Malaysia-Airlines-Katastrophe Viele MH-17-Passagiere wollten zur Aids-Konferenz

Die niederländische Zeitung "De Telegraaf" spricht von der größten Tragödie seit Jahrzehnten: Die meisten Opfer des Flugabsturzes über der Ukraine waren Niederländer. Viele der Passagiere wollten zur internationalen Aids-Konferenz in Melbourne.


Blumen, brennende Kerzen, Teddys und kurze Mitteilungen stapeln sich vor der niederländischen Botschaft in Kiew. Gruppen von Menschen haben sich versammelt. Sie sehen fassungslos aus, weinen, wirken tief betroffen. 173 Niederländer kamen bei dem Absturz des Flugs MH17 über der Ukraine am Donnerstag ums Leben. Die Zeitung "De Telegraaf" spricht von der größten Tragödie des Landes seit Jahrzehnten.

Nach Angaben der Fluggesellschaft Malaysia Airlines waren insgesamt 298 Insassen an Bord. Neben den Niederländern sollen 4 Deutsche, 27 Australier, 23 Malaysier, 11 Indonesier, 6 Briten, 4 Belgier, 3 Philippiner und 1 Kanadier zu den Opfern gehören. Die Nationalität der weiteren Passagieren war noch unklar. Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte den Tod der 4 Deutschen. Das belgische Außenministerium teilte mit, dass nicht vier, sondern fünf Belgier an Bord der Maschine gewesen seien.

Die niederländische Regierung ordnete für Freitag allgemeine Trauer an. Die Fahnen auf allen öffentlichen Gebäuden sollten auf Halbmast gesenkt werden. Auch der traditionelle Fototermin mit der königlichen Familie zu Beginn der Sommerferien am Freitag wurde abgesagt. König Willem-Alexander bezeugte den Angehörigen der Opfer sein tiefes Mitgefühl.

Am Abend hatten sich am Amsterdamer Flughafen rund 100 Angehörige von Passagieren der Unglücksmaschine versammelt. Ratlos, tief bestürzt und weinend meldeten sie sich am Informationsschalter. "Ich habe gehört, dass ich mich hier melden soll", sagt eine Frau. "Mein Schwager saß in der Maschine." Freunde und Familien von Opfern wurden dann in Bussen zu einem nahe gelegenen Hotel gefahren. Dort wurden sie, abgeschirmt von den Medien, über das Unglück informiert. Reiseveranstalter und das Außenministerium richteten für Angehörige eine Sondertelefonnummer ein.

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MH17: Gedanken und Gebete
Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sprach von einem "tiefschwarzen Tag". "Dies ist möglicherweise das schwerste Flugzeugunglück der niederländischen Geschichte." Rutte hatte seinen Urlaub in Deutschland abgebrochen und in Den Haag einen Krisenstab zusammengerufen. In erster Linie gelte alle Aufmerksamkeit nun den Hinterbliebenen, sagte der Premier.

König Willem-Alexander sei "tief bestürzt über die entsetzliche Nachricht", hieß es in einer Erklärung des Hofes. Der König verfolge intensiv gemeinsam mit Königin Máxima die Entwicklung. "Wir fühlen sehr mit Angehörigen, Freunden, Kollegen und Bekannten der Opfer und mit all denjenigen, die noch im Ungewissen sind, ob ihre Nächsten an Bord der Maschine waren."

Viele Passagiere auf dem Weg zur Aids-Konferenz

Nach Angaben des "Sydney Morning Herald" saßen im Flugzeug rund 100 Teilnehmer der Welt-Aids-Konferenz, die am Sonntag im australischen Melbourne beginnt. Der Chef des Uno-Aidsprogramms, Michel Sidibe, schrieb am Freitag im Kurznachrichtendienst Twitter, dass "viele Passagiere" auf dem Weg zu der Konferenz gewesen seien. Seine "Gedanken und Gebete" seien bei den Familien der Insassen von Flug MH17. Die Internationale Aids-Stiftung bestätigte in einer Erklärung, dass "etliche unserer Kollegen und Freunde" in dem Flugzeug saßen.

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Malaysia Airlines: Flugzeugabsturz in der Ukraine
An Bord der Maschine war offenbar auch der niederländische Aids-Forscher und frühere Präsident der Internationalen Aids-Stiftung, Joep Lange. Die australische Aids-Stiftung teilte bei Twitter mit, es gebe Berichte, wonach Lange und weitere Wissenschaftler bei dem Flugzeugabsturz gestorben seien. Ähnlich äußerte sich der US-Aids-Aktivist Gregg Gonsalves. Bei der 20. Welt-Aids-Konferenz, die am Sonntag in Melbourne beginnt, werden 12.000 Teilnehmer die jüngsten Forschungsergebnisse und Entwicklungen um den tödlichen HI-Virus diskutieren.

