Mädchengewalt "Bist du scheiße, schlachte ich dich"

18 Jahre, brutal, weiblich: Junge Mädchen reißen anderen Haare und Ohrringe aus, boxen sie mitten ins Gesicht und treten noch zu, wenn die Opfer schon am Boden liegen. Jugendliche Gewalt ist längst keine Männersache mehr. Die Polizei warnt davor, die "Engelsgesichter" zu unterschätzen.

Von Miriam Schröder


Berlin - Auf der Rückbank des Autos sitzt ein hübsches, zierliches Mädchen. Sie spricht mit einer sanften Stimme, ihre Finger spielen dabei mit einem Schlüsselanhänger aus Glasperlen. "Guckt mal, den hat mir meine Freundin zum Geburtstag geschenkt", ruft sie fröhlich. Ihre Hände sehen sauber aus.

Sie heißt Saliha, sie wird heute 18 Jahre alt und gerade im Auto von drei Polizisten verhört. Die Beamten möchten wissen, ob Saliha am vergangenen Samstag im Berliner Stadtteil Wedding mal wieder ein Mädchen verprügelt hat und ihr Portemonnaie und Handy rauben wollte. "Das war ich nicht, das kann ich schwören", sagt Saliha und reißt ihre großen, braunen Augen noch ein Stückchen weiter auf.

"Queen Saliha": "Bist du korrekt zu mir, bin ich korrekt zu dir"
SPIEGEL ONLINE

"Queen Saliha": "Bist du korrekt zu mir, bin ich korrekt zu dir"

Diesmal war sie es wohl wirklich nicht. Am Samstag nämlich waren sie und ihre Freundin auf dem Ku'damm unterwegs, "Jungs klarmachen", sie hat ein Alibi. Dass sie verdächtigt wird, ist trotzdem kein Zufall. Die Polizisten kennen "Queen Saliha", wie die Deutsch-Türkin sich nennt, schon lange. Vor drei Jahren stand sie zum ersten Mal vor Gericht. Damals hat sie ein Mädchen auf dem Schulhof verprügelt. "Die hat mich beleidigt", erzählt Saliha, "da bin ich ausgerastet."

Sie hat der anderen mit der Faust ins Gesicht geschlagen, immer wieder, bis sie auf dem Boden lag. Dann hat sie sich auf sie gesetzt und weiter geboxt, blind vor Wut. Ob das Mädchen unter ihr geweint oder geschrien hat, weiß Saliha nicht mehr. Das war ihr egal: "Hauptsache, sie leidet." Später kamen Freundinnen von Saliha dazu, haben auf das wehrlose Opfer am Boden eingetreten. Als sie mit ihr fertig waren, hatte das Mädchen eine Verletzung im Unterleib, eine Gehirnerschütterung und einen gebrochenen Arm.

Der Richter hat Saliha zu einem Schmerzensgeld verurteilt und sie aufgefordert, sich zu entschuldigen. Gezahlt hat sie, und hart gearbeitet, bis sie die 120 Euro zusammen hatte. Entschuldigt hat sie sich nicht. "Die war doch selbst schuld", ist sie noch heute überzeugt. "Sagt Schlampe und Bastard zu mir - wer ist die denn?"

"Im Wedding achtet man krass auf den Ruf"

Seitdem der Hilferuf der Lehrer an der Berliner Rütli-Schule öffentlich wurde, macht Deutschland sich Gedanken über das brutale Verhalten von Jugendlichen in den sogenannten sozialen Brennpunkten. Die Bilder zeigen ausschließlich Jungen, meist ausländischer Herkunft, die vor der Kamera als Gangster posieren. Dabei sind es immer häufiger auch Mädchen, die durch die Straßen ziehen, die klauen, andere "abziehen" und brutal zusammenschlagen. In Großstädten wie Berlin oder Hamburg ist bereits jeder vierte Tatverdächtige unter 21 weiblich.

"Mit Mädchen haben wir reichlich zu tun", sagt auch Nadine Koschnick, eine Polizistin aus Wedding, ein Stadtteil, in dem die Arbeitslosen- und die Ausländerquote ähnlich hoch sind wie in Neukölln. Koschnick gehört zur "Operativen Gruppe Jugendgewalt", eine Einheit der Berliner Polizei, die Raubtaten und Rohheitsdelikte von Jugendlichen aufklärt. Zwar sei die Mehrheit ihrer Fälle hier nach wie vor männlich. Die Mädchen dürfe man aber nicht unterschätzen, gleichgültig wie harmlos sie aussehen, wenn sie als Freundinnen eng eingehakt durch die Straßen laufen. "Alles Engelsgesichter", sagt ihr Kollege. "Wenn Mädchen zuschlagen, dann richtig", sagt Koschnick. Sie reißen ihren Opfern die Haare und die Ohrringe heraus, boxen mitten ins Gesicht.

