Hinterbliebene von MH17-Opfern "Herr Putin, schicken Sie meine Kinder zurück"

Beim Absturz der Boeing 777 über der Ostukraine sind 193 Niederländer umgekommen, nun bricht die Wut aus manchen Hinterbliebenen heraus. Ihre Äußerungen lassen erahnen, wie groß die Verzweiflung ist.

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Amsterdam - Mitten in der Nacht zum Sonntag hat Hans de Borst angefangen zu schreiben. "Vielen Dank, Herr Putin, Anführer der Separatisten oder der ukrainischen Regierung, dass Sie meine geliebte und einzige Tochter ermordet haben." In den sieben Absätzen, die dann folgen, schreibt er sich Trauer, Frust und Wut von der Seele.

Hans de Borst, ein 51 Jahre alter Niederländer aus einem Vorort von Den Haag, hat seine 17-jährige Tochter Elsemiek verloren. Sie ist eines von 298 Opfern, die ums Leben kamen, als am Donnerstag ein Flugzeug auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Ukraine abstürzte. 193 Niederländer waren an Bord; für das kleine Land ist es eines der schwersten Unglücke seiner Geschichte.

Die vergangenen Tage hat das Land getrauert, doch nun wächst die Wut. Hinterbliebene müssen mit ansehen, wie ein Journalist am Unglücksort in den Koffern wühlt und Rebellen die Leichen in rostende Eisenbahnwaggons laden.

"So ein Scheißgefühl"

De Borsts Brief ist auf dessen Facebook-Seite zu lesen. Auch Zeitungen druckten ihn am Montag. "Ich habe den Text gut durchdacht, das ist genau, was ich fühlte", sagte er der Tageszeitung "Algemeen Dagblad".

Elsemiek war seine einzige Tochter. Sie war auf dem Weg nach Malaysia, zusammen mit ihrer Mutter, der Ex-Frau von Hans de Borst. "Elsemiek hätte im nächsten Jahr ihren Schulabschluss gemacht", schreibt de Borst in seinem Brief. Sie wollte an der renommierten Universität von Delft Architektur studieren. Sie sei gut gewesen in der Schule. "Auf einmal ist sie nicht mehr!"

Vater de Borst fühlt Trauer, Machtlosigkeit, aber auch Wut. "Wenn ich sehe, wie ein betrunkener Rebellenführer mit einer Zigarette die Beobachter wegschickt, entsteht so ein Scheißgefühl", sagte er der Zeitung.

Er hoffe, "dass ich noch etwas Greifbares von ihr zurückbekomme", sagt er. "Das Portemonnaie, ein Ring, ihre Slipper - das ist so viel wert für mich."

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MH17-Abschuss: Das Chaos an der Absturzstelle
Robbert und Silene Frederiksz haben ihren Sohn und dessen Freundin verloren. "Sie liegen da, in einem Feld." In die Kamera von "Sky News" sagt die Mutter, sie wolle eine Beerdigung: "Sie müssen zurück; Herr Putin, schicken Sie meine Kinder zurück, bitte."

Inzwischen, fast vier Tage nach der Katastrophe, sind Ermittler am Absturzort im Osten der Ukraine eingetroffen. Die sterblichen Überreste sollen sich noch immer in Zugwaggons befinden, deren Kühlung Berichten zufolge immer wieder ausfällt. Viele Niederländer verlieren die Geduld. Die größte Zeitung des Landes, das Boulevardblatt "De Telegraaf", forderte am Montag auf der Titelseite: "Gebt uns unsere Leute zurück!" Auf Twitter hat eine Kampagne begonnen. Hashtag #bringthemhome, "bringt sie zurück". User nutzen ein schwarzes Profilfoto bis die Leichen herausgegeben werden.

Auch Premierminister Mark Rutte sagte am Wochenende, die Toten hätten "schon seit zwei Tagen" zurück in den Niederlanden sein müssen. Fotos von Rebellen, die Kinderspielzeug in die Luft hielten, seien "so widerlich, dass man es nicht in Wort fassen kann". Außenminister Frans Timmermans sagte nach einem Gespräch in Kiew, Holland sei "rasend wütend".

