Entführtes Baby: Das falsche Leben des Paul Fronczak

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picture alliance/ landov/ Chicago Tribune/ Michael Reese Hospital/ MCT

Das Fronczak-Baby nach seiner Geburt: Verbleib ungeklärt

1964 wird das Baby der Familie Fronczak entführt. Als ein ausgesetztes Kleinkind gefunden wird, glauben die Eltern, ihr Sohn sei zurück. Nun zeigt ein DNA-Test: Paul Fronzcak ist nicht ihr leibliches Kind. Der Mann sagt: "Ich weiß nicht, wer ich bin."

Henderson - Paul Fronczak hatte in seinem Leben schon mehrere Namen, aber keiner davon stimmt. Der Mann aus Henderson im Bundesstaat Nevada lebte als Sohn einer Familie, die nicht seine eigene ist. Er stammt nicht von den Menschen ab, die er Mutter und Vater nennt. Und seine biologischen Eltern kennt er auch nicht. Paul Fronczaks Leben kreist um eine Frage: Wer bin ich?

Die Geschichte beginnt 1964. Am 26. April kommt in einem Krankenhaus in Chicago der Sohn von Dora und Chester Fronczak zur Welt. Die Mutter liegt laut "Chicago Tribune" mit dem kleinen Paul in Raum 418B, als eine Krankenschwester hereinkommt und sagt, Ärzte müssten das Neugeborene untersuchen. Dora Fronczak gibt der Frau das Kind - und sieht es nie wieder.

Die vermeintliche Krankenschwester ist gar nicht bei dem Krankenhaus beschäftigt. Sie entführt das Baby. Der Fall macht in den gesamten USA Schlagzeilen. Polizisten befragen Zehntausende Personen, überprüfen Tausende Babys, 175.000 Postboten beteiligen sich an der Suche.

Es hilft nichts: Paul Fronczak bleibt verschwunden.

Mehr als ein Jahr später erreicht die Eltern eine Nachricht. In einem Waisenhaus in New Jersey sitzt ein Junge, der im Sommer 1965 vor einem Laden in Newark ausgesetzt wurde. Von seiner Familie gibt es keine Spur. Die Behörden nennen den kleinen Jungen Scott McKinley.

Ein Leben als Paul Fronczak - und mit Zweifeln

Scott hat Ohren, die denen Paul Fronczaks ähneln. Die Bundespolizei FBI vermutet deswegen, dass er in Wirklichkeit das entführte Fronczak-Kind ist. Es gibt keine bessere Methode als den Ohrabgleich, die Identität zu klären; DNA-Tests gab es nicht, Finger- oder Fußabdrücke wurden von Paul nicht gemacht.

Als Dora Fronczak das Kind aus New Jersey sieht, sagt sie: "Das ist mein Baby." Weil die Behörden aber nicht sicher sind, müssen die Fronczaks das Kind, das angeblich ihr eigener Sohn ist, adoptieren.

Alles scheint gut. Der Junge wächst als Paul Fronczak auf, geht als Paul Fronczak zur Schule, arbeitet als Paul Fronczak, gründet als Paul Fronczak eine Familie mit seiner Frau Michelle. Das Paar hat eine Tochter, Emma.

Doch seit seiner Kindheit hatte Paul Fronczak Zweifel. Seine Eltern erwähnten die Entführung nie. Als Kind fand er Zeitungsartikel, in denen darüber berichtet wurde. Er sprach seine Eltern darauf an. "Das musst du nicht wissen", sagten sie. "Du bist unser Sohn." Seine Eltern seien sehr liebevoll gewesen, hätten ihn gut erzogen, aber zur Entführung hätten sie geschwiegen. "Sie gehören zur Generation 'Wenn man nicht darüber spricht, ist es nicht geschehen'", sagte Fronczak laut "Chicago Tribune".

"Es ist ausgeschlossen, dass Sie das Baby der Fronczaks sind"

Aber es ist geschehen. Nun, fast 50 Jahre nachdem er in New Jersey gefunden wurde, weiß Paul Fronczak: Seine Zweifel waren berechtigt. Ein DNA-Test hat gezeigt, dass er nicht das biologische Kind seiner Eltern ist.

