mit Hilfe seiner CDU - und ob in zwei Etappen die insgesamt mehr als 144.000 Stimmen zusammenkommen, mit denen die Bürger ihn aus dem Amt hieven könnten, ist fraglich. So viele Menschen haben ihn seinerzeit noch nicht einmal gewählt.
Dabei ist kaum ein anderer Amtsträger dieser Republik von Staatsspitze und Fußvolk zugleich derart unter Druck gesetzt worden wie Sauerland. Sogar Bundespräsident Christian Wulff empfahl seinem Parteifreund abzutreten. Bei einem Kulturereignis in Duisburg ließen sich weder Wulff noch die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) mit Sauerland fotografieren. Der Oberbürgermeister der 500.000-Einwohner-Stadt stand da wie ein Aussätziger.
Doch er blieb - und sagt an diesem Nachmittag: "Duisburg verneigt sich in Trauer vor den 21 jungen Menschen, die vor einem Jahr ihr Leben verloren haben."
Wenige Minuten später verteidigt er noch schnell und sachlich-trocken die Mitarbeiter seiner Verwaltung, die durch einen aus dem Januar stammenden Einleitungsvermerk der Staatsanwaltschaft Duisburg belastet erscheinen.
"Das war's, Leute"
Der SPIEGEL hatte dieses Dokument bereits für eine im Mai erschienene zwölfseitige Titelgeschichte ausgewertet. An diesem Montag jedoch zitierten regionale Medien daraus und erweckten dabei den Anschein, es handele sich um ein bislang unbekanntes und vor allem aktuelles Schriftstück, dessen Kernaussage sei: "Die Erteilung der Genehmigung (für die Love Parade; d. Red.) erfolgte rechtswidrig." Das allerdings ist bislang nur eine Hypothese.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung. Beschuldigt werden derzeit 16 Personen, unter ihnen sind der Duisburger Rechtsdezernent, der Stadtentwicklungsdezernent, die stellvertretende Leiterin des Ordnungsamts und der sogenannte Crowd Manager des Veranstalters Lopavent. Den Beamten wird vorgeworfen, das Konzept des Veranstalters trotz Mängeln ohne die nötigen kritischen Prüfungen übernommen zu haben. Vorgegangen wird auch gegen einen leitenden Polizeidirektor.
Die Recherchen würden wegen der enormen Datenmengen und mehr als 3000 Zeugen noch einige Monate in Anspruch nehmen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Neben den möglichen strafrechtlichen Konsequenzen drohen auch Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe. Bis Ende Mai hatten bei der Versicherung des Love-Parade-Veranstalters etwa 290 Menschen Schadensersatz gefordert.
Doch davon ist hier und heute keine Rede: Überhaupt haben Betroffenheit, Anteilnahme und Reue im Saal 100 des Duisburger Rathauses um kurz nach drei ein Ende. Sämtliche Kameras müssen hinaus auf den Flur, ebenso die Mikrofone. "Das war's, Leute", raunt ein Lokalpolitiker den abziehenden Reportern zu. Drinnen geht es nun weiter mit der Tagesordnung.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Panorama
- Twitter | RSS
- alles zum Thema Adolf Sauerland
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Montag, 11.07.2011 – 19:04 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 114 Kommentare
MEHR AUS DEM RESSORT PANORAMA
-
Chai Time
Lebe lieber ungewöhnlich - Korrespondent Hasnain Kazim beschreibt die Kuriositäten des Alltags in Südasien. -
kurz & krass
Heute schon gestaunt? Die skurrilsten Kurzmeldungen der Woche -
Wetter
So wird's: Prognosen und Warnungen, Biowetter, Radar- und Satellitenbilder -
Justiz
Alles, was Recht ist: Gisela Friedrichsen berichtet aus dem Gericht -
Katastrophen
Vergessene Krisen: Reporter berichten aus aller Welt über die Folgen dramatischer Ereignisse









