Luftmine bei Koblenz Killer im Schlick

Es ist die wohl größte Evakuierung seit dem Zweiten Weltkrieg: In Koblenz müssen am Sonntagmorgen 45.000 Menschen ihre Häuser verlassen - weil Kampfmittelräumer eine monströse Bombe im Rhein entschärfen. Szenen aus einer Stadt im Ausnahmezustand.

dapd

Von , Koblenz


Fährt man die Anhöhen des Westerwalds hinab ins Rheintal, sieht man auf ein ziemlich kümmerliches Rinnsal: Schmal und flach wie bei sommerlichem Niedrigwasser schlängelt sich der Rhein durch die Gegend. Rechter Hand verschandelt das stillgelegte AKW Mülheim-Kärlich den Blick auf Neuwied, linker Hand liegen die ersten Vororte von Koblenz. Die 100.000-Einwohner-Stadt an Rhein und Mosel ist für das deutsche Eck und seine idyllische Altstadt bekannt, Schlagzeilen produziert die Gemeinde nur selten.

An diesem Wochenende ist das anders - weil es lang nicht geregnet hat. Der Rheinpegel fiel und brachte Dinge an die Oberfläche, die dort keiner vermutet hatte. Am rechten Rheinufer, auf halber Höhe zwischen südlicher und nördlicher Brücke, tauchte vor zehn Tagen eine Fliegerbombe aus dem brackigen Wasser auf, die dort fast 67 Jahre lang in Ufernähe im Schlick gelegen hatte.

So etwas kommt vor, gerade in Koblenz, das im Zweiten Weltkrieg ausgiebig bombardiert worden war. "Wenn um Koblenz ein Bauer zu tief im Acker kratzt", scherzt einer der Helfer vom Kampfmittelräumdienst, "findet er eine Bombe."

Und manchmal tauchen sie auch aus dem Schlick auf: Am Sonntagmorgen soll die Monsterbombe nun entschärft werden, und weil sie ganz besonders dick ist, werden in den frühen Morgenstunden 45.000 Menschen aus ihren Häusern gebeten.

In Koblenz ist die Stimmung darum konzentriert. In der Einsatz-Koordinationsstelle geht man davon aus, dass die eigentliche Entschärfung nur wenige Stunden dauern wird. Ab 6.30 Uhr am Sonntag wird Koblenz weiträumig evakuiert. Pendelbusse werden alle 15 Minuten diejenigen, die nicht vorher schon zu Freunden oder Verwandten flohen, in eine der sieben "Betreuungsstellen" außerhalb des Gefahrenbereichs bringen. Weit vor der Stadt werden Straßen gesperrt, die Bahn stellt ihren Betrieb ein.

Der Ernstfall als Übung

Die Krankenhäuser im Gefahrengebiet haben schon vor zehn Tagen damit begonnen, Patienten an andere Häuser zu verweisen. Am Samstag sind es im evangelischen Stiftungsklinikum am Rhein dann noch 70 Patienten von ursprünglich 320, die bewegt werden müssen. Alles ist generalstabsmäßig geplant, für die Evakuierung der Klinik hatten sich mehr Freiwillige gemeldet, als sie noch Patienten hat. Evakuiert wird nach Schwere der Erkrankung, schon am Sonntag, hofft Johann Paula vom Stiftungsklinikum, könne man die Kranken zurückholen.

Vorbereitet im eigentlichen Sinne sei man aber nicht auf so einen Fall, erklärt er: Wenn Krankenhäuser den Notfall üben, gehe es meist darum, ungewöhnlich viele Kranke aufnehmen zu müssen - und nicht, sie wegzubringen. Paula: "Insofern ist das alles natürlich auch so etwas wie eine Übung für uns, aus der wir viele Informationen gewinnen."

Das ist keine Verharmlosung der Situation, denn über das Bedrohungspotential sind sich alle im Klaren. "Aber was soll man sich da aufregen?" sagt ein Passant. "Das ist halt so, die Bomben sind im Boden, im Fluss. Da kann man mal sehen, was Menschen sich antun mit der Kriegführerei."

