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26. Juli 2010, 17:04 Uhr

Love-Parade-Unglück

Kein Rücktritt, nirgends

Von , Duisburg

20 Tote und 500 Verletzte gab es bei der Love Parade, doch niemand will die Verantwortung für die Katastrophe tragen. Immer noch trotzt Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland den zahlreichen Rücktrittsforderungen - und den Strafanzeigen gegen ihn.

Adolf Sauerland, Oberbürgermeister von Duisburg, stellte sich nicht persönlich den vielen Fragen, die Bürger und Journalisten derzeit gerne an ihn richteten. Er verbreitete stattdessen am Montagnachmittag eine persönliche Erklärung, in der es heißt: Es sei "die Frage nach Verantwortung gestellt worden, auch nach meiner persönlichen. Ich werde mich dieser Frage stellen. Doch heute und in den nächsten Tagen muss es darum gehen, die schrecklichen Ereignisse aufzuarbeiten und die vielen Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenzufügen."

Er habe die Verwaltung um die Beantwortung dringlicher Fragen gebeten. "Wir werden unsere Erkenntnisse unverzüglich der Staatsanwaltschaft mitteilen und diese darüber hinaus uneingeschränkt in ihrer Arbeit unterstützen. Auch unsere eigene Rolle gilt es dabei zu beleuchten: Wenn sich die Stadt etwas vorzuwerfen hat, dann werden wir Verantwortung übernehmen."

Sauerland wandte sich an die Angehörigen der Opfer: "Es tut mir unendlich leid. Ihr Schmerz ist nicht teilbar. Ich weiß, dass Sie von mir Antworten erwarten. Ich kann Ihnen diese heute nicht geben. Aber ich werde Ihnen diese geben, sobald sie vorliegen. Die Stadt trauert mit Ihnen, auch ich ganz persönlich. Ich bin in Gedanken bei Ihnen."

Mehr als 500 Verletzte

Gleichzeitig wird klar: Die Tragödie von Duisburg ist noch größer als vermutet. Der Leitende Oberstaatsanwalt Rolf Haferkamp korrigierte SPIEGEL ONLINE gegenüber die Anzahl der Verletzten auf 511, 43 davon seien noch in stationärer Behandlung, eine Person schwebe erneut in Lebensgefahr. 19 Menschen waren bei der Love Parade am Samstag gestorben, am Montagabend erlag eine Frau im Krankenhaus ihren Verletzungen - das 20. Opfer.

Die Frage ist: Wer hat Schuld, dass die Techno-Party so eskalierte?

Mit ihrem verheerenden Auftritt bei einer Pressekonferenz am Sonntag im Duisburger Rathaus haben die Protagonisten gezeigt, wie schwer es ihnen immer noch fällt, die Verantwortung für das Love-Parade-Desaster zu übernehmen. Der Veranstalter Rainer Schaller verkündete das Ende der Partys. Zu mehr konnte er sich nicht durchringen.

Einen Polizeipräsidenten hat Duisburg zurzeit nicht, den Job macht vertretungsweise Detlef von Schmeling, Verwaltungschef der Behörde. Doch seine Performance am Sonntag empfiehlt ihn wohl nicht für eine Beförderung. Und Ordnungsamtsleiter Wolfgang Rabe betonte, er sei nicht mehr Leiter des Krisenstabes, weil es den nicht mehr gebe. Kein Rücktritt, nirgends.

Sauerland allerdings könnte - und müsste - nach solch einer Tragödie sein Amt aufgeben. Dieser Schritt werde vorbereitet, heißt es aus der lokalen Kommunalverwaltung und seinem Umfeld. Bis dahin wimmelt Sauerland weiter alle Anfragen ab, versteckt sich hinter zwei breitschultrigen Leibwächtern und länglichen Pressemitteilungen.

Die Chefin der nordrhein-westfälischen Grünen, Monika Düker, fordert nun als erste Politikerin den Rücktritt des Oberbürgermeisters. Sie sagte SPIEGEL ONLINE: "Sauerland hätte so viel Gespür aufbringen sollen, dass er zurücktritt." Er trage als Chef der "Genehmigungsbehörde die politische Verantwortung für ein Konzept, das nicht aufgegangen ist".