Die Linienmaschine von Malaysia Airlines war auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur, als sie in einem von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebiet der ostukrainischen Unruheregion Donezk abstürzte. Noch ist unklar, wie es zu dem Unglück kam. US-Geheimdienste gehen von einem Abschuss durch eine Boden-Luft-Rakete aus. Der Präsident der Ukraine, Petro Poroschenko, beschuldigte die Rebellen eines "Terrorakts". Die Separatisten bezichtigten ihrerseits das ukrainische Militär, die Maschine abgeschossen zu haben.

Bislang 121 Tote geborgen

Rettungskräfte haben in der Nähe der Ortschaft Grabowo im Osten der Ukraine bereits Dutzende Leichen gefunden. Bislang seien 121 Tote geborgen worden, teilte der ukrainische Zivilschutz am Freitagmorgen nach Angaben der Agentur Interfax mit. "Die Arbeiten werden davon erschwert, dass die Trümmer in großem Umkreis verstreut sind", sagte der Sprecher des ukrainischen Notfalldienstes, Sergej Botschkowski. Zudem seien bewaffnete Separatisten in der Nähe.

Die Aufständischen gaben an, sie hätten den Flugschreiber der Boeing gefunden. "Die Black Box wurde sichergestellt", sagte einer der Sprecher, Konstantin Knyrik. Auch Experten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) machten sich auf den Weg zum Wrack.

Der Absturz ist der zweite schwere Schlag für Malaysia Airlines innerhalb von Monaten. Im März verschwand Flug MH370 mit 239 Menschen an Bord auf dem Flug von Kuala Lumpur nach Peking. Wochenlange Suchen im Pazifik nach dem Wrack blieben erfolglos.

MH17: Letzte Position der Maschine vor Absturz

yes/dpa/AFP

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Hank Hill 18.07.2014
1. Die von Putin
unterstuetzten Separatisten haben schon ein ukrainisches Flugzeug abgeschossen. Und wenn sich der Verdacht als wahr herausstellt, dann ist es egal ob es ein "Versehen" war, geplant, oder ein Unfall. Putin ist gefordert seine Unterstuetzung fuer diese Moerderbande einzustellen. Ansonsten Sanktionen bis Putin versteht welch kleines Licht der KGB Gernegroß ist.
cvdheyden 18.07.2014
2. Kraft
Ich wünsche den Angehörigen die Kraft und Zeit um über den schrecklichen Verlust Ihrer lieben hinwegzukommen. Ich hoffe die Welt erkennt irgendwann, dass der Militarismuss auf lange Sicht der Weg in die Selbstzerstörung ist.
tom.le 18.07.2014
3. Flugroute?
Auch wenn die Hauptschuld sicherlich bei den Separatisten liegt - die Fluglinie sollte sich auch mal hinterfragen: Ich finde es unerklärlich, weshalb man durch einen Luftraum fliegt, in dem in den letzten Tagen schon mehrere Militärmaschinen abgeschossen wurden.
Velociped 18.07.2014
4. Eine Tragödie - aber wer war es?
Es ist eine Tragödie. Wer könnte es gewesen sein? Es könnten ukrainische Truppen gewesen sein, die ein vermeintlich russisches Flugzeug abschiessen wollten. Es könnten pro-russische oder russische Truppen gewesen sein, die ein ukrainisches Flugzeug abschiessen wollten. Es könnte ähnlich der Schüsse auf dem Maidan nationalistisch-westliche Gruppen sein, die damit die Situation eskalieren wollen. Es könnten auch pro-russische Kräfte gewesen sein, die eskalieren wollen - wenngleich die Eskalation sich dann eher gegen sie wenden wird. Wir werden die Wahrheit vermutlich nie erfahren. Vermutlich werden alle Seiten sich weiterhin gegenseitig beschuldigen. Hoffentlich führt die Eskalation nicht zu einem grösseren Krieg!
zazzels 18.07.2014
5. Fraglich
Die Flugroute ist in der Tat aus den schon genannten Gründne fraglich. Aber man schießt doch nich aus Versehen ein Flugzeug in 10 Kilometern Höhe ab... Keine Militärmaschine fliegt doch so hoch (abesehen von großen Bombern) bei einem Angriff, oder täusch ich mich da?
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