Luftaufnahme aus Japan Wie der Tsunami Fukushima traf

Bedrohlich schieben sich die blau-weißen Wassermassen auf das AKW Fukushima zu: Das japanische Verkehrsministerium hat jetzt ein Foto veröffentlicht, das den Tag des Tsunamis am Problemmeiler zeigt.

AFP/ MINISTRY OF LAND, INFRASTRUCTURE AND TOURISM VIA JIJI PRESS

Fukushima - Von zwei Seiten schieben sich Wellen kaskadenförmig auf das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zu. Meterhoch hat sich weiße Gischt aufgetürmt. Wenige Sekunden später werden die Fluten auf die Küste treffen und auf den unmittelbar am Ufer gelegenen Meiler. Die Wassermassen werden eine atomare Katastrophe auslösen, deren Ausgang auch rund zwei Wochen später noch ungewiss sein wird.

Am Donnerstag veröffentlichte das japanische Verkehrsministerium eine Luftaufnahme von Fukushima. Das Foto wurde am Freitag, den 11. März, aufgenommen, kurz bevor der Tsunami die Küste im Nordosten des Landes traf.

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Unglücks-AKW: Flutwelle rast auf Fukushima zu
Die Folgen sind verheerend: In einem Reaktor des AKW fällt die Kühlung aus, das Notkühlsystem läuft nur noch im Batteriebetrieb. In den nächsten Tagen erschüttern Explosionen die Reaktorblöcke 1, 2, 3 und 4, zum Teil werden die Gebäude beschädigt. Helfer kämpfen in Fukushima gegen den Super-Gau.

"Nach gegenwärtiger Lage dürfen wir nicht zu optimistisch sein", sagte Japans Regierungssprecher Yukio Edano am Donnerstag. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace urteilte, die Gesamtsituation sei "nach wie vor dramatisch". Der deutsche Nuklearexperte Michael Sailer sagte: "Wir sind noch auf der Intensivstation."

Bei den Arbeiten im AKW Fukushima wurden inzwischen 17 Helfer einer Strahlenbelastung von mehr als 100 Millisievert ausgesetzt, wie die Nachrichtenagentur Kydodo unter Berufung auf den AKW-Betreiber Tepco berichtete. Drei Arbeiter wurden allein am Donnerstag verstrahlt. Zwei der Männer seien mit Verletzungen an den Beinen in eine Spezialklinik gebracht worden, sagte Hidehiko Nishiyama von der japanischen Atomsicherheitsbehörde (NISA). Ihr Zustand sei stabil, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung aud den Kraftwerksbetreiber Tepco.

Die Männer wollten Kabel reparieren, um das Kühlsystem wieder zum Laufen zu bringen. Sie seien Strahlung von bis 170 oder 180 Millisievert ausgesetzt gewesen, sagte Nishiyama. Tepco hatte davor festgelegt, dass die Arbeiter am AKW nicht mehr als 150 Millisievert pro Noteinsatz abbekommen dürfen. Der Grenzwert der Regierung für AKW-Arbeiter liegt bei 250 Millisievert pro Jahr.

"Nicht den gleichen Fehler machen"

Regierungssprecher Edano berichtete auf einer Pressekonferenz, die drei Arbeiter hätten in radioaktiv belastetem Wasser gestanden. Die Strahlenbelastung in der Luft werde ständig gemessen, so Edano. Dass die Arbeiter in das belastete Wasser getreten seien, sei allerdings eine "unvorhersehbare Situation" gewesen. "Wir werden die anderen Arbeiter aufklären, damit sie nicht den gleichen Fehler machen", versprach er.

Der stellvertretende Präsident von Tepco wollte auf einer Pressekonferenz keine genauen Angaben zu dem Vorfall machen. "Die näheren Umstände sind nicht bestätigt", sagte Sakae Muto laut der japanischen Tageszeitung "Mainichi". Auch auf wiederholte Fragen der Journalisten sei er dabei geblieben. "Wir möchten das Ganze erst genau untersuchen", so Muto, während er auf seine Notizen blickte. Auf die Frage, um wessen Mitarbeiter es sich bei den verstrahlten Männern handelt, antwortete der Tepco-Vize ebenfalls ausweichend: "Dazu möchte ich nichts sagen."

Zunächst wurden aber einige Helfer aus dem Problemreaktor 3 abgezogen. Die Betreiberfirma Tepco habe Arbeiter im Erdgeschoss und Untergeschoss des Reaktors angewiesen, sich in Sicherheit zu bringen, meldete Kyodo.

Der Nordosten Japans wurde am Donnerstag von einem weiteren Beben getroffen. Das Zentrum des Erdstoßes der Stärke 6,1 lag etwa 150 Kilometer nordöstlich der Hafenstadt Sendai, berichtete die US-Erdbebenwarte.

Blattgemüse enthält 164-mal mehr radioaktives Cäsium als erlaubt

Aus Angst vor kontaminierten Lebensmitteln verhängen immer mehr Länder Importbeschränkungen für japanische Produkte. Nachdem die USA Beschränkungen beschlossen hatten, stoppten am Donnerstag unter anderem auch Russland und Australien nach Behördenangaben den Import aus vier Regionen. Singapur und die Philippinen verhängten ebenfalls Importverbote, Kanada kündigte schärfere Kontrollen an.

