Trauer und Wut in den Niederlanden "Plötzlich ist alles so nah"

Verzweiflung, Trauer, Ohnmacht: Die Menschen in den Niederlanden sind tief berührt vom Absturz des Flugs MH17. Der Konflikt in der Ukraine scheint auf einmal bedrückend nah.

Von und , Amsterdam und Winterswijk 

Claus Hecking

Wayan Sujana, 24, war zum ersten Mal in Europa, beruflich, mit seinem Chef, vier Wochen dauerte sein Aufenthalt. Er stammte aus einem kleinen Dorf auf der indonesischen Insel Bali, dort lebte er vom Tourismus. Wayan Sujana stieg am Donnerstag in Amsterdam in die Boeing 777, die ihn nach Hause bringen sollte. Er ist eines von 298 Opfern des Absturzes von Flug MH17.

Ein Bild von ihm hängt nun am Schalter von Malaysia Airlines in Terminal 3 des Flughafens Schiphol. Arthur Laumann hat es mit einem Blumenstrauß dort platziert.

Laumann kommt aus Amsterdam, er ist ein Freund der Familie Sujana. Sonst falle ihm das Reden nicht schwer, sagt er, aber nun fehlten ihm die Worte. "Nicht zu fassen, was hier passiert ist." Er hat mit Malaysia Airlines telefoniert, mit Botschaftsangehörigen gesprochen. Es gebe kaum Informationen, sagt er. "Erst am Freitagmorgen hat Malaysia Airlines bei der Familie angerufen."

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Absturz von Malaysia Airlines MH17: Trümmer, Opfer, Folgen
Die Fluggesellschaft stellt sich am Freitagnachmittag im Flughafen den Fragen der Presse. Man merkt Huib Gorter, Vizechef von Malaysia Airlines in Europa, die Anspannung und die Last an, die nun auf ihm und seinen Kollegen liegt. Gorter verkündet die neuesten Erkenntnisse: 189 Passagiere aus den Niederlanden seien an Bord gewesen, 44 aus Malaysia, 27 aus Australien, 12 Indonesier, 9 Briten, 4 Belgier, 4 Deutsche, 3 Personen von den Philippinen, 1 Person aus Kanada, 1 aus Neuseeland, bei 4 Passagieren sei die Nationalität noch ungeklärt. Zahlen, hinter denen 298 Menschen stehen, die aus dem Leben gerissen wurden. Deren Tod Töchter, Söhne, Väter, Mütter, Freunde in Fassungslosigkeit und tiefste Trauer versinken lässt.

In Amsterdam sind die Hinterbliebenen in einem Hotel nahe des Flughafens untergebracht. Als Soforthilfe für Ausgaben wie Taxi- oder Telefonkosten bekommen sie in den nächsten Tagen 5000 Dollar, versprach Malaysia-Airlines-Manager Gorter. Sie werden von Experten betreut, es gebe Therapeuten, die verschiedene Sprachen sprechen.

Am Donnerstag hatte Gorter versprochen, man werde die Angehörigen in die Ukraine fliegen. "Die Erfahrung zeigt, dass es Hinterbliebenen hilft, wenn sie die Unglücksstelle besuchen können", sagt er auch am Freitag. Doch so schnell, wie er wohl anfangs dachte, wird das nicht zu realisieren sein. Die Sicherheitslage ist unübersichtlich, die Absturzstelle liegt in umkämpftem Gebiet.

Malaysia Airlines hat ein Team in die Ukraine geschickt - Gorter nennt die Experten "Care Takers". Sie sollen herausfinden, was passiert ist. Dass das Flugzeug abgeschossen wurde, daran gibt es kaum mehr Zweifel. Technische Mängel habe es keine gegeben. Gorter sagt, die Maschine sei am 11. Juli zum letzten Mal gecheckt worden.

Die Katastrophe hat die Menschen in den Niederlanden erschüttert, auch abseits des Flughafens, auch diejenigen, die nicht durch Verwandte oder Freunde direkt betroffen sind. Corné Humme sagt, was wohl viele seit Donnerstagnachmittag empfinden: "Man denkt, man hat mit diesem Krieg in der Ukraine nichts zu tun, der ist weit weg. Aber plötzlich ist alles so nah bei uns." Humme ist Angestellter der Stadt Winterswijk, um acht Uhr morgens hängte er die niederländische Flagge vor dem Rathaus auf halbmast. "Ich war tieftraurig", sagt er.

Vor allen niederländischen Gemeinden, Regierungs- und Verwaltungsgebäuden wurde die rot-weiß-blaue Trikolore nur auf halbe Höhe gezogen. "Das ist Terrorismus. Was können wir denn dafür, wenn sich Russen und Ukrainer bekriegen?", sagt und fragt Jaap M., ein Pensionär, der gerade in Winterswijks Fußgängerzone fünf Zeitungen gekauft hat.

"Ich bin fertig, das ist ein tiefschwarzer Tag", hatte der niederländische Premier Mark Rutte in der Nacht gesagt. Am Freitag dann wendete er sich den Tätern zu: "Wenn es deutlich wird, dass es ein Anschlag war, werde ich mich persönlich dafür einsetzen, dass die Täter aufgespürt werden und ihre gerechte Strafe kriegen. Eher werde ich nicht ruhen."

Mindestens eines der Opfer wird er wohl persönlich gekannt haben: Der Sozialdemokrat Willem Witteveen, Mitglied im Senat, saß mitsamt Ehefrau und Tochter in der Malaysia-Airlines-Boeing. "Es ist nicht zu fassen", sagte Marleen Barth, Fraktionsvorsitzende der Partij van de Arbeid im Senat.

Corné Humme aus Winterswijk wird irgendwann am Abend das Radio endgültig abschalten, seinen Dienst beenden und nach Hause gehen, zu seiner Familie. Ihm und seiner Familie ist nichts passiert. "Aber fröhlich werde ich heute nicht mehr", sagt er.



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