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Massierte Kanzlerin: Bushs Grabsch-Gate

Von und

Unpassender Spaß oder sexuelle Belästigung? Um die Nackenmassage, die US-Präsident Bush kürzlich ungefragt Bundeskanzlerin Merkel verpasste, ist in den USA eine hitzige Diskussion entbrannt. In den Staaten sind solche Berührungen tabu - und können sehr teuer werden.

Hamburg - Die Szene war kurz, aber griffig: US-Präsident George Bush pirschte sich beim G-8-Gipfel vergangene Woche in St. Petersburg an Bundeskanzlerin Angela Merkel heran. Dann packte er sie von hinten, knautschte ihre Schulterpartie - und ging weiter. Angela Merkel riss - offensichtlich erschrocken und voller Unbehagen - die Arme hoch. Ein Moment für die Ewigkeit, wie es scheint: Schon kurz nach dem berührenden Ereignis rauschten Fotos und Videos der Blitzmassage durchs Netz. "Bush: Liebesattacke auf Merkel!", titelte die "Bild"-Zeitung. In Anlehnung an Bushs Titel "Commander in Chief" (Oberster Befehlshaber) schmähten ihn mehrere Websites als "Groper in Chief", "Obersten Grabscher".

In etlichen US-amerikanischen Blogs und Zeitungen ist nun eine hitzige Debatte darüber im Gange, ob der Präsident seine Kollegin sexuell belästigt hat. "Man könnte die Aufnahmen als Lehrvideo für Kurse gegen sexuelle Belästigung einsetzen", sagte die demokratische Politfunktionärin Martha Whetstone dem "San Francisco Chronicle". "Das zeigt man dann den Leuten und sagt ihnen: 'Niemand in einer leitenden Position sollte so etwas tun'."

Die Zeitung "Seattle Post-Intelligencer" blätterte in den Richtlinien der Vereinten Nationen zum Thema "Sexuelle Belästigung" nach - und wurde fündig. "Unwillkommenes Verhalten ist der kritische Punkt", heiße es dort. Auf einer Liste mit Dingen, die man tunlichst unterlassen sollte, finde sich in der Mitte: Nacken-Massage. "Igitt, wie peinlich", schreibt das Blatt. Was Bush getan habe, sei nicht nur unangemessen, sondern auch unzulässiges Verhalten am Arbeitsplatz.

Karen Hanretty, die für den erzkonservativen Murdoch-Sender "Fox News" das politische Geschehen kommentiert, nimmt Bush dagegen in Schutz. Er könne einfach nicht gewinnen, egal, was er anstelle. Unter Bezug auf empörte Feministinnen in den USA sagte sie: "Sind das nicht dieselben Frauen, die sich über die Cowboy-Diplomatie aufgeregt haben? Wollen sie denn nun einen freundlicheren, sensibleren Bush - oder einen Cowboy? Einmal mehr: Man kann es Frauen einfach nicht rechtmachen."

In US-Blogs ist die Diskussion weniger locker. "Sollte Merkel ihn nicht wegen sexueller Belästigung verklagen?", fragt sich Blogger "Uncle Dave". Sie habe ganz klar nicht angefasst werden wollen. "Es sind schon eine Menge Fälle vor Gericht gekommen, in denen weniger passiert ist. Bush muss eine Schraube locker haben, um so einen Mist zu fabrizieren."

"Wie jeder geübte Grabscher"

"Unser Präsident, der Drive-by-Belästiger", empört sich Bloggerin Lindsay Beyerstein. "Wie jeder geübte Grabscher" habe Bush einfach weggesehen, als die Kanzlerin vor seiner Berührung zurückgeschreckt sei. Er habe sie einfach sitzen lassen, "als sei das alles ihr Problem". Blogger Greg Tinti fasst die Episode schlicht unter der Überschrift "Grabsch-Gate" zusammen.

"Er benimmt sich wie ein Halbstarker", wettert Olga Vives, Sprecherin der Nationalen Frauenorganisation NOW. "Er ist definitiv zu weit gegangen." Einen männlichen Kollegen hätte Bush niemals so behandelt, glaubt sie. "Aber hat er mit ihr geflirtet und sie nicht wie eine Ebenbürtige behandelt? Natürlich hat er das", sagte Vives SPIEGEL ONLINE. Der Präsident sei ein schlechtes Vorbild und beschädige das Ansehen der USA mit seinem Verhalten. Sein Auftreten entlarve ihn als jemanden, der sich Frauen gegenüber taktlos verhält. "Ich schäme mich für den Präsidenten der Vereinigten Staaten."

In Deutschland blieb ein Sturm der Entrüstung bislang aus - Bushs Geste wurde wohl eher als Zeichen schlechter Manieren gedeutet und nicht als sexuelle Belästigung - im Gegensatz zu den USA.

