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01. Januar 2013, 16:58 Uhr

Tödliche Massenpanik in Abidjan

"Ich sagte meinen Kindern: Geht nicht hin!"

Dutzende Tote, Hunderte Verletzte: An der Elfenbeinküste sind vor allem Jugendliche bei einer Massenpanik in den ersten Stunden des neuen Jahres gestorben. Die Opfer wurden offensichtlich totgetrampelt. Noch immer suchen Eltern verzweifelt nach ihren Kindern.

Auf den Straßen der ivorischen Wirtschaftsmetropole liegen Kleidungsstücke, dazwischen rot-weißes Absperrband und uniformierte Helfer - die wenigen Bilder, die es am Neujahrstag aus Abidjan gibt, vermitteln Chaos. Aus der Silvesternacht gibt es kurze Fernsehbilder des ivorischen Staatsfernsehens, zu sehen sind Blaulicht, Rettungskräfte und verzweifelte Menschen.

Die Bilanz der Silvesterfeier an der Elfenbeinküste ist bitter: Mehrere Dutzend Menschen sind tot, vor allem Kinder und Jugendliche, vermutlich um die 60. Die Angaben über verletzte Überlebende schwanken zwischen mindestens 50 bis zu mehreren hundert. Sie alle sind Opfer einer Massenpanik geworden, die nach einem Neujahrsfeuerwerk im Fußballstadion Houphouët-Boigny ausgebrochen war.

Nach dem Ende des Feuerwerks gegen 1 Uhr waren nach Angaben des staatlichen Fernsehens über zwei Millionen Menschen auf dem Weg nach Hause. In der Nähe des Stadions sei es in einigen wenig beleuchteten Straßen zu einem enormen Gedränge gekommen. "Es brach Panik und Angst aus, ich dachte ich würde ersticken. Mein Freund fiel hin und wurde zu Tode getrampelt", schildert die 19-jährige Rita Amah die Ereignisse.

"Meine zwei Kinder waren gestern hier. Ich sagte ihnen, geht nicht hin, aber sie haben nicht auf mich gehört", erzählt Assetou Toure. "Sie sind gegangen, als ich schlief. Was soll ich tun?" Sie weiß noch nicht, ob ihre Kinder die Massenpanik überlebt haben. Viele verzweifelte Eltern suchen am Neujahrstag nach ihren vermissten Kindern. Es ist eine Tradition an der Elfenbeinküste, dass die Familien mit allen Kindern zu Silvester auf die Straße gehen und feiern.

Blutspuren auf den Straßen

Ein Verletzter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, Sicherheitskräfte hätten die Massenpanik ausgelöst, als sie die Menschenansammlung am Stadion aufzulösen versuchten. Agenturjournalisten berichteten von Blutspuren auf den Straßen und zahlreichen Kindern in Krankenhäusern.

Der Chef der Militärfeuerwehr Abidjans, Issa Sako, sagte im staatlichen Fernsehsender RTI, die bisher bekanntgegebenen Zahlen seien vorläufig. Der ivorische Innenminister Hamed Bakayoko sprach im Staatsfernsehen von 60 Toten und 49 Verletzten. Menschen seien in dem Gedränge totgetrampelt worden oder erstickt, sagte Sako.

Der Minister für Jugend und Familie, Alain Lobognon, forderte die Bürger auf, Blut zu spenden. Am Dienstag waren nach Angaben des Arztes Patrice Kouakou vom Universitätskrankenhaus der Stadt noch 50 Verletzte in den Hospitälern. Die Zahl der Opfer könne noch weiter steigen, sagte er.

Innenminister Hamed Bakayoko versicherte, dass die Ursachen für die Massenpanik genau untersucht werden würden. Die Verantwortlichen für mögliche Versäumnisse bei den Sicherheitsmaßnahmen würden zur Rechenschaft gezogen.

In Abidjan wurde zu Silvester erst zum zweiten Mal in Folge ein Feuerwerk organisiert. Die Feierlichkeiten sollten ein Symbol für den Neuanfang in dem Land unter Präsident Alassane Ouattara sein, nachdem bei einem von Dezember 2010 bis April 2011 anhaltenden politischen Machtkampf in dem westafrikanischen Land rund 3000 Menschen getötet worden waren. Ivorische Soldaten und Polizisten sowie Mitglieder der an der Elfenbeinküste stationierten UN-Sicherheitstruppe sorgten am Neujahrstag für Sicherheit.

Auch Staatspräsident Ouattara besuchte Überlebende in einem Krankenhaus. Er sprach am Dienstag von einer nationalen Tragödie und sagte, das Unglück werde untersucht. Die Massenpanik ist nicht die erste in dem Land: Im Jahr 2010 starben im Gedränge während eines Fußballspiels 18 Menschen.

Im sozialen Netzwerk Twitter diskutieren Mitglieder unter dem Stichwort #DramePlateau über die Tragödie. Während viele nach Informationen suchen und mögliche Ursachen diskutieren, beschweren sich einige Diskussionsteilnehmer darüber, dass das ivorische Staatsfernsehen vor allem Bilder von Präsident Ouattara zeigt - und nicht die Opfer.

dba/AFP/Reuters/dpa

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