Massaker in Pennsylvania Den Amokläufer trieben Schuldgefühle

Die Angst, sich an Kindern sexuell zu vergehen, trieb offenbar den Amokläufer von Pennsylvania zu seiner Tat, der fünf Amish-Mädchen an einer Zwergschule zum Opfer fielen. Darauf deutet eine hinterlassene Notiz hin. Die Schule wählte der Mann eher zufällig, einfach weil sie in der Nähe lag.


Nickel Mines - Warum dieses Blutbad? Wie kann ein Mensch hilflose Kinder erschießen? Wieso suchte Charles Roberts sich ausgerechnet Schülerinnen der friedliebenden Amish-Sekte aus, bevor er Selbstmord beging? Warum schoss er nur auf junge Mädchen? Eindeutige Antworten gab es nach dem Massaker in Nickel Mines fast einen Tag lang nicht. Jetzt berichtete die Polizei von einem möglichen Motiv.

Der 32-jährige Milchwagenfahrer hatte seiner Frau erzählt, er habe vor Jahrzehnten Kinder sexuell belästigt. Er hatte auch eine Notiz hinterlassen, er "träume davon es wieder zu tun", sagte Jeffrey Miller von der Polizei des US-Bundesstaats Pennsylvania. Familienmitglieder hätten allerdings nichts über die angeblichen Vergehen des Mannes gewusst.

Amish-Mitglieder: Rätselraten über die Motive des Mörders
AFP

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"Er war wütend auf sein Leben, er war wütend auf Gott", hatte Jeffrey Miller schon vorher gesagt. "Es sieht so aus, als habe er diese Schule ausgewählt, weil sie nahe an seinem Zuhause lag, weil es dort weibliche Opfer gab, nach denen er suchte, und weil es wahrscheinlich einfacher war, hier hineinzukommen als in irgendeine größere Schule."

Die Ehefrau des Täters beschrieb ihren Mann als liebevollen und engagierten Vater, der mit seinen Kindern zum Fußballtraining gegangen sei und im Garten mit ihnen gespielt habe. "Er hat nie Nein gesagt, wenn ich ihn gebeten habe, eine Windel zu wechseln." In einer Erklärung zeigte sie sich schockiert über die grausame Tat ihres Mannes: "Unsere Herzen sind gebrochen, unser Leben ist erschüttert. Wir trauern um die Unschuldigen und die Leben, die heute verloren gingen."

Charles Roberts war selbst kein Angehöriger der Religionsgemeinschaft der Amish gewesen. Anzeichen für einen plötzlichen plötzlichen Gewaltausbruch habe es in der Vergangenheit nicht gegeben, hieß es bei der Polizei. Der Täter habe vor drei Jahren eine Tochter verloren und einen Abschiedsbrief an seine Kinder hinterlassen.

Durch die Schüsse des Amokläufers starben zwei Schülerinnen und eine junge Assistentin der Lehrerin sofort im Klassenraum. Zwei weitere Mädchen erlagen am Dienstag im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Sechs Schülerinnen trugen Verletzungen davon und sind in Behandlung. Der Täter tötete sich mit einem Kopfschuss selbst, als die Polizei den Schulraum stürmte. Das ist die vorläufige Bilanz der jüngsten und schwersten von vier Schießereien an Schulen in Nordamerika in den letzten Wochen.

"Schreckliches Szenario" im Klassenraum

Roberts war bis an die Zähne bewaffnet: eine halbautomatische Pistole, ein Gewehr, eine Flinte, rund 600 Schuss Munition, dazu zwei Messer. Als er in die Schule rund hundert Kilometer nördlich von Baltimore kam, hielten sich dort etwa 30 Kinder auf, wie ein Polizeisprecher dem Fernsehsender CNN sagte. 15 Jungen, eine Schwangere und drei Frauen mit Babys ließ Roberts gehen. Dann reihte er die Mädchen an der Tafel auf, fesselte sie an den Füßen und töteten einige - auf grausame Weise. "Er ist offenbar wie bei einer Hinrichtung vorgegangen, mit Kopfschüssen", sagte ein Polizeisprecher.