Rufe nach harter Reaktion

Trotzdem bleibt die Regierung bisher dabei, keine Beschuldigungen in Bezug auf den Abschuss auszusprechen. Rutte hatte nach eigener Aussage am Wochenende ein "intensives Gespräch" mit Präsident Putin am Telefon. Mehr nicht. Harte Worte gegen die Rebellen wie von US-Außenminister John Kerry gibt es aus Den Haag nicht.

Die niederländische Regierung steckt in einem Dilemma: Sie will kein Porzellan zerschlagen. Drohungen, Sanktionen oder gar militärisches Eingreifen würden die Stimmung nur verschlechtern, so die Furcht. Die Rückführung der Toten könnte dann noch länger dauern. Andere Beweismittel wie die Flugschreiber, die offenbar bereits im Besitz der Rebellen sind, könnten zu einem Druckmittel werden. Am Sonntagabend hatte Putin Rutte bei dem Telefonat seine Unterstützung bei der Übergabe der sterblichen Überreste der Opfer des abgestürzten Flugzeugs sowie der Flugschreiber zugesichert, doch auf die Worte des russischen Präsidenten gibt man auch in den Niederlanden nicht mehr viel.

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MH17-Abschuss: Die Ungewissheit über den Verbleib der Opfer
Die Regierung um Rutte gerät mehr und mehr unter Druck. "Wie lange ist das Kabinett bereit, mit Putin nur zu telefonieren?", fragt Sjoerd Sjoerdsma von der oppositionellen Partei D66 in Den Haag. Er fordert in der Tageszeitung "De Volkskrant" indirekt ein härteres Auftreten. Louis Bontes, ein anderer Oppositionspolitiker, sagt sogar, man müsse eine Spezialeinheit entsenden. "Wir lassen unsere Leute da doch nicht einfach verrotten, weil uns so ein Pack zurückhält." Bas Heijne, ein prominenter niederländischer Leitartikler, schreibt, es sei Zeit für Holland, "sich wie ein Mann zu verhalten".