"Es ist ausgeschlossen, dass Sie das Baby der Fronczaks sind", sagte ein Angestellter des Labors, wie Paul Fronczak berichtet. "Ich dachte: wow." Paul Fronczak ist nicht Paul Fronczak. "Ich weiß nicht, wie alt ich bin, oder wer ich bin, oder welche Nationalität ich habe", sagte er dem TV-Sender Klas.

Paul Fronczak hat sich eine Aufgabe gestellt: Er will wissen, wo der leibliche Sohn seiner Eltern ist - der Mann, dessen Namen er trägt. "Es geht hier nicht nur um mich. Es geht darum, ob ihr Sohn noch lebt. Ist er da draußen?"

Es kostete Überwindung, seinen Eltern das Testergebnis mitzuteilen. Er schrieb ihnen, er wolle wissen, ob das echte Fronczak-Baby lebe und was geschehen sei. "Ich will auch herausfinden, warum ich 1965 an einem Geschäft in Newark, New Jersey, ausgesetzt wurde."

Suche nach der eigenen Identität

Die Eltern waren wenig angetan. Der Test habe alte Wunden bei ihnen wieder aufgerissen, sagt Paul Fronczak. Sie seien mit seiner Suche einverstanden, wollten sich aber nicht daran beteiligen.

Paul Fronczak liebt Dora und Chester, die beiden Menschen, die er seine Eltern nennt. "Ich werde immer ihr Sohn sein." Seine Frau Michelle sagt, ihr Mann habe Glück gehabt, von dem Paar adoptiert worden zu sein. "Wer weiß, was er sonst für ein Leben gehabt hätte."

Paul Fronczak steht mit Ahnenforschern und dem Nationalen Zentrum für vermisste Kinder in Kontakt. Es gibt eine Facebook-Seite zum Thema. Er hofft, die Bundespolizei werde sich den Fall noch einmal anschauen. Und er hofft, die Verbreitung seiner Geschichte in den Medien könnte zur Lösung beitragen.

Bei der eigenen Familie hat Paul Fronczak sichergestellt, dass seine Erfahrungen Tochter Emma erspart bleiben. "Als sie im Krankenhaus geboren wurde, bin ich nicht einmal von ihrer Seite gewichen."

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Sein lassen!
wortmannin 05.06.2013
Ich fürchte, dass diese Suche mehr Probleme aufwerfen als lösen wird. Eine mir bekannte adoptierte Wissenschaftlerin hat sich das bald abgeschminkt. Ihre Beziehung zu den Adoptiveltern könnte nicht besser sein oder werden, hat sie mir gesagt. Dann macht das Wurzelsuchen wenig Sinn.
2. Die Wurzelsuche macht immer Sinn...
StuggieWoogie 05.06.2013
... egal, was einen am Ende der Straße erwartet. Es ist die natürliche Neugier des Menschen, die befriedigt werden muss. Möge er eine Tages ans Ziel seiner Wissbegierde gelangen...
3.
Larnaveux 05.06.2013
Ich glaube, es ist wichtig für jeden einzelnen von uns zu wissen, wo man her ist, selbst wenn man liebevoll von Zieheltern großgezogen wurde. Und diejenigen, die es betrifft, werden sehr unterschiedlich damit umgehen. Manche werden lebenslang suchen, andere, wie die oben erwähnte Wissenschaftlerin in #1, entscheiden sich dagegen. Was in den Menschen vorgeht, wissen allerdings nur sie selbst.
4.
Larnaveux 05.06.2013
Ich glaube, es ist wichtig für jeden einzelnen von uns zu wissen, wo man her ist, selbst wenn man liebevoll von Zieheltern großgezogen wurde. Und diejenigen, die es betrifft, werden sehr unterschiedlich damit umgehen. Manche werden lebenslang suchen, andere, wie die oben erwähnte Wissenschaftlerin in #1, entscheiden sich dagegen. Was in den Menschen vorgeht, wissen allerdings nur sie selbst.
5. Mann...
axelkli 05.06.2013
...das muß einem sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegziehen, wenn man erfährt, daß man nicht der ist, der man ist. Ich wünsche Paul alles Gute bei seiner Suche und daß er die für ihn richtige Entscheidung treffen möge.
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