Die Kritik an Sauerlands Verhalten wächst im Ruhrgebiet. "Wir rechnen mit jeder Menge Strafanzeigen", sagte Ramon van der Maat von der Polizei Duisburg. Bislang seien zwei eingegangen.

Eine davon stammt vom ehemaligen Polizeipräsidenten Bochums, Thomas Wenner. Bereits am Sonntagmorgen erstattete er Anzeige gegen den Politiker, die leitenden Beamten der Stadt und die Veranstalter. "Sauerland ist der Hauptverantwortliche für diese Tragödie. Als Stadtoberhaupt war es seine Aufgabe, diese Veranstaltung unter solchen Bedingungen zu verhindern", sagte Wenner SPIEGEL ONLINE.

Wenner, im Oktober 2009 auf Betreiben des ehemaligen FDP-Innenministers Wolf in den Ruhestand versetzt, hatte im vergangenen Jahr als Polizeipräsident in Bochum die dort geplante Love Parade abgesagt. Er wollte verhindern, was nun in Duisburg geschehen ist. Er wollte "die Sicherheit nicht auf dem Altar der Spaßgesellschaft opfern."

Wenner hatte seine Entscheidung im Januar 2009 in einem offenen Brief begründet und die Befürworter der Parade scharf kritisiert. Darin hieß es: "Was denken sich eigentlich Politiker und Journalisten, die die Metropole Ruhr als Monstranz ihrer Popularität vor sich hertragen, wenn es um die Verantwortung derer geht, die als Amtsträger für die Folgen ihres Handelns persönlich haften? Die mit ihrem Tun die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten haben?"

Der Beamte wies damals auf die "Enge des Veranstaltungsraums und die Disfunktionalität der Zu- und Abfahrtsströme" hin. Bereits bei der Love Parade am 19. Juli 2008 in Dortmund - Oberbürgermeister Gerhard Langenmeyer verkündete damals die Rekordzahl von 1,6 Millionen Teilnehmern - hatte es heikle Situationen gegeben.

"Ich fiel runter"

Die Rheinländerin Jenny H., 28, tanzte seinerzeit schon auf der Techno-Party in Dortmund und sie tanzte auch jetzt wieder in Duisburg. "Damals war's vor allem am Bahnhof echt brenzlig." Was sie am Samstag jedoch auf dem Gelände in Duisburg erlebt hat, hat ihre größten Ängste wahr werden lassen.

"Mich hat ein Typ vor dieser winzigen Treppe kreischen hören und mich nach oben gehievt, aber er konnte mich nicht halten. Fremde haben mich von unten hochgeschubst, dann ließ der Typ los, ich fiel runter. Beim zweiten Mal hat es dann geklappt." Jennys Freundin allerdings liegt immer noch im Krankenhaus. Sie brach sich ein Bein und mehrere Rippen.

Im Nachhinein fragt sich jeder, wie für die Love Parade in Duisburg bloß ein einziger Zugang genehmigt werden konnte - und dann auch noch einer, der die Besucher zuvor durch einen Tunnel führte?

Bahnhof zu klein

Für Wenner und sein Team war bei der Planung einer Love Parade in Bochum klar, dass ihre Stadt sich dafür nicht eignet: Der Bahnhof ist zu klein, es gibt kein Gelände für eine entsprechende Großveranstaltung. Auch damals hatte man sich an den Besucherzahlen der Dortmunder Parade orientiert. "Selbst für 800.000 Menschen hätte Bochum die Sicherheit nicht gewährleisten können", so Wenner.

Der damalige Polizeipräsident hatte zudem darauf hingewiesen, dass ein Großteil des Publikums "erheblich unter Alkohol und Drogen" stehen würde - was eine Paniksituation unter so vielen Menschen auf engstem Raum auslösen könnte.

Fortan galt Wenner als "Verursacher der Absage". Er ertrug die Angriffe seiner Kritiker stoisch, auch weil sich die Stadt kompromisslos hinter seine Einwände gestellt hatte. "Druck hat mich nie beeindruckt", sagt Wenner. Wer "manifeste Sicherheitsbedenken" so wenig ernst nehme, obwohl sie offenkundig seien, solle sich "von Verantwortung fernhalten, statt auf die einzuprügeln, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und sich ihr stellen".

Seinen offenen Brief beendete er übrigens mit den Worten: "Überleben ist wichtiger."

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