Mahnwache für ermordete Türkin "Alles Liebe in einer anderen Welt"

Rund 100 Menschen haben sich am Dienstag zu einer Mahnwache für die vor zwei Wochen erschossene Hatin Sürücü versammelt. Politiker verschiedener Parteien würdigten den Mut der Getöteten und forderten die islamischen und türkischen Gemeinschaften auf, einen klaren Standpunkt zum Thema Frauenrechte einzunehmen.

Von Florian Peil


Eine Rose für Hatin Sürücü: Mahnwache am Tatort
DPA

Eine Rose für Hatin Sürücü: Mahnwache am Tatort

Berlin - "Warum? Wieso? Weshalb?", steht auf einem handgeschriebenen Zettel. "Alles Liebe in einer anderen Welt", heißt es in einem anderen. Beide Blätter liegen zwischen Blumen und weiteren Briefen auf Deutsch und Türkisch in einem Beet nahe dem Tatort, einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof.

Hier war Hatin Sürücü am 7. Februar 2005 erschossen worden. Mehrere Kugeln hatten sie so schwer getroffen, dass sie noch am Tatort starb. Kurz darauf verhaftete die Polizei drei ihrer Brüder. Die Ermittler befürchten einen so genannten Ehrenmord. Denn Hatin Sürücü hatte sich von ihrem türkischen Mann scheiden lassen und sich von ihrer Familie losgesagt. Sie wollte ihr eigenes Leben leben.

"Wir akzeptieren nicht, dass Menschen, die in dieser Stadt ihr eigenes Leben führen, ermordet werden", sagte die Parlamentarische Staatssekretärin Marieluise Beck (Grüne) in ihrer Rede. Hatin Sürücü verdiene Respekt, weil es ihr gelungen sei, sich aus einer "unbarmherzigen Tradition" zu befreien - einer Tradition, die es "in unserer Welt" nicht geben dürfe. "Beziehungstaten sind keine Privatsache und nicht durch Religion oder Tradition zu rechtfertigen", so Beck.

Sie empfinde "tiefe Trauer" über die Tat, sagte die Berliner Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates in ihrer Rede. Ein "archaisch-traditioneller Ehrbegriff" habe zu einer "Hinrichtung" Hatin Sürücüs geführt. "Menschenrechte sind aber keine kulturelle Eigenheit, sie gehören allen - auch jungen muslimischen Frauen", sagte Ates.

Aus nächster Nähe erschossen: Hatin Sürücü
Polizei Berlin

Aus nächster Nähe erschossen: Hatin Sürücü

Für beide Rednerinnen gab es kräftigen Applaus - vor allem von den anwesenden Frauen: deutschen, türkischen und afrikanischen. "So eine Tat muss man heutzutage eigentlich nicht mehr erleben", sagte Nursen Karakaya. Ihre ganze Familie unterstütze diese Mahnwache, so die Türkin.

Auch türkische Männer sind gekommen, wenn auch deutlich weniger als Frauen. "So etwas darf es nicht geben", sagt Serhan Turan. Was Hatin mit ihrem Leben gemacht habe, gehe niemanden etwas an. Der 22-jährige Türke war ein Arbeitskollege der Ermordeten - und ist von ihrem Tod sichtlich getroffen.

Auch der Schulleiter der Thomas-Morus-Oberschule in Berlin-Neukölln, Volker Steffens, und einige Schüler nahmen nach Angaben der Veranstalter an der Mahnwache teil. Der Rektor hatte in einem offenen Brief Aussagen einiger Schüler kritisiert, die den Mord an Hatin Sürücü gutgeheißen hatten.

Die SPD-Landtagsabgeordnete Dilek Kolat forderte die islamischen und türkischen Organisationen in Deutschland dazu auf, endlich eine klare Position zum Thema Frauenrechte zu beziehen und sich "für ein selbst bestimmtes Leben der Frauen" einzusetzen.

Auch wenn es bis dahin noch ein wenig dauern sollte - die deutschen Medien hat die Ermordung von Hatin Sürücü auf jeden Fall wachgerüttelt. "Derartige Morde sind nichts Neues", sagt Öczan Mutlu, Bildungsexperte der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Doch jetzt seien die Medien sensibilisiert für das Thema und die Behörden wachgerüttelt. "Die Presse geht endlich offen und ohne falsche Toleranz mit dem Thema um", so Mutlu. "Das zeigt der Seite, die Ehrenmorde billigt, dass wir sie nicht tolerieren." Um solchen Taten künftig zu verhindern, müsse die Gesellschaft an einem Strang ziehen. Eine Patentlösung gebe es nicht.

Mutlu fordert zum Beispiel die Einführung eines obligatorischen "Werte vermittelndes Fachs" an den Schulen. "Wir müssen bei den Leuten im Kopf etwas ändern - die müssen unseren Wertekanon wirklich verinnerlichen." Denkbar sei auch eine Änderung der Ausländer-Gesetzgebung: "Frauen dürfen nicht ihren Aufenthaltsstatus verlieren, wenn sie sich scheiden lassen."



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