Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Nach MH17-Abschuss in der Ukraine: Malaysia-Airlines-Maschine flog über Syrien

Von , Rainer Leurs und  

Malaysia-Airlines-Maschinen in Kuala Lumpur: Neue Flugrouten gesucht Zur Großansicht
AFP

Malaysia-Airlines-Maschinen in Kuala Lumpur: Neue Flugrouten gesucht

Ausgerechnet Malaysia Airlines hat eine Maschine über Syrien fliegen lassen - drei Tage nach dem Abschuss von Flug MH17. Die Fluggesellschaft verteidigt sich, doch die Branche ist in Aufruhr: Wie sicher kann das Fliegen über Krisenregionen noch sein?

Hamburg - Die Macher von "Flightradar24" haben sich ihre Entscheidung offenbar nicht leicht gemacht. Stundenlang sei abgewogen worden, teilte das Luftverkehr-Trackingportal via Twitter mit. Dann habe man sich entschlossen, auf einen Flug von Malaysia Airlines aufmerksam zu machen. Einen Flug, der das Image der schwer getroffenen Fluglinie nicht verbessern dürfte: MH4, ein Airbus A380, flog am Sonntag auf dem Weg von Kuala Lumpur nach London über Syrien hinweg.

Ein Kurs direkt über die Krisenregion, südlich an der lange umkämpften Stadt Homs vorbei. Laut "Flightradar24" war es der einzige transkontinentale Flug durch den syrischen Luftraum am Sonntag. Vermutlich wollte die Airline wie alle internationalen Fluglinien den Osten der Ukraine meiden - und wählte dabei die alternative Route über Syrien.

Dies sei in Einklang mit den Vorgaben der Uno-Luftfahrtorganisation ICAO geschehen, teilte Malaysia Airlines mit. Es habe keine Sperre des Luftraums gegeben, die Sicherheit der Passagiere habe allergrößte Priorität.

Für die Darstellung wird Javascript benötigt.

Es kommt immer wieder vor, dass Passagiermaschinen den Luftraum über Krisengebieten durchqueren. Die Lufthansa zum Beispiel flog in den Tagen vor dem Abschuss von MH17 mehr als 50 Mal über die Ukraine. Über Syrien fliegt die deutsche Fluggesellschaft nach eigenen Angaben nicht. Unter anderem die US-Luftfahrtbehörde warnt seit dem vergangenen Jahr davor, die Routen über das Bürgerkriegsland zu nutzen. Dass nun ausgerechnet Malaysia Airlines diesen Weg wählte, ist bemerkenswert.

Der Fall macht ein Dilemma der Fluglinien deutlich: Nach der Tragödie in der Ukraine müssen sie für die zahlreichen Flüge zwischen Europa und Asien neue Wege finden. Den Daten von "Flightradar24" zufolge nutzen derzeit viele Airlines eine Route über die Türkei und den östlichen Irak. Doch wie sicher können die Flüge über Krisengebiete künftig sein? Welche Maßstäbe gelten nach der Tragödie in der Ukraine noch?

Branche befürchtet dramatische Folgen

Der Flug über Syrien und die von den Kämpfern der radikalen Miliz "Islamischer Staat" kontrollierten Gebiete im angrenzenden Irak gilt unter Sicherheitsexperten als extrem gefährlich - insbesondere nach dem Abschuss der Boeing 777 über der Ukraine. "Jeder Terrorist rund um den Globus hat die Bilder des abgeschossenen Flugzeugs gesehen", sagt ein deutscher Terrorfahnder. "Natürlich ist der Reiz, einen solchen medialen Mega-Erfolg nachzumachen, für jeden Dschihadisten extrem hoch."

In Syrien scheint die Gefahr auch für hoch fliegende zivile Maschinen akut. Im Gegensatz zu gesetzlosen Regionen wie Afghanistan oder dem Jemen verfügt das Militär Syriens über das gleiche "Buk"-Luftabwehrsystem, mit dem mutmaßlich auch die Maschine über der Ukraine vom Himmel geholt wurde. Nach mehr als zwei Jahren Bürgerkrieg aber vermag niemand mehr mit Sicherheit zu sagen, ob das System noch in Regierungshand oder unter der Kontrolle der Radikalislamisten ist. Das extreme Szenario beschreibt beispielhaft, wie sehr der Fall MH17 die Flugsicherheit beeinflussen könnte.

Gemeinsam die Sicherheitsprotokolle prüfen

Zwar wurden in der Vergangenheit schon mehrfach zivile Maschinen abgeschossen. Doch der Absturz von Flug MH17 zeigt, wie die Lage sich verändert hat: Gelangen moderne Boden-Luft-Raketen in die Hand von Milizen oder Terroristen, bedeutet das eine neue Form der Bedrohung. Auch in Reiseflughöhe sind Passagiermaschinen vor diesen Waffensystemen nicht sicher.

Tim Clark, Chef der arabischen Fluglinie Emirates, forderte bereits eine gemeinsame Antwort der gesamten Branche. Es müsse neu definiert werden, wie die Unternehmen mit dem Überfliegen von Krisengebieten umgehen sollten, sagte Clark der Nachrichtenagentur Reuters.