Seine kleine Tochter freut sich derweil darauf, am Sonntag mit der Tante in den Zirkus zu gehen - weit weg von Koblenz. Ein älterer Mann wird mit seiner Frau Verwandte in Wuppertal besuchen. Sehr viele der Koblenzer werden das so machen, glaubt auch Volker Grabe vom Roten Kreuz: "Bis zu 12.000 Menschen können wir in den Betreuungsstellen zeitweilig unterbringen. So viele werden es aber nicht."

Die Helfer wirken ruhig, auf seltsame Weise aber auch zufrieden. Es ist, als habe ihnen dieser Ernstfall ihre eigene Kraft bewusst gemacht. "So wichtig wie heute war ich noch nie!" sagt eine Helferin am Klinikum lachend. "Wir gehen von Kosten um 50.000 Euro aus", sagt ein anderer, "weil ja die meisten Helfer ehrenamtlich arbeiten." Und zwar mehrere hundert, seit Tagen: Wäre das anders, würde dieses logistische Mammutprojekt wohl Millionen verschlingen.

Die Stimmung in der Stadt ist eigentümlich. Es ist ein Warten darauf, dass es hoffentlich nicht ernst wird: Bis dahin gehen die Rentner am Rhein spazieren, und wie die Jogger und Familien mit kleinen Kindern halten auch sie kurz an der Rheinpromenade über der Bombe und schauen sich die Sache an. Das Ding da unten mag ein potentieller Killer sein, aber das war sie die 66 Jahre davor ja auch, und keiner hat was geahnt.

Die Bedrohung ist nicht neu, sondern latent

Boote fuhren darüber, Angler warfen ihre Ruten aus, vielleicht sprangen in heißen Sommern Kinder dort ins Wasser: Alles möglich. So, wie dort überall im Flussbett noch andere Bomben sein können. Wenige Meter neben der Luftmine liegen zufällig noch ein kleinerer Sprengsatz und eine Nebelgranate. Die kleine Bombe sorgt bei den Räumern für mehr Sorgenfalten als die Große, denn die, sagt einer, sei "in einem Scheiß-Zustand".

9 Uhr am Sonntagmorgen soll es losgehen. Wenn bis dahin alles bereit ist. In den letzten Tagen haben Katastrophenschützer rund um das explosive Trumm einen Wall aus Sandsäcken errichtet. Schon am Freitag sprangen kräftige Pumpen an, die die Bombe trockenlegen sollen, damit die Experten überhaupt herankommen.

Schon jetzt liegen da 350 jeweils eine Tonne schwere, sandgefüllte "Big-Bags" im Wasser, über 4500 reguläre Sandsäcke sollen die kleineren Löcher abdichten. Letztlich bauen die Kampfmittelräumer da eine Art Pool im Fluss, den sie dann auspumpen wollen - aber so einfach ist das nicht. Immer wieder fließt Wasser nach. Lag die Bombe am Freitagabend schon fast frei, war sie am Samstagvormittag wieder völlig von Wasser bedeckt. Gegen Mittag dann gelang es, sie innerhalb weniger Minuten wieder auf den Stand vom Vortag zu bringen. Ob es hält, weiß niemand: Inzwischen regnet es bei acht Grad und beißendem Wind. Den Job der Männer dort unten am Wall um die Bombe würde man selbst dann nicht haben wollen, wenn dort nichts Explosives läge.

Ganz zu schweigen von den Kampfmittelräumern. Die werden unter einem Zelt arbeiten, und nicht nur, um sich vor dem Regen zu schützen: "Privatheit" solle so erreicht werden, sagt ein Helfer. Die Freiwilligen, die "diese unglaubliche Verantwortung, dieses Risiko tragen" sollen nicht begafft werden, wenn sie für 45.000 Evakuierte den Kopf hinhalten.

Wie man so einen Job bekommt? Was für eine Qualifikation muss man mitbringen? Das komme drauf an, sagt einer der Nothelfer: "Da gibt es auch Quereinsteiger, wenn Sie so wollen. Ich glaube aber nicht, dass die so viele Bewerbungen bekommen."

