Massaker auf Flüchtlingsschiff Erstochen und ins Meer geworfen

Das Flüchtlingsboot war völlig überfüllt, auf und unter Deck standen die Menschen dicht an dicht oder lagen übereinander. Dann brach Panik aus, einige griffen zu Messern. Etwa 180 Menschen überlebten die Fahrt von Tunesien nach Italien nicht.

Von , Rom

Blick auf Lamepedusa: Hierhin werden viele Bootsflüchtlinge gebracht, die die Überfahrt überleben
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Blick auf Lamepedusa: Hierhin werden viele Bootsflüchtlinge gebracht, die die Überfahrt überleben


Mohamed, nicht einmal zwei Jahre alt, war das letzte Opfer der Horrorfahrt. Als die Rettung nur noch einen Steinwurf entfernt war, fiel er über Bord des schwankenden, kippenden, total überfüllten Bootes, in dem er mit seinen Eltern und etwa 750 weiteren Passagieren vorige Woche auf dem riskanten Weg von Tunesien nach Italien war.

Sein Vater konnte ihn nicht halten, Mohamed fiel ins Wasser, rutschte aus der viel zu großen Rettungsweste und versank. Seeleute des dänischen Tankers "Torm Lotte" zogen ihn zwar bald heraus, doch es war zu spät für den kleinen Syrer.

Vor ihm waren vermutlich schon 180 Menschen auf dieser Überfahrt gestorben, die sie doch eigentlich in die Freiheit, in die Zukunft, ins verheißende Europa bringen sollte.

Zwei-Klassen-Flüchtlinge

Die Katastrophe war absehbar, von den Organisatoren freilich locker in Kauf genommen. Die Passagiere zahlen schließlich vorab. 1000 bis 2000 Dollar, berichteten Überlebende, kostete ein Platz an Deck. Dort drängelten sich vor allem Syrer, aber auch Marokkaner und Palästinenser. "Dunkelhäutig, aber nicht schwarz" - wie manche an Bord fein unterschieden. "Die Schwarzen" - meist Nigerianer und Ghanaer, aber auch Pakistani - konnten nur 250 bis 500 Dollar aufbringen. Sie kamen nach unten, in den Laderaum.

Unvorstellbar eng muss es überall gewesen sein. "Jeder Zentimeter", sagte später eine Reisende, sei "von Menschen besetzt" gewesen. Viele standen auf einem Fußbreit am Bootsrand, klammerten sich an irgend etwas in der Nähe fest. Wenn es etwas gab zum Festklammern. Viele Passagiere, vor allem Kinder, fielen während der Reise über Bord. Vielleicht waren es 90, oder auch noch mehr. Ihre genaue Zahl kennt niemand. Auch nicht ihre Namen.

Noch enger war es unten, im Laderaum. Nach Berichten der Überlebenden war der nur etwa drei mal drei Meter groß, aber mit Dutzenden von Menschen gefüllt. Die lagen nicht nur neben- , sondern teilweise auch übereinander. Sie bekamen kaum Luft, der Motor erhitzte den fensterlosen Raum ins Unerträgliche, Schwaden giftiger Motorabgase kamen noch dazu.

Als die Unterklasse in Todesangst nach oben drängte, kam es zum Gemetzel. Die oben hatten Sorge, das Boot werde umkippen. Andere Zeugen berichten auch, dass die afrikanischen Passagiere zur Umkehr drängten, die arabischen davon aber nichts wissen wollten. Panik brach aus.

Die Hölle an Deck

Da griffen mindestens fünf Männer offenbar zu Messern und Knüppeln, erschlugen und erstachen die empor Drängenden, insgesamt etwa 60 Menschen, so heißt es. Sie warfen sie danach ins Meer, manche wohl auch zurück in den Laderaum. Die Leiter von unten nach oben wurde herausgezogen, die Ladeklappe geschlossen.

Als das Schiff Ende letzter Woche die italienische Küste erreichte, wurden 29 Leichen geborgen. Die Menschen waren erstickt oder vergiftet beziehungsweise erstochen worden.

Fünf Männer wurden nun festgenommen, alle zwischen 20 und 30 Jahre alt und aus verschiedenen arabischen Ländern. Auch die Besatzung des Schiffes, drei Tunesier, wurde inhaftiert. Sie hatten dem Gemetzel, wie Passagiere berichtet hatten, tatenlos zugesehen.

Viele der Überlebenden stehen unter Schock, wollen einfach nur weg, zu Verwandten irgendwo in Europa. "Wir sind aus Syrien geflüchtet, um unserem Sohn Mohamed eine Zukunft zu geben", klagt die verzweifelte Mutter, "nun ist alles sinnlos." Sie wollen jetzt zu Verwandten in Schweden.

Derweil geht das Sterben auf der Mittelmeerroute beinahe täglich weiter. Am Wochenende kamen weitere Boote an der EU-Südküste an, darunter ein Schlauchboot mit 61 Menschen an Bord. Bei der Abfahrt an Afrikas Nordküste seien sie 80 gewesen, sagen sie. Die italienische Marine hat bislang fünf Leichen gefunden.

Und all jene Unglücke, die sich vor der libyschen Küste ereignen, werden auf der anderen Seite des Mittelmeers kaum noch zur Kenntnis genommen. Die "Forschungsgesellschaft Flucht und Migration", die in ihrer "Dokumentation Zentrales Mittelmeer" alle Havarien von Flüchtlingsschiffen registriert, meldet aus der Region allein seit Anfang voriger Woche drei Unglücke, bei denen vermutlich insgesamt über 200 Menschen ertrunken sind.

Ein viertes Schiff mit 240 Menschen aus Eritrea an Bord, die meisten davon offenbar Frauen, wird seit dem Wochenende vermisst.



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