Bisher seien Airlines in der Lage gewesen, mit dem Überflug von Krisengebieten umzugehen, es gebe hierzu Protokolle und Vorgehensweisen. Doch die Situation habe sich geändert, sagte Clark. "Nun denke ich, muss es neue Protokolle geben."

Die Lufthansa unterstützt den Vorstoß des Emirates-Chefs. Für die deutsche Airline ist mit dem Absturz von Flug MH17 eine neue Dimension erreicht. "Niemals zuvor wurde ein ziviles Flugzeug auf Reiseflughöhe durch eine Boden-Luft-Rakete auf einer der weltweit verkehrsreichsten Luftstrecken zum Absturz gebracht", sagte ein Sprecher. Fluggesellschaften, Branchenverbände und Regierungsbehörden müssten nun gemeinsam die internationalen Sicherheitsprotokolle überprüfen.

Der italienische Luftfahrtexperte David Cenciotti ist der Meinung, dass Airlines künftig generell nicht über Krisenregionen fliegen sollten. Der Abschuss von MH17 habe gezeigt, dass die Maschinen auch in großer Höhe nicht sicher sind. Er geht davon aus, dass die Fluggesellschaften künftig sehr viel vorsichtiger sein werden, wenn es Entwicklungen gibt wie zuletzt in der Ukraine. "Sie werden diese Gegenden meiden", sagt Cenciotti, der den Branchendienst "The Aviationist" betreibt.

"Eine der Lektionen aus der Tragödie von MH17 ist, dass der zivile Luftverkehr von Kriegsgebieten ferngehalten werden muss - unabhängig davon, ob es schon eine Bedrohung einer Passagiermaschine gab oder nicht", sagt Cenciotti. "Es würde die Fluglinien und die Passagiere mehr kosten, aber so etwas wie bei MH17 würde nicht noch einmal passieren."

Die Route über Syrien scheint auch bei Malaysia Airlines nicht der Normalfall zu werden. Am Montag und Dienstag flog MH 4 wieder über die Türkei Richtung London.

Mit Material von Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Und sonst ?
linkeklebe68 22.07.2014
Ich will demnächst nach Dubai fliegen. Aktuell führt die Hauptroute über den Irak. Flugverkehr wie auf einer Autobahn.... Wie sicher ist das ?
2. Alternativlos
sabaidii 22.07.2014
Seit der Sperre des ostukrainischen Luftraumes fliegen die meisten Maschinen über den Irak, die gesamte Länge vom Kurdengebiet bis zum Golf, aufgereiht wie an einer Perlenschnur. Eine aktuell ebenso stark frequentierte Route verläuft über den Norden Afghanistans (Mazar e Sharif - Kabul) und an Islamabad vorbei quer über Nordpakistan. Da sich die Konfliktregionen von Libyen über Israel, Syrien, Irak, Afghanistan und Pakistan bis zum Himalaya fast nahtlos aneinanderreihen bliebe als einzige Lücke für den gesamten Luftverkehr zwischen Europa und Asien der schmale Korridor durch Iran und die Türkei.
3. Krisengebiete schließen. Sicherheitszuschlag durchsetzen.
Gluehweintrinker 22.07.2014
Angesichts der vermeidbaren Katastrophe mit MH17 dürfte spätestens jetzt auch jedem noch so sparsamen Passagier klar sein, dass Geiz tödlich enden kann. Wer wird sich einem moderaten Sicherheitszuschlag von 30 bis 50 USD verweigern, wenn dafür Krisenregionen umflogen werden können? Der Preis für eine Tonne Kerosin liegt bei 330 USD. Wenn jeder Passagier 30 USD für einen Sicherheitszuschlag zahlt, kommen bei 400 Passagieren 12.000 USD zusammen. Dafür lassen sich 36 Tonnen Sprit kaufen. Bei exakter Kalkulation dürfte solch ein Sicherheitsaufschlag noch viel geringer liegen.... 20 USD pro Flug? So viel sollte Sicherheit wert sein, oder?
4. Dubai via Irak
Visitor23 22.07.2014
... das ist offensichtlich hochgradig problematisch. Ich gehe davon aus, dass es für die dortigen Milizen kein größeres Problem ist, an BUK-Systeme heran zu kommen. Die Frage ist also nicht, ob Extremisten versuchen werden, ein Linienflugzeug vom Himmel zu holen. Die Frage ist nur, wann/wo dieser Versuch stattfinden wird.
5.
spon-facebook-1629421895 22.07.2014
Ich wollte grade in einem anderen Beitrag schreiben: "Wieso fliegt Malaysia Airlines eigentlich über ein Krisengebiet? Das ist mindestens so grobfahrlässig, wie der Fehler des Abschusses - man könnte zum Spritsparen ja auch über Syrien fliegen". Ja.... ups....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Leichen von MH17: Ermittlungen am Zug des Todes

Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Ukraine-Reiseseite


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: