Tödliche Massenpanik in Abidjan: "Ich sagte meinen Kindern: Geht nicht hin!"

Dutzende Tote, Hunderte Verletzte: An der Elfenbeinküste sind vor allem Jugendliche bei einer Massenpanik in den ersten Stunden des neuen Jahres gestorben. Die Opfer wurden offensichtlich totgetrampelt. Noch immer suchen Eltern verzweifelt nach ihren Kindern.

Massenpanik an der Elfenbeinküste: Tote und Verletzte an Neujahr Fotos
AFP

Auf den Straßen der ivorischen Wirtschaftsmetropole liegen Kleidungsstücke, dazwischen rot-weißes Absperrband und uniformierte Helfer - die wenigen Bilder, die es am Neujahrstag aus Abidjan gibt, vermitteln Chaos. Aus der Silvesternacht gibt es kurze Fernsehbilder des ivorischen Staatsfernsehens, zu sehen sind Blaulicht, Rettungskräfte und verzweifelte Menschen.

Die Bilanz der Silvesterfeier an der Elfenbeinküste ist bitter: Mehrere Dutzend Menschen sind tot, vor allem Kinder und Jugendliche, vermutlich um die 60. Die Angaben über verletzte Überlebende schwanken zwischen mindestens 50 bis zu mehreren hundert. Sie alle sind Opfer einer Massenpanik geworden, die nach einem Neujahrsfeuerwerk im Fußballstadion Houphouët-Boigny ausgebrochen war.

Nach dem Ende des Feuerwerks gegen 1 Uhr waren nach Angaben des staatlichen Fernsehens über zwei Millionen Menschen auf dem Weg nach Hause. In der Nähe des Stadions sei es in einigen wenig beleuchteten Straßen zu einem enormen Gedränge gekommen. "Es brach Panik und Angst aus, ich dachte ich würde ersticken. Mein Freund fiel hin und wurde zu Tode getrampelt", schildert die 19-jährige Rita Amah die Ereignisse.

"Meine zwei Kinder waren gestern hier. Ich sagte ihnen, geht nicht hin, aber sie haben nicht auf mich gehört", erzählt Assetou Toure. "Sie sind gegangen, als ich schlief. Was soll ich tun?" Sie weiß noch nicht, ob ihre Kinder die Massenpanik überlebt haben. Viele verzweifelte Eltern suchen am Neujahrstag nach ihren vermissten Kindern. Es ist eine Tradition an der Elfenbeinküste, dass die Familien mit allen Kindern zu Silvester auf die Straße gehen und feiern.

Blutspuren auf den Straßen

Ein Verletzter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, Sicherheitskräfte hätten die Massenpanik ausgelöst, als sie die Menschenansammlung am Stadion aufzulösen versuchten. Agenturjournalisten berichteten von Blutspuren auf den Straßen und zahlreichen Kindern in Krankenhäusern.

Der Chef der Militärfeuerwehr Abidjans, Issa Sako, sagte im staatlichen Fernsehsender RTI, die bisher bekanntgegebenen Zahlen seien vorläufig. Der ivorische Innenminister Hamed Bakayoko sprach im Staatsfernsehen von 60 Toten und 49 Verletzten. Menschen seien in dem Gedränge totgetrampelt worden oder erstickt, sagte Sako.

Der Minister für Jugend und Familie, Alain Lobognon, forderte die Bürger auf, Blut zu spenden. Am Dienstag waren nach Angaben des Arztes Patrice Kouakou vom Universitätskrankenhaus der Stadt noch 50 Verletzte in den Hospitälern. Die Zahl der Opfer könne noch weiter steigen, sagte er.

Innenminister Hamed Bakayoko versicherte, dass die Ursachen für die Massenpanik genau untersucht werden würden. Die Verantwortlichen für mögliche Versäumnisse bei den Sicherheitsmaßnahmen würden zur Rechenschaft gezogen.

In Abidjan wurde zu Silvester erst zum zweiten Mal in Folge ein Feuerwerk organisiert. Die Feierlichkeiten sollten ein Symbol für den Neuanfang in dem Land unter Präsident Alassane Ouattara sein, nachdem bei einem von Dezember 2010 bis April 2011 anhaltenden politischen Machtkampf in dem westafrikanischen Land rund 3000 Menschen getötet worden waren. Ivorische Soldaten und Polizisten sowie Mitglieder der an der Elfenbeinküste stationierten UN-Sicherheitstruppe sorgten am Neujahrstag für Sicherheit.

Auch Staatspräsident Ouattara besuchte Überlebende in einem Krankenhaus. Er sprach am Dienstag von einer nationalen Tragödie und sagte, das Unglück werde untersucht. Die Massenpanik ist nicht die erste in dem Land: Im Jahr 2010 starben im Gedränge während eines Fußballspiels 18 Menschen.

Im sozialen Netzwerk Twitter diskutieren Mitglieder unter dem Stichwort #DramePlateau über die Tragödie. Während viele nach Informationen suchen und mögliche Ursachen diskutieren, beschweren sich einige Diskussionsteilnehmer darüber, dass das ivorische Staatsfernsehen vor allem Bilder von Präsident Ouattara zeigt - und nicht die Opfer.

dba/AFP/Reuters/dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Entzetzlich
tjivi 01.01.2013
Ich fühle mit den Eltern und Familienangehörigen der Opfer. Es gibt nichts wichtigeres in Afrika als die Familie. Ein schreckliches Unglück, dass mich sehr traurig macht.
2.
Kaputtlacher. 01.01.2013
Zitat von sysopDutzende Tote, Hunderte Verletzte: In der ivorischen Metropole Abidjan sind vor allem Jugendliche bei einer Massenpanik in den ersten Stunden des neuen Jahres gestorben. Die Opfer wurden offensichtlich totgetrampelt. Noch immer suchen Eltern verzweifelt nach ihren Kindern. Massenpanik an der Elfenbeinküste: 60 Tote nach Feuerwerk zu Neujahr - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/massenpanik-an-der-elfenbeinkueste-60-tote-nach-feuerwerk-zu-neujahr-a-875288.html)
Mein Beileid, aber Afrika ist weit weg, auch hier in D.Schland sterben Menschen, nicht nur bei Massenpaniken.
3. Ganz egal ob elfenbeinküste oder Loveparade in Deutschland, es ist immer tragisch..
Koda 01.01.2013
wenn Veranstaltungen so enden. Wie man an der Loveparade sah, kann das auch hier passieren. Mein Beileid zu so einem traurigen Neujahr.
4.
nohidi 01.01.2013
Warum eigentlich muss von den "Medien" das Gutmenschentum in einer derartigen Weise "bedient" werden. "Fotostrecke", werden da die "zur Strecke" gebrachten möglichst großformatig, und nach Möglichkeit zum klicken annimierend präsentiert ?
5.
nichtpazifist 01.01.2013
Zitat von KodaWie man an der Loveparade sah, kann das auch hier passieren.
Und wie bei der Loveparade werden auch hier mal wieder die Polizei, die Sanitäter, das Veranstaltungsunternehmen, der Bürgermeister, der liebe Gott "schuld" sein - alle, nur nicht die Menschen die durch unverantwortliches Verhalten wie Drängeln, Schubsen, Klettern, Ignorieren polizeilicher Aufforderungen, usw. sich und andere in diese Gefahr gebracht haben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Silvester
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 11 Kommentare
  • Zur Startseite
Katastrophen mit Massenpanik
Juli 2010: Duisburg, Deutschland
Eine Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg kostet 21 Menschen das Leben. Menschen versuchen, eine Mauer und eine Treppe hinaufzuklettern, um dem Gedränge zwischen zwei Tunneln zu entgehen. Als einige von ihnen aus mehreren Metern Höhe in die Menschenmasse stürzen, bricht Panik aus.
Januar 2009: Bangkok, Thailand
In einem Nachtclub in Bangkok sterben bei einem Feuer 66 Menschen. Den Ermittlungen zufolge löste ein Feuerwerk den Brand aus.
September 2008: Shenzhen, China
Bei einem Feuer in einem südchinesischen Tanzclub in Shenzhen kommen mindestens 43 Besucher ums Leben. Feuerwerkskörper verursachten die Katastrophe.
November 2010: Phnom Penh, Kambodscha
In der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh sterben bei einer Massenpanik während des Wasserfestes 375 Menschen. Sie werden auf einer überfüllten Brücke zu Tode getrampelt oder ersticken.
Januar 2009: Bangkok, Thailand
Bei einem Brand während einer Silvesterfeier in einem Nachtclub in Bangkok finden 67 Menschen den Tod. Der Brand wurde vermutlich von einem Feuerwerk ausgelöst.
Dezember 2004: Buenos Aires, Argentinien
In der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires kommen bei einem Großbrand in einem Tanz- und Konzertlokal 194 Menschen ums Leben. Das Feuer bricht aus, als Besucher eines Rockkonzerts Bengalisches Feuer abbrennen und die Deckendekoration Feuer fängt.

Fläche: 322.462 km²

Bevölkerung: 19,738 Mio.

Hauptstadt: Yamoussoukro / Regierungssitz: Abidjan

Staatsoberhaupt:
Alassane Ouattara

Regierungschef:
Daniel Kaban Duncan

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Afrika-Reiseseite