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Massengräber in Haiti: "Wir haben jeden Respekt vor den Toten verloren"

Eine würdevolle Bestattung ist für viele Menschen nicht mehr möglich: Die Helfer in Haiti verscharren Tausende Erdbebenopfer in Massengräbern, aus Angst vor Seuchen werden Leichen einfach auf der Straße verbrannt. Die Uno spricht von der schlimmsten Katastrophe ihrer Geschichte.

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Haiti nach dem Beben: Helfer bergen Tausende Tote
Port-au-Prince - Es ist ein makaberes Schauspiel: Alle paar Minuten kommt ein Pick-up angefahren, entlädt eine, zwei oder mehrere Leichen, und fährt sofort wieder ab. Helfer werfen die leblosen Körper in ein Massengrab. Die Grube haben sie ausgehoben, um die zahllosen, zum Teil schon verwesenden Erdbebenopfer Haitis schnell von der Straße wegzubekommen.

"Wir haben jeden Respekt vor den Toten verloren", sagt Mezen Dieu Justi, einer der Helfer. Die Umstehenden können nur schwer die Tränen zurückhalten - und den Brechreiz. Vorübergehende verlieren bei dem furchtbaren Anblick die Fassung, manche geraten außer sich, wenn sie in dem Gewirr von Leichen einen Angehörigen erspähen. "Das ist mein Vater, mein geliebter Vater", schreit eine junge Frau, bevor sie das Bewusstsein verliert.

Eine andere Frau steigt wie besessen in das Massengrab hinab, ohne irgendeinen Schutz, ohne erkennbaren Grund. Sie sagt, dass sie sich zwischen den Toten sicherer fühle als zwischen den Lebenden. "Sie hat den Verstand verloren. Der Tod macht uns verrückt", sagt ein Mann. Unter den zuletzt herangekarrten Leichen ist auch einer seiner Verwandten.

Die 40-jährige Florence berichtet leise von ihrer toten Schwester, die sie drei Tage lang zu Hause in den Armen gehalten habe. Aber jetzt hat sie sie doch hierher gebracht. "Wir haben die Hoffnung aufgegeben, sie würdevoll beerdigen zu können, in einem Sarg oder mit dem Segen eines Priesters."

"Wir wissen nicht, was wir mit unseren Toten machen sollen"

In den Straßen von Port-au-Prince ist der Tod allgegenwärtig. Haitis Innenminister hat die Zahl der bisher geborgenen Todesopfer auf 50.000 beziffert, insgesamt könnte das Beben bis zu 200.000 Menschen das Leben gekostet haben. Rund 1,5 Millionen Personen sind nach Schätzung der Regierung obdachlos.

Seit drei Tagen türmen sich in der Hitze die Leichen am Straßenrand oder auf den Bürgersteigen der Hauptstadt. Inzwischen sind sie mit Fliegen übersät. Aus dem Ausland eingetroffene Bagger transportieren in ihren Schaufeln abwechselnd Leichen und Schutt. Vielfach werden die Toten ohne Identifizierung ins nächste Massengrab geschafft. An einigen Stellen der Stadt werden auch Leichen verbrannt.

"Wir wissen nicht, was wir mit unseren Toten machen sollen", sagt der Student Joseph Tihaly. Er hat sich freiwillig gemeldet, um im zentralen Krankenhaus von Port-au-Prince bei der Entgegennahme und der Herausgabe von Leichen zu helfen. Die meisten Leichname würden von ihren Familien abgeholt, berichtet er. Aber nach vielen Toten werde wohl nie jemand fragen.

Die Uno bezeichnet die Katastrophe als die schlimmste ihrer Geschichte

Das Problem: Die Leichenhalle wird zum Seuchenherd. Sobald ein Toter zu verwesen beginnt, wird er fortgeschafft. Tihaly schätzt, dass in den vergangenen 24 Stunden 5000 Leichen in die Massengräber von Port-au-Prince gebracht wurden.

In einer Ecke der Leichenhalle zimmert ein Mann notdürftig einen Sarg zusammen, in dem er seinen Bruder beerdigen will. "Ich werde versuchen, ihn in unser Dorf zu bringen", sagt er. "Dort will ich ihn bestatten."

Die Uno bezeichnet das Erdbeben als die schlimmste Katastrophe, mit der die Vereinten Nationen je zu tun hatten. "Dies ist ein Unglück historischen Ausmaßes", sagt die Sprecherin des Uno-Büros für die Koordination humanitärer Angelegenheiten, Elisabeth Byrs, in Genf. "Noch nie in der Geschichte der Uno sind wir mit einer solchen Katastrophe konfrontiert gewesen."

