Massenpanik in Mekka Die überforderte Schutzmacht der Muslime

Obwohl der Staat Milliarden investiert hat, kriegen Saudi-Arabiens Behörden die Pilgerströme in Mekka nicht in den Griff. Das Königreich muss den Hadsch neu organisieren. Zumal die Gefahr in den kommenden Jahren noch steigt.

Pilger in Mekka: Überforderte Behörden
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Pilger in Mekka: Überforderte Behörden

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Mekka al-Mukarramah, die heilige Stadt des Islam, der Kernpunkt seiner Spiritualität, ist ein unwirtlicher und abweisender Ort. Kühl im Winter, unerträglich heiß im Sommer. Eine Betonwüste, eine Stadt ohne Grün, ohne Zwischenräume, ohne Rast- und Ruhezonen.

Im Zentrum, an der Großen Moschee, in deren Mitte die Kaaba steht, erheben sich Luxushotels und Wolkenkratzer, darunter der Uhrturm von Mekka, das dritthöchste Gebäude der Welt. Hier feiert sich, in Marmor und in Blattgold, das Königreich Saudi-Arabien als Zentrum der islamischen Welt.

Die Zeltstadt von Mina, ein paar Kilometer weiter östlich, ist fast das ganze Jahr über leer und verlassen. Der Wind treibt Sand und leere Plastiktüten vor sich her, an seinen Rändern sieht der Talgrund aus wie eine Landschaft aus einem "Mad Max"-Film.

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Unglück in Mekka: Tödliches Gedränge
Dann beginnt, wie auch in diesem Jahr, der Hadsch, die große Pilgerfahrt. Die Stadt, die sonst gut eine Million Bewohner zählt, schwillt auf über drei Millionen an, auch Mina füllt sich jetzt. Die Pilger kommen, in nationale Kontingente eingeteilt, aus mehr als 150 Ländern. In manchen dieser Länder ist es Tradition, den Hadsch nicht als junger Mensch anzutreten, sondern im Alter. Das könnte, neben Fehlern und Versäumnissen der Behörden, zu der Katastrophe beigetragen haben, der am Donnerstagmorgen mehr als 700 Menschen zum Opfer fielen.

Der dritte Tag des Hadsch gilt als der gefährlichste. Die Pilger kommen mit einer Handvoll Kieselsteinen aus Musdalifah und bereiten sich auf die rituelle Steinigung des Teufels vor. Das tun sie an einem Ort namens Dschamarat, wo einst drei Säulen in den Himmel ragten, die den Satan symbolisierten.

Stationen des Hadsch
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Stationen des Hadsch

Immer wieder ist es an dieser Stelle zu Unfällen gekommen, weil die Pilger, oft bereits müde und erschöpft, fürchteten, das Ritual der Steinigung nicht rechtzeitig abzuschließen: Sie warfen die Steine zu weit oder nicht weit genug und trafen dabei statt der Säulen andere Pilger.

Im Jahr 2004 trugen Saudi-Arabiens Behörden die drei Säulen ab und ersetzten sie durch drei große Stelen, die von einer vierstöckigen Brücke eingefasst werden, einer riesigen Betonstruktur, die sich im Inneren wie ein großes Parkhaus anfühlt. Hier bewegen sich am dritten Tag des Hadsch Hunderttausende Pilger durch.

Während die Steinigung selbst in den vergangenen Jahren meist ohne größere Zwischenfälle ablief, kommt es vor den Zu- und Abgangsrampen der Dschamarat-Brücke immer wieder zu größerem Gedränge. Der Ort, an dem es am Donnerstagmorgen zur Katastrophe kam, eine Kreuzung am westlichen Ausgang der Zeltstadt Mina, ist etwa einen Kilometer von der Brücke entfernt.

Wurden Ausgänge für Promi-Pilger abgesperrt?

Der genaue Hergang ist noch nicht ermittelt. Saudi-arabischen Medien zufolge kollidierte eine Pilgergruppe auf dem Weg zur Brücke mit einer anderen, die von dort nach Mina zurückkehrte. Alte und gebrechliche Pilger seien gestolpert, andere hätten von hinten nachgedrängt, binnen Minuten sei eine Massenpanik ausgebrochen, in der jeder nur mehr versucht habe, so schnell wie möglich zu fliehen. Khalid al-Falih, Saudi-Arabiens Gesundheitsminister, machte die Pilger schnell selbst für die Katastrophe verantwortlich: Sie hätten "die Anweisungen der zuständigen Behörden nicht befolgt".

Andere Berichte deuten darauf hin, dass die Polizei am Donnerstagmorgen einzelne Ausgänge auf dem Gelände vorübergehend absperrte, womöglich um prominenten, in Autos angereisten Pilgern die Zufahrt zu ermöglichen.

Warum kommt es während des Hadsch immer wieder zu solchen Katastrophen, warum kriegen Saudi-Arabiens Behörden die Gefahr in Mekka nicht in den Griff?

Die Versäumnisse der Regierung

Ein Grund ist die schiere Masse von Pilgern, und die Hektik, in die viele sich versetzt fühlen, die exakt vorgeschriebenen Rituale an den dafür vorgesehenen Tagen zu leisten. Die meisten der Pilger treten den Hadsch nur einmal in ihrem Leben an. Vor allem die Alten und Kranken unter ihnen fürchten, an einer Stelle zu spät zu kommen. Gut möglich, dass diese Gemengelage vielleicht nie vollständig kontrollierbar sein wird, wie der Forscher Dirk Helbing zu SPIEGEL ONLINE sagte.

Ein zweiter Grund ist die Geografie der Pilgerstadt. Mekka ist eine dichte, von felsigen Bergen eingerahmte Stadt, und die Pilger drängen sich an Flaschenhälsen, die zur Großen Moschee, zum Berg Arafat und zur Dschamarat-Brücke führen. Trotz Milliarden-Investitionen in neue Straßen, Rampen und Tunnel stauen sich dort immer wieder Massen. Die seit Jahren andauernden Bauarbeiten stellen eine zusätzliche Belastung und Gefahr dar; vor zwei Wochen stürzte an der Großen Moschee ein Baukran um, mehr als 100 Menschen wurden erdrückt.

Ein dritter Grund ist - unabhängig davon, was genau die Massenpanik am Donnerstag ausgelöst hat -, dass die Behörden überfordert sind. Sie haben aus den Katastrophen der vorangegangenen Jahre noch immer nicht die richtigen Konsequenzen gezogen. Die Zahl gut ausgebildeter Beamter ist zu niedrig, und die Abläufe sind nicht auf die hohen Pilgerzahlen ausgerichtet. Die Schuld an der Panik den Pilgern zuzuschreiben, lenkt von Versäumnissen der Regierung ab.

Die Herausforderung wird in den kommenden Jahren noch größer werden als zuletzt. Der Hadsch-Termin folgt dem islamischen Mondkalender und rückt im gregorianischen Kalender deshalb jedes Jahr um etwa zehn Tage weiter vor, also in die Sommermonate hinein. Für die Pilger bedeutet das: noch höhere Temperaturen, noch mehr Stress.

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