Hans de Borst hofft, dass Putin, die Rebellen und die ukrainische Regierung seinen Brief lesen. Dass ihre Augen geöffnet werden. Seinen Brief beendet er mit: "Grüße, Elsemieks Vater Hans de Borst, dessen Leben ruiniert ist."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
kuac 21.07.2014
1. Verbergen?
Zitat von sysopGetty ImagesBeim Absturz der Boeing 777 über der Ostukraine sind 193 Niederländer umgekommen, nun bricht die Wut aus manchen Hinterbliebenen heraus. Ihre Äußerungen lassen erahnen, wie groß die Verzweiflung ist. http://www.spiegel.de/panorama/malaysia-airlines-mh17-hinterbliebene-appellieren-an-putin-a-982168.html
Der Russische Geheimdienst ist einer von den besten. Falls Putin es wollte, könnte er sofort die Fakten rausrücken. Warum tut er das nicht? Was hat er zu verbergen?
der.tommy 21.07.2014
2.
Und ich bin mir schon jetzt absolut sicher, dass eine Resolution im Sicherheitsrat beispielsweise zur Entsendung von Blauhelm-Truppen am Veto Russlands scheitern wird. Sämtliche Handlungen Russlands in den letzten Monaten, angefangen bei der annektion der Krim, zeigen deutlich dass Russland die destabilisierung der Ukraine nicht nur toleriert sondern wünscht. Diese Kaltblütigkeit muss entsprechend beantwortet werden. Russland ist nicht zu Zugeständnissen bereit und hat deutlich gezeigt, dass es keinen Wert auf eine Zugehörigkeit zur westlichen Welt legt. Also lasst sie. Sämtliche Handelsbeziehungen einstellen, Exporte und Importe sofort stoppen, sämtliches Geld abziehen und politisch isolieren. Sollen die Russen mit ihrem Land und der Krim glücklich werden. Mal sehen wie lang Putin dann meint, noch den sturköpfigen machthungrigen spielen zu können
DrSnow 21.07.2014
3. Unzumutbare Verschleierungstaktik
Das unvorstellbare Leid, dass den Hinterbliebenen der Flugzeugkatastrophe durch den offensichtlichen Abschuss von MH17 zugefügt wurde, wird durch die perfide Verzögerungstaktik prorussischer Rebellen in unzumutbarer Weise verstärkt. Die Art und Weise, wie mit den Toten und deren persönlichen Gegenständen, sowie Flugschreiber und OSZE-Beobachtern umgegangen wurde, lässt nur einen Schluss zu: Es sollen die wahren Hintergründe des Flugzeugabsturzes in hinterlistigster Weise verschleiert werden. Jedem forensischen Experten ist klar: Spuren von Explosionsstoffen, sowie Splitter von Sprengköpfen lassen sich in Flugzeugteilen wie auch menschlichen Überresten in winzigen Mengen nachweisen. Diese fehlenden Indizien würden das wichtige Glied in der Beweiskette liefern, dass es sich bei der Ursache des Absturzes tatsächlich um eine Boden-Luft-Rakete Typ Buk russischer Bauart handelt. Wie anders ist das Verhalten der Verbrecherbande zu erklären, die mit allen Mitteln die Aufklärung Ihrer abscheulichen Tat verhindern wollen? Früher oder später kommt die Wahrheit ohnehin ans Licht. Bis dahin wird jedoch niemand auf der Welt auch nur das geringste Verständnis für die Motive der sogenannten Freiheitskämpfer übrig haben - nicht einmal mehr in der russischen Bevölkerung!
hubertrudnick1 21.07.2014
4. Hat KGB-Putin was zuverbergen?
Zitat von kuacDer Russische Geheimdienst ist einer von den besten. Falls Putin es wollte, könnte er sofort die Fakten rausrücken. Warum tut er das nicht? Was hat er zu verbergen?
Man könnte doch sagen, wer nichts zu verbergen hat, der bräuchte dann auch die Untersuchungskommission nicht ständig Steine in den Weg legen, oder deutlicher gesagt, er würde sie nicht mit Waffengewalt an der Aufklärung hindern. Herr Putin, ziehen sie ihre bewaffneten Terroristen zurück.
walter_e._kurtz 21.07.2014
5. wirklich so schwer?
Zitat von kuacDer Russische Geheimdienst ist einer von den besten. Falls Putin es wollte, könnte er sofort die Fakten rausrücken. Warum tut er das nicht? Was hat er zu verbergen?
Die offizielle Linie Moskaus sieht bisher keine Waffenlieferungen an die Separatisten in der ost-Ukraine vor. Sollte sich nun herausstellen, daß das eingesetzte FlaRak-System tatsächlich ein durch RU zur Verfügung gestelltes Exemplar war, fällt RU (und damit Putin) die komplette Ukrainepolitik auf die Füße. Dann wird offensichtlich, was man hinter vorgehaltener Hand schon länger munkelt: RU rüstet die Separatisten sogar mit schweren Waffen aus, zieht den Konflikt damit in die Länge, verantwortet in der Folge Opfer, von beteiligungslosen Ukrainern bis hin zu den nun verstorbenen MH17-Passagieren/Besatzungsmitgliedern. Selbst ein Potentat von Putins Format täte sich schwer mit diesem Ballast. Dies schränkt(e) seinen Handlungsspielraum auf der internationalen Bühne stark ein. Was widerum einige Personenkreise im Kreml nicht gern sehen würden. Was wollen die Falken mit einem Bären ohne Zähne und Krallen? Putin wird die Geister, die er rief, nun nicht mehr los. Der Anfang von Putins Ende? Naja, so schnell wird´s nicht gehen, schließlich ist Verlaß auf die russ. Propagandamaschinerie. Vorerst bin ich jedoch sehr gespannt, was ein prominenter dt. Putinfreund zum Thema absondern wird. Vielleicht wird seine Rolle in der dt. Historie schneller umgeschrieben, als Putins eigene zu Hause ;-)
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