Altlasten und Blindgänger - lauter verniedlichende Begriffe

Das Trumm in Koblenz ist eine Luftmine - eine fast verniedlichende Bezeichnung für das, was da im Rhein liegt. Das Wort weckt Assoziationen eines kleinen Sprengsatzes, der sich gut verstecken lässt. Luftminen sind das absolute Gegenteil davon: 1800 Kilogramm schwer ist diese, 80 Prozent dieses Gewichtes entfällt auf Sprengstoff. Eine primitive, mit einem Aufschlagzünder versehene Sprengstofftonne ist das, nicht mehr. Es ist keine intelligente Waffe, sondern eine brachial brutale. Entworfen dafür, weiträumig Häuser aufzureißen, damit sie besser brennen.

Der Boden dieser Sprengstoff-Wurst ist schon weggerostet, der Sprengstoff liegt offen im Wasser. Das macht sie nicht weniger gefährlich, denn die eigentliche Gefahr geht vom Zünder aus: geht der hoch, explodiert auch nasser Sprengstoff.

Ginge diese Mine hoch, wäre die Verwüstung beträchtlich. Im Umkreis von 150 Metern wären die Überlebenschancen aufgrund der Druckwelle gering. Weil sie im Flussbett liegt, könnten ihre Splitter darüber hinaus viel weiter fliegen, als dies meist der Fall ist: 1800 Meter Umkreis scheinen den Experten realistisch - als erweiterte Zone akuter Lebensgefahr. Gebäude dürften in einem Radius von mindestens 1400 Metern um die Bombe beschädigt werden.

Bomben im Boden sind in Deutschland Alltag

Wenn sie explodiert. Niemand in Koblenz geht davon aus. Tausende Bomben werden jährlich gefunden, 15 am Tag im statistischen Schnitt, die Zahl der unkontrollierten Explosionen aber kann man an einer Hand ablesen. Trotzdem: Es wäre ein GAU, ein Alptraum, wie ihn so manche deutsche Stadt seit mehr als sechs Jahrzehnten fürchtet und verdrängt. Kein Mensch weiß genau, wie viele Blindgänger - auch das ein verniedlichender Begriff - noch im Boden lauern. Die Beseitigung der letzten Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs ist Ländersache, keiner zählt das offiziell zusammen.

Schätzungen gibt es: Über 5500 Bomben, heißt es da, tauchten jedes Jahr in Deutschland auf und müssten entschärft werden. Sie landen in Fischernetzen, werden bei Straßenbauarbeiten von Baggern nach oben geholt oder von Bauern versehentlich aus dem Acker. Wir wohnen und leben auf geschätzt noch über 100.000 explosiven Altlasten, die allesamt das Zeug haben, Katastrophen zu verursachen. Besonders betroffen sind die einst besonders stark bombardierten Gebiete - das Ruhrgebiet, Köln, Hamburg, Berlin, aber auch kleinere Städte wie Wesel oder Koblenz.

Luftminen, die tonnenweise Sprengstoff enthalten, sind zu Zehntausenden darunter. Deutsche Kampfmittelräumer haben jede Menge Routine.