Japan selbst hatte bereits die Ausfuhr bestimmter Lebensmittel aus mehreren Regionen gestoppt und für weitere Gegenden Kontrollen angekündigt. Beim Blattgemüse Kukitachina stellte das japanische Gesundheitsministerium unterdessen 82.000 Becquerel radioaktiven Cäsiums fest - ein Wert, der die erlaubte Grenze um das 164-fache überschreitet. In zehn weiteren Gemüsesorten wurden ebenfalls erhöhte Wert gemessen.

Angesichts der nuklearen Krise in Japan hat die US-Atomsicherheitsbehörde NRC eine vollständige Sicherheitsüberprüfung aller Atomkraftwerke in den USA veranlasst. Geplant seien eine Kurzzeit- und eine Langzeitstudie einer Expertengruppe, teilte die Behörde am Mittwoch in Washington mit. Die Experten würden nach 30, 60 und 90 Tagen jeweils einen Zwischenbericht vorlegen. Nach sechs Monaten soll den Angaben zufolge ein Abschlussbericht mit Empfehlungen an die Regierung übergeben werden.

Das Bundesamt für Strahlenschutz registrierte bisher 94 Tests auf Radioaktivität, die Heimkehrer in Deutschland machen ließen. Dabei wurden bei einem Drittel der Untersuchten geringfügige Mengen von Jod 131 und Tellur/Jod 132 festgestellt. "Alle sind weit entfernt von gesundheitlichen Risiken", erklärte der Präsident des Bundesamtes, Wolfram König.

siu/dpa/dapd



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Seite 1
PaulBiwer 24.03.2011
1. Weshalb wir besser sind.
Ein Erdbeben war in Japan nicht vorhersehbar. Die starken Belastungen in Trinkwasser und Lebensmittel waren auch nicht vorhersehbar. Jetzt war auch nicht vorhersehbar dass Arbeiter in verstrahltes Wasser treten.(?!) Das kann hier nicht passieren! Da seit 40 Jahren viele Leute auf die Risiken hinweisen,wird es bei uns nur vorhergesehene Unfälle und Folgen geben.
GyrosPita 24.03.2011
2.
Wie kann es sein das es Luftaufnahmen vom AKW fast im Moment des Auftreffens der Flutwelle gibt? Das kann ja nur bedeuten das die Regierung sofort nach dem Erdbeben Aufklärer losgeschickt hat um nachzusehen ob noch alles beim Rechten ist...
agrajag2 24.03.2011
3. schnelle Aufklärung
Zitat von GyrosPitaWie kann es sein das es Luftaufnahmen vom AKW fast im Moment des Auftreffens der Flutwelle gibt? Das kann ja nur bedeuten das die Regierung sofort nach dem Erdbeben Aufklärer losgeschickt hat um nachzusehen ob noch alles beim Rechten ist...
Japan hast ein sehr gutes Erdbeben/Tsunami-Warnsystem und haufenweise Notfallpläne für alles mögliche in den Schubladen. Da verwundert es nicht, wenn nach einem Beben in der Größenordnung in kürzester Zeit Hubschrauber in der Luft sind einen schnellen Überblick zu ermöglichen. (Hinweise, dass das "sehr gute Warnsystem" auch nicht hinreichend war, können unterbleiben - dies ist wohl in Anbetracht der Schäden obsolet)
Silver_Future 24.03.2011
4. alles wahr!
Zitat von PaulBiwerEin Erdbeben war in Japan nicht vorhersehbar. Die starken Belastungen in Trinkwasser und Lebensmittel waren auch nicht vorhersehbar. Jetzt war auch nicht vorhersehbar dass Arbeiter in verstrahltes Wasser treten.(?!) Das kann hier nicht passieren! Da seit 40 Jahren viele Leute auf die Risiken hinweisen,wird es bei uns nur vorhergesehene Unfälle und Folgen geben.
Hallo? Sie wollen doch wohl nicht den von uns gewählten Volksvertretern die Kompetenz absprechen? Die Renten sind sicher! (N. Blüm) Die AKWs sind sicher!(A. Merkel) Der General ist schwul! (M. Wörner) Blühende Landschaften! (H. Kohl) Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen! (W. Ulbricht) Ok, Letzterer wurde nicht wirklich gewählt... Und die anderen habe zumindest ich nicht gewählt, auch wenn ich zu dem Volk der mehr und mehr Verarschten gehöre... Ach ja: Hr. Brüderle hat doch wohl nicht wirklich die Wahrheit gesagt? Ein Paradoxon! Dann könnte man sich ja gar nicht mehr auf das Falsifikationsprinzip auf der Basis von Politikeraussagen verlassen... ... Black hole sun, want you come and wash the rain away...(Soundgarden)
mopsfidel 24.03.2011
5. 1. Bild in der Fotostrecke
Bildunterschrift: "Diese Luftaufnahme zeigt erstmals, wie die Welle auf das Kraftwerk zurollte." Moment mal. Wenn eine Welle rollt, sind die großen Wellen doch vorne und die kleinen hinten. Außerdem bildet sich erst *nach* dem Wellenkamm der weiße Schaum. Das Bild zeigt die Tsunamiwelle, wie sie vom Kraftwerk *weg* rollt. Oder bin ich der einzige, der das deuten kann?
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