"Da stellen sich die Mädels mit den Jungs auf eine Stufe", sagt Koschnick. Nicht nur, weil sie sich prügeln. Auch in ihrem Gehabe unterscheiden sich die weiblichen Schlägerinnen kaum von ihren männlichen Vorbildern. "Im Wedding achtet man krass auf den Ruf", sagt Saliha. Wenn jemand "die Ehre" verletzt, dann müsse man sich wehren, und zwar mit den Fäusten. "Bist du korrekt zu mir, bin ich korrekt zu dir. Bist du scheiße zu mir, schlachte ich dich wie ein Tier" ist Salihas Lieblingsspruch.

Sie hat auch schon Mädchen geschlagen, die ihr gar nichts getan haben. Die zufällig auf der Straße waren, wenn Saliha und ein paar Freundinnen dort herumzogen. "Aus Langeweile", sagt Saliha und manchmal auch, weil sie Geld haben wollte, fürs Kiffen im Park oder für Alkohol. In der Schule war sie selten, meistens nur "um die Lehrer zu provozieren". Zweimal ist sie darum schon geflogen.

"Entweder Täter oder Opfer"

Salihas Vater starb einen Tag vor ihrem zwölften Geburtstag. Die Mutter spricht kaum Deutsch, lebt mit ihren fünf Kindern in einer Vier-Zimmer-Wohnung, Saliha teilt sich eines mit zwei Schwestern. Eigentlich wünscht sie sich ein anderes Leben. Mit ihrer Freundin Anna geht sie gerne durch das nahegelegene Einkaufszentrum. Sie stöbern in Läden, in denen bunte Vasen, Discokugeln und Girlanden aus Plastikblumen verkauft werden.

Dann malen sie sich aus, wie sie ein eigenes Zimmer dekorieren könnten. Sie sind Mädchen. Sie wollen mal einen netten Mann. Und Kinder. Die sollen nicht im Wedding aufwachsen. "Wenn du hier aufwächst, wirst du entweder Täter oder Opfer." Egal ob Junge oder Mädchen.

Saliha hat noch keinen Hauptschulabschluss. Den muss sie jetzt nachmachen. Sie weiß, dass sie ohne Abschluss und mit Vorstrafe keine Lehrstelle bekommt. "Und man braucht doch einen Job, vor allem in diesen Zeiten." Sie hat es fast verstanden.

Darum will sie sich helfen lassen. Heute ist sie zu "Fallschirm" gegangen, einer Organisation, die sich im Auftrag des Jugendamtes um jugendliche Intensiv-Straftäter kümmert. Ihr gegenüber sitzt Sabine Hübner, eine junge Diplompädagogin. "Ich habe so viel Wut", sagt Saliha. "Wut ist etwas, das wir brauchen", sagt Sabine Hübner, sie guckt sehr verständnisvoll. Saliha guckt ziemlich verwundert, dann sagt sie: "Vielleicht habe ich zu viel Wut."

Respekt nach Schlägen

"Viele der Jugendlichen hier werden zu Straftätern, weil sie zu Hause wenig Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen", sagt Hübner. Auch Saliha redet viel von ihrer Mutter, die immer nur auf ihr rumhacke, die sie früher viel geschlagen und, sobald es Probleme gab, damit gedroht habe, sie in die Türkei zu schicken.

"Ich finde es toll, dass du über deine Probleme sprichst", sagt Hübner nach einer Stunde. Viele könnten das nicht, weil sie es nie gelernt haben, Gefühle auszudrücken. Weil nie jemand danach gefragt hat. Sie hofft, dass das Jugendamt Saliha die Betreuung bei "Fallschirm" bewilligen wird. Sie glaubt, dass sie auf einem guten Weg ist.

Salihas Freundin Anna ist erst 16 und schon einen Schritt weiter. "Ich mach' nix mehr. Wenn ich mir nochmal was erlaube, dann kann ich mein Abi vergessen", sagt das blonde, aufgeweckte Mädchen, das einmal Ärztin werden will. Als sie elf war, kamen sie und ihre Eltern aus Kasachstan in den Berliner Wedding. In der Schule haben die anderen Kinder sich über ihr fehlerhaftes Deutsch lustig gemacht.

Das hat ihr wehgetan, genauso wie die Schläge ihres Vaters. Auf dem Schulhof hat sie sich das erste Mal geprügelt, weil sie ein anderes Mädchen an den Haaren zog. Da hat Anna ihr mit der Faust ins Gesicht geschlagen, den Kopf des Mädchens gegen ihr Knie gehauen, sie auf den Boden geworfen und auf sie eingetreten. Danach haben die anderen ihr Respekt gezollt. "Da habe ich mich richtig gut gefühlt."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.