Ein Augenzeuge berichtete, eine schwangere Lehrerin habe vor der Schießerei rechtzeitig fliehen können, um die Polizei von einer benachbarten Farm aus zu alarmieren. Die Beamten seien auf das Schulgelände vorgedrungen und hätten gerufen "Roy, lass die Waffe fallen". Als der Attentäter dann das Feuer eröffnete, stürmten sie die Schule durch ein Fenster und erblickten ein "schreckliches Szenario". Ein Kind sei praktisch in den Armen eines Polizisten gestorben, hieß es. Nur Augenblicke vor den Schüssen hatte Roberts noch mit seiner Frau per Handy telefoniert. "Die Polizei ist hier, ich komme nicht nach Hause", soll er gesagt haben.

Es gab schon vor dem Auffinden der Notiz des Täters Hinweise darauf, dass das Motiv in seiner Vergangenheit zu suchen sei. Polizeisprecher Miller zufolge soll Roberts seiner Frau am Telefon kurz vor der Bluttat erklärt haben, er räche sich für etwas, das vor 20 Jahren geschehen sei. Kollegen hatten von einer Änderung in seinem Verhalten gesprochen: Ursprünglich eine offene, herzliche Person sei er in den letzten Monaten immer verschlossener geworden. Ende letzter Woche sei Roberts plötzlich wieder gut gelaunt zur Arbeit erschienen, sagte Miller nach Angaben der Zeitung "New York Times".

"Es bricht das kollektive Herz Amerikas"

Inzwischen hat auch George W. Bush auf das Blutbad an der Amish-Schule reagiert. Der Präsident habe Justizminister Alberto Gonzales und Bildungsministerin Margaret Spellings angewiesen, Vertreter aus den Strafverfolgungsbehörden und dem Bildungsbereich an einen Tisch zu bringen, sagte US-Präsidialamtssprecherin Dana Perino.

Dabei solle erörtert werden, wie Bundesmittel eingesetzt werden könnten, um Schulen sicherer zu machen und um den von Gewalttaten betroffenen Gemeinden zu helfen. Für die kommende Woche sei eine Konferenz geplant, an der FBI, Lehrer- und Elternvertretungen teilnähmen. "Es bricht das kollektive Herz Amerikas, wenn unschuldige Kinder, die zum Lernen in der Schule sind, als Geiseln genommen und niedergeschossen werden", sagte Perino. Auch Bush sei zu zutiefst erschüttert über die jüngsten Schießvorfälle an Schulen.

Die Gewalttat löste in der kleinen Amish-Gemeinde einen Schock aus. Frauen in der traditionellen Kleidung der friedliebenden Religionsgemeinschaft, mit Strohhüten auf den Köpfen standen vor dem Schulgebäude und weinten. "Es war furchtbar. Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass so etwas in einer so kleinen Schule mit nur einem Klassenzimmer passiert", sagte Amish-Mitglied Jake King. "In diesem Ort mit gerade mal 300 Menschen haben wir keine Polizei. Weil es fast keine Kriminalität gibt", sagte der fassungslose Anwohner Aaron Meyer dem Sender CNN.

Bei den Amish handelt es sich um eine christliche Religionsgemeinschaft. Ende des 17. Jahrhunderts spaltete sie sich von den sogenannten Mennoniten ab. Heute leben die Amish in 26 Staaten der USA in rund tausend Siedlungen. Sie verzichten bewusst auf moderne Technik im Alltagsleben und schotten sich auch weitgehend nach außen ab. Untereinander sprechen sie einen Dialekt, der an die alemannischen Wurzeln der früheren Auswanderergenerationen aus Süddeutschland und der Schweiz erinnert.

Das Attentat ist bereits die dritte Tragödie dieser Art in den USA innerhalb kürzester Zeit. Erst vergangene Woche hatte ein Obdachloser in einer Schule im US-Bundesstaat Colorado sechs Mädchen als Geisel genommen, eine Schülerin erschossen und sich dann das Leben genommen. Am Freitag hatte ein 15-jähriger Schüler in Wisconsin den Rektor seiner ehemaligen Schule erschossen. Vor zwei Wochen hatte ein Amokläufer in einer Schule in Montreal eine Frau getötet und 19 Menschen zum Teil schwer verletzt. Am Montag wurde in Las Vegas im Bundesstaat Nevada ein bewaffneter Schüler gesucht. Zwei Schulen wurden vorübergehend abgeriegelt, weil der Schüler in der Umgebung vermutet wurde.

stx/jol/aki/rtr//AFP/AP/dpa



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