Nach dem verheerenden Tsunami im Dezember 2004 im Indischen Ozean seien zumindest die Strukturen der örtlichen Behörden intakt geblieben, sagt Byrs. In Haiti hingegen sei das komplett anders. So sei die öffentliche Verwaltung in der 134.000-Einwohner-Stadt Leogane, in der bis zu 90 Prozent der Häuser zerstört wurden, vollständig zusammengebrochen.

Die meisten Menschen müssen sich selbst helfen

Die haitianische Regierung verlegte ihren Amtssitz vorübergehend in eine Polizeikaserne am Flughafen. Präsident René Préval dankte für die internationale Hilfe, beklagte jedoch, dass sie schlecht koordiniert sei.

In Port-au-Prince kam es am Samstag erneut zu Überfällen und Plünderungen. "Plötzlich sind Männer mit Macheten aufgetaucht, um uns auszurauben", berichtet die junge Kosmetikerin Evelyne Buino. "Es wird immer gefährlicher", sagt ein anderer Einwohner von Port-au-Prince. "Die Polizei gibt es nicht mehr. Die Menschen machen, was sie wollen."

Nach dem Einsturz von Gefängnissen sind landesweit rund 6000 Häftlinge auf freiem Fuß. Der Radiosender Metropole rief die Bewohner von Port-au-Prince auf, Nachbarschaftshilfe zu organisieren.

Tatsächlich sind die meisten Menschen in Haiti darauf angewiesen, sich selbst zu helfen. So wie die 43-jährige Magalie Rigaud. Sie war acht Stunden lang verschüttet, jetzt koordiniert sie die Logistik für die Hilfseinsätze. "Die Leute verdienen es, dass wir uns für sie einsetzen."

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Es fehlt an allem: Schmerzmittel, Spritzen, Verbandsmaterial, Handschuhe, Schutzmasken. Auch Ärzte werden dringend gesucht. Die Erdbebenopfer in Haiti warten verzweifelt darauf, medizinisch versorgt zu werden. "Jeder Chirurg, jeder Arzt ist uns willkommen", sagt Rachel Fanfantlissade, die an einer privaten Klinik in Port-au-Prince beschäftigt ist. "Wir wissen nicht wohin vor Arbeit, die Menschen flehen um Hilfe."

In Berlin startete am Samstagmorgen ein Flugzeug mit einer mobilen Mini-Klinik des Deutschen Roten Kreuz. Insgesamt richten die Vereinten Nationen in Haiti 15 Zentren für die Auslieferung von Hilfsgütern ein. An diesem Samstag wird US-Außenministerin Hillary Clinton in Port-au-Prince erwartet. Sie will sich selbst ein Bild von der Lage machen. Am Sonntag soll auch Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon nach Haiti kommen.

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Haiti: Wie kommt die Hilfe zu den Menschen?

wal/AFP/dpa

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Forum - Hätten Europa und die USA mehr für die politische Stabilität Haitis tun müssen?
insgesamt 1801 Beiträge
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1. Die Frage kommt zu spät
Palmstroem, 16.01.2010
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
2. Genau
Brand-Redner 16.01.2010
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
3.
forumgehts? 16.01.2010
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
4. Brunnenkinder
archelys, 16.01.2010
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
5. Titel verweigert!
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
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Hintergrund Haiti
Geografie
Haiti liegt im westlichen Teil der Insel Hispaniola in der Karibik, der Name bedeutet "bergiges Land". Das Nachbarland der im Osten der Insel gelegenen Dominikanischen Republik ist mit 27.000 Quadratkilometern fast so groß wie das deutsche Bundesland Brandenburg und hat laut aktuellen Uno-Angaben mehr als neun Millionen Einwohner. Hauptstadt des 1804 als erstes Land Lateinamerikas in die Unabhängigkeit entlassenen Staates ist Port-au-Prince mit rund 2,8 Millionen Einwohnern.
Wirtschaft
Der Staat mit mehr als neun Millionen Einwohnern gilt als das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Etwa 80 Prozent der Haitianer müssen von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben, die Hälfte der Bevölkerung hat sogar weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung. Trotz internationaler Hilfen liegt die Wirtschaft des Staates am Boden. 80 Prozent der staatlichen Investitionen und 40 Prozent des Staatsetats werden international finanziert.
Armenhaus Amerikas
Misswirtschaft und Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Zyklone haben aus der einst reichen französischen Kolonie Haiti das Armenhaus Amerikas gemacht. Wegen oft gewalttätiger Unruhen und ausufernder Kriminalität, aber auch wegen verheerender Tropenstürme wird immer wieder vor Reisen nach Haiti gewarnt.
Uno-Friedenstruppen
Seit 2004 sorgen Uno-Friedenstruppen für Sicherheit und Ordnung in Haiti. Die Einheit setzt sich aus rund 7000 Soldaten aus 18 Ländern zusammen.

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