Marlene Schmidt Die Anti-Miss von 1961

Das Cabrio "Floride" hatte es ihr angetan: Deshalb bewarb Marlene Schmidt sich 1961 bei der Wahl zur Miss Germany. Kurz darauf schüttelte sie als erste und einzige deutsche Miss Universum Ronald Reagan und Richard Nixon die Hand. Und schlug die Hollywood-Karriere aus.

Von Britta Heidemann


Marlene Schmidt war eine schüchterne junge Frau. 22 Jahre alt, Ingenieurin für Feinwerktechnik. Studiert hatte sie in Jena, war 1960 gemeinsam mit ihrer Mutter von Ostberlin aus per S-Bahn über die Grenze geflüchtet: "Das ging gerade noch". Die Mutter eröffnete eine Blumenladen in Bochum: "Blumen von Marlene" hieß er. Marlene selbst ging nach Stuttgart, um dort in einer Firma für pneumatische Messgeräte zu arbeiten.

Aber dann sah sie dieses Renault-Cabrio. "Ich hatte keinen Führerschein, doch dieses Auto wollte ich unbedingt haben", erzählt sie mit einem Lachen. "Die Kollegen in Stuttgart meinten dann, ich könnte es wohl wagen." In Nürnberg setzte sie sich gegen 20 andere durch, "alle bildschön und so toll geschminkt!" Sie selbst trug kein Make-up. "Ich war eher der natürlich Typ, 1,78 Meter groß, sehr schlank". Eine "Botticelli-Figur" wurde sie später genannt, als Miss Germany.

Denn auch in Baden-Baden setzte sie sich durch, beinahe gegen den Willen der Jury. "Ich war doch Ingenieurin, und die wollten ein Model, einen modischen Typ." Das Publikum aber liebte sie, gab ihr zu 80 Prozent seine Stimme. In Miami Beach dann war sie schon "völlig neben sich". Hatte nur den einen Gedanken: Es unter die ersten 15 zu schaffen, "Deutschland keine Schande zu machen". Sie setzte auf ihre Natürlichkeit, stand zu ihrer Schüchternheit. Doch als dann Jonny Carson sagte: "And the winner is - from Germany - Marlene Schmidt", da war es völlig um ihre Fassung geschehen: "Ich dachte, ich höre alle Engelchen."

Was folgte, war jedoch weniger himmlisch denn höllisch anstrengend. Ein Jahr lang reiste sie täglich von Ort zu Ort: "Vom Flughafen ging es zur Fernsehstation, von da aus zu Schlüsselübergaben, Ehrungen oder irgendeinem anderen Ereignis." Fast hätte sie die permanente Show vorzeitig abgebrochen. Am Ende des Jahres, die Nachfolge-Verträge und Filmpläne bereits in der Tasche, lernte sie ihren späteren Ehemann Ty Hardi kennen - beim Abschlussball der Miss-Universum-Tour in Miami Beach. Der Hollywood-Schauspieler saß damals in der Jury der "Miss USA". Und wollte nicht, dass seine Ehefrau ebenfalls Schauspielerin wurde - also sagte sie den Agenturen wieder ab.

"Doch in Hollywood habe ich schnell gemerkt, dass dieses Leben dort mit ihm nichts für mich ist - ich träumte davon, mit meinem Partner auf einer Bank zu sitzen, an einem See mit einem Kahn darauf, ein Forsthaus im Hintergrund", sagt sie rückblickend: "Als ich Ty vorschlug, doch mal spazieren zu gehen, setzte er mich auf sein Motorrad." Mit Tochter Mary-Ann Almuth flog sie zurück nach Deutschland, zu ihrer Mutter nach Hattingen. Später heiratete sie einen Oberstudienrat und arbeitete im Elektromotorenwerk in Saarbrücken. Heute ist sie zum zweiten Mal geschieden, kümmert sie allein um Haus und Garten und genießt die Freiheit.

Sie hat die richtige Entscheidung getroffen, damals, da ist sie sich ganz sicher. "Das wäre einfach nichts für mich gewesen", sagt sie beinahe entschuldigend: "Ich habe mal als Model auf dem Laufsteg gestanden, in Spanien - nein, das war unmöglich, geisttötend geradezu." Die Erlebnisse am Film-Set fand sie "langweilig", die amerikanischen Schauspiel-Agenturen hätten sie zudem behandelt "wie eine Puppe". Auch die Einladung zum fünfzigsten Jubiläum der "Miss-Universum"-Wahlen wird sie nicht wahrnehmen: "Meine Tochter erwartet ihr erstes Kind - mein Enkel ist mir wichtiger als jede Miss-Wahl."



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