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insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
Originalaufnahme 03.12.2011
1. ===
Zitat von sysopEs ist die wohl größte Evakuierung seit dem Zweiten Weltkrieg: In Koblenz müssen am Sonntagmorgen 45.000 Menschen ihre Häuser verlassen - weil Kampfmittelräumer eine monströse Bombe im Rhein entschärfen. Szenen aus einer Stadt im Ausnahmezustand. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,801397,00.html
"Brackiges Wasser" bei Koblenz? http://de.wikipedia.org/wiki/Brackwasser
nr6527 03.12.2011
2. Kriege ächten
Zitat von sysopEs ist die wohl größte Evakuierung seit dem Zweiten Weltkrieg: In Koblenz müssen am Sonntagmorgen 45.000 Menschen ihre Häuser verlassen - weil Kampfmittelräumer eine monströse Bombe im Rhein entschärfen. Szenen aus einer Stadt im Ausnahmezustand. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,801397,00.html
60 Jahre nach dem Krieg leiden wir noch immer unter den Bombardements des 2. Weltkrieges. Auch heute werden andere Länder bombardiert, die wiederum Jahrzehnte leiden werden. Das ist auch der Grund warum wir darauf verzichten sollten unsere Soldaten in andere Länder zu schicken, wer weiß besser als wir, wie schrecklich Krieg ist.
lensenpensen 03.12.2011
3. Sehr richtig lieber Mitforist,...
Zitat von Originalaufnahme"Brackiges Wasser" bei Koblenz? http://de.wikipedia.org/wiki/Brackwasser
soweit ist der Klimawandel dann wohl doch nicht, als dass es in Koblenz Brackwasser gibt. Aber "Spaß" beiseite: Wenn das entdeckte Sprengmittel den Namen (Luft-) Mine trägt, ist dieses nicht wie vom Autor vermutet verniedlichend, sondern der technisch/militärisch korrekte Ausdruck: "Als Sprengkörper oder Geschosse mit Minenwirkung bezeichnet man alle Explosionswaffen, die ihre Zerstörungswirkung vor allem durch die bei der Explosion entstehende Detonationswelle (Druckwelle) hervorrufen." (lt. wikipedia.de) Und wenn er schreibt: "Es ist keine intelligente Waffe, sondern eine brachial brutale. Entworfen dafür, weiträumig Häuser aufzureißen, damit sie besser brennen.", ist dies ebenso wenig richtig. Es klingt zwar zynisch, aber auf ihre Art ist diese Waffe sehr intelligent, denn ohne sie wären die meisten Brandbomben sehr ineffektiv gewesen. Man kann einfach nur hoffen, dass alles gut geht, und niemand zu schaden kommt.
dr. kaos 03.12.2011
4. Wirklich?
Zitat von nr652760 Jahre nach dem Krieg leiden wir noch immer unter den Bombardements des 2. Weltkrieges. Auch heute werden andere Länder bombardiert, die wiederum Jahrzehnte leiden werden. Das ist auch der Grund warum wir darauf verzichten sollten unsere Soldaten in andere Länder zu schicken, wer weiß besser als wir, wie schrecklich Krieg ist.
Wissen "wir", mehr als 60 Jahre danach, wie schrecklich Krieg ist? Haben wir selbst einen erlebt? Die wenigsten. Selbst mein Schwiegervater, Jahrgang 1934, also knapp 11 Jahre alt bei Kriegsende, weiß es nicht (mehr). "Wir" sind ansonsten zu jung und in Kriegsdingen zu unerfahren, um beurteilen zu können, wie schrecklich es war. Wir sehen alte Wochenschauen, lesen Berichte, hören u.U. Berichte letzter Überlebende, und grausen uns. Ud wenden uns danach unserem Leben mit Internet, Parties, Fernsehabenden oder einem Zusammentreffen mir Freunden zu. Ich, Jahrgang 1962, möchte keinen Krieg erleben müssen. Und deswegen muß ich Dir zustimmen: Unsere Soldaten sollten nicht irgendwo auf der Welt Friedensstifter spielen müssen unter Gefahr für ihr eigenes Leben. Ich wünsche den Leuten vom Kampfmittelräumdienst ein gutes Gelingen bei ihrer Aufgabe morgen. Wir drücken die Daumen.
phops 03.12.2011
5.
@lensenpensen Der Autor schreibt: ---Zitat--- Das Trumm in Koblenz ist eine Luftmine - eine fast verniedlichende Bezeichnung für das, was da im Rhein liegt. Das Wort weckt Assoziationen eines kleinen Sprengsatzes, der sich gut verstecken lässt. ---Zitatende--- ...eine fast verniedlichende Bezeichnung... Sorry, aber wenn man meint hier immer die Autoren verbessern zu müssen sollte man sich den Artikel schon genau durchlesen. Außerdem finde ich das die Bezeichnung als wenig intelligente und brachial brutale Waffe schon irgendwie zutreffen.
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