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05. Januar 2003, 18:50 Uhr

Luftfahrt

Entführtes Flugzeug versetzte Frankfurt in Angst

Mit einem entführten Motorsegelflugzeug ist ein vermutlich geistig verwirrter Mann mehr als zwei Stunden lang über Frankfurt gekreist. Er drohte damit, in ein Hochhaus zu fliegen, um an den Absturz der US-Raumfähre "Challenger" vor 16 Jahren zu erinnern. Zwei Phantom-Jets der Luftwaffe hielten ihn in Schach.

Abfangjäger der Bundeswehr verfolgten den Motorsegler
DPA

Abfangjäger der Bundeswehr verfolgten den Motorsegler

Frankfurt/Main - Bei dem Entführer handelt es sich um einen 31 Jahre alten Mann aus Darmstadt, teilte die Polizei am Sonntag Abend mit. Er habe einen Rundflug mit Piloten in Babenhausen südlich von Frankfurt gebucht und die Maschine in seine Gewalt gebracht. Der Mann leide unter erheblichem Realitätsverlust und sei kein geübter Flieger. Er ließ sich bei der Steuerung über Funk von einem Flutlotsen helfen. Der Pilot habe sich in etwa 50 Metern Höhe über der Frankfurter City selbst beim Flughafen-Tower gemeldet, sagte der Sprecher der Deutschen Flugsicherung (DFS), Axel Raab.

Mehrfach war der Täter während seines gut zwei Stunden dauernden Fluges den Wolkenkratzern der Stadt gefährlich nahe. Anschließend landete der Mann glatt auf dem Frankfurter Flughafen und ließ sich festnehmen. Die Bundesregierung und Bundeskanzler Gerhard Schröder wurden laufend über die Entwicklung am Frankfurter Himmel informiert.

Der verwirrte Pilot sagte dem Nachrichtensender n-tv noch während seines Fluges, er wolle niemanden gefährden, sich aber am Ende der Aktion umbringen. Es komme ihm darauf an, die jüdische Astronautin Judith Resnick bekannt zu machen, die beim Absturz der US-Raumfähre Challenger im Jahr 1986 ums Leben gekommen war. Die Behörden hatten versucht, mit der Familie der Amerikanerin Kontakt aufzunehmen. Während seines Irrflugs um die Spitzen der Frankfurter Bankentürme hatte der Mann ständig Funkkontakt mit der Polizei und der Flugsicherung am Flughafen.

Die Polizei sperrte die gesamte Innenstadt für den Verkehr und evakuierte sämtliche Hochhäuser, in denen auf Grund des Sonntags aber wenig Betrieb herrschte. Phantom-Kampfjets der Bundeswehr verfolgten das Kleinflugzeug über der Innenstadt. Die Jets aus Neuburg an der Donau waren voll bewaffnet. Der Flugverkehr am Rhein-Main-Flughafen wurde wie der öffentliche Nahverkehr vorübergehend eingestellt. Passanten wurden von Kriminalbeamten aufgefordert, die Frankfurter City zu verlassen, Hotels geräumt.

Die entführte Maschine flog mehrfach sehr nahe an Hochhäusern vorbei
AP

Die entführte Maschine flog mehrfach sehr nahe an Hochhäusern vorbei

Die Maschine vom Typ Super Dimona HK 36 TC wurde ständig von einem Polizeihubschrauber verfolgt. Der Täter hatte sie nach DFS-Angaben gegen 14.55 Uhr auf dem südhessischen Flugplatz Babenhausen mit vorgehaltener Waffe in seine Gewalt gebracht. Sämtliche Zeugen des Überfalls wurden sofort ins Darmstädter Polizei-Präsidium gebracht.

In der Innenstadt schauten Menschen gebannt in den Abendhimmel. "Mein Gott, fliegt der tief", stöhnte eine Frau, als das Flugzeug knapp über ein Hochhaus flog. Ab und zu durchbrachen Martinshörner die Stille. An einer Kreuzung, etwa hundert Meter entfernt, beruhigte ein Polizist, der mit seinem Wagen eine Straße absperrte, eine aufgeregte Frau. "Sie können jetzt nicht in die Innenstadt, auch wenn dort ihr Freund ist, aber es ist bestimmt bald alles vorbei."

34 Passagiermaschinen mussten von Frankfurt auf andere Flughäfen umgeleitet werden, berichtete die Flughafenbetreibergesellschaft Fraport. Sieben Minuten nach der Landung der Maschine wurde der normale Betrieb wieder aufgenommen. Während der Sperre fielen 78 Starts und 61 Landungen zunächst aus. Es gab stundenlange Verspätungen.

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