Eine Erklärung für die unterschiedlichen Sichtweisen hat Politikprofessor Larry Sabato von der University of Virginia: Der Feminismus habe in den USA inzwischen Eingang in den kulturellen Mainstream gefunden, und das sei auch gut so. An der Universität müsse selbst er als Professor aber inzwischen vorsichtig sein, das Berühren von Studenten und Kollegen dürfe nicht über einen Handschlag oder einen Klapps auf die Schulter hinausgehen. "In dem Bestreben, sexuelle Belästigungen zu vermeiden, haben wir aber auch alle nicht-sexuellen menschlichen Gesten gebrandmarkt, die Körperkontakt beinhalten", sagte er SPIEGEL ONLINE. Er selbst treffe sich nie allein mit weiblichen Studenten, solche Treffen fänden zudem nur in offen einsehbaren Räumen statt, "damit jeder sehen kann, was hier drin los ist". Bushs Verhalten habe auf jeden Fall das Potential für einen Rechtsstreit. "So ist das nun mal im Jahr 2006."

"Er hat ihr kaum eine Wahl gelassen"

Hätte Angela Merkel sich anders verhalten sollen, als sie es getan hat? Dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika auf die Finger hauen? "Ich bin sicher, sie wollte ihn nicht bloßstellen, aber er hat ihr kaum eine Wahl gelassen", zitiert der "San Francisco Chronicle" eine US-Medienberaterin. "Es gibt noch immer die Merkel-Option", stellt Kolumnistin Joan Vennochi im "Boston Globe" fest. "Eine Grimasse ziehen und es einfach ertragen."

Die Kanzlerin selbst schweigt zu dem Vorfall. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE ließ eine Regierungssprecherin mitteilen, man wolle sich nicht zu dem Thema äußern. Ohnehin handele es sich offensichtlich um eine amerikanische Debatte - und nicht um eine deutsche.

Und hierzulande könnte der Kanzlerin das "Grabsch-Gate" sogar zu neuer Beliebtheit verhelfen. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" fühlte sich zu einer spontanen Sympathiebekundung bemüßigt und beschreibt das Geschehen folgendermaßen: "Dann senkte George W. Bush zielgerichtet und wie ein Widder mit raschem Bedacht den Kopf und legte die Pranken Frau Merkel a tergo um den Hals, dass sie erschrickt, zusammenfährt, die Hände hebt; abgrundtief entsetzt und wehrlos in einem Maß, das uns auf der Stelle dauerhaft für sie einnahm."

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Forum - Bushs Handgreiflichkeiten: Missgriff oder Belästigung?
insgesamt 158 Beiträge
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1.
Reziprozität 27.07.2006
---Zitat von sysop--- Beim G-8-Gipfel in St. Petersburg langte US-Präsident George Bush zu - und zwar an die Schultern von Bundeskanzlerin Angela Merkel. In den USA ist nun eine Debatte über die Grabsch-Attacke im Gange. Was meinen Sie: War Bushs Geste sexuelle Belästigung? ---Zitatende--- Ja! Keine Frage! Oder?
2.
Mischa Dreesbach, 27.07.2006
---Zitat von sysop--- [...] Was sagen Sie: Sexuelle Belästigung oder nur eine unpassender Übergriff? ---Zitatende--- Weder das eine, noch das andere. Aber man sollte vielleicht Angela Merkel fragen, wie sie es empfunden hat. Für mich war es eine Geste unter Freunden...
3.
Michael Giertz, 27.07.2006
---Zitat von sysop--- Beim G-8-Gipfel in St. Petersburg packte US-Präsident Bush Bundeskanzlerin Merkel von hinten an die Schulter. In den USA ist nun eine Debatte über die Grabsch-Attacke im Gange. Was sagen Sie: Sexuelle Belästigung oder nur eine unpassender Übergriff? ---Zitatende--- Mal abgesehen davon dass es ungehörig und unhöflich war, so ist "sexuelle Belästigung" wohl etwas zu großzügig interpretiert. Bush hat ja Merkel nicht etwa geküsst oder ihr auf den Hintern geschlagen, sondern "nur" in die Schultern gezwickt. 'ne Massage war's ja nicht grad. Wenn das der Bush beim Schröder gemacht hätte, hätte es keinen gestört, das wäre dann als "Männerfreundschaft" durchgegangen. Aber mal ganz anders angesetzt: In den USA könnte sowas durchaus ein Nachspiel haben, da hier die Grenzen, ab wann eine sexuelle Belästigung vorliegt, viel niedriger angesetzt sind. Was nicht zuletzt an den vielen fundamentalistischen Christen liegt, die einen großen Teil der republikanischen Wähler stellen. Durchaus möglich also, dass der kleine Kniff in Merkels Schultern Bushs Ende besiegelt. Andererseits ist Bush ohnehin sowieso am Ende, denn eine dritte Amtszeit ist nicht erlaubt. Fazit: Viel Wind um fast gar nix. Frau Merkel hat's überlebt, Herr Bush kriegt ein paar Takte zu hören und hier in Europa wird bestenfalls müde drüber gelächelt. Daraus eine Schlagzeile zu machen ist einfach lächerlich, hier wird wirklich aus einer Mücke ein Elefant gemacht.
4.
Priest, 27.07.2006
Die Geste war unangemessen, jedenfalls in dem Rahmen in dem sie stattgefunden hat. Wie gut das persönliche Verhältnis zwischen Merkel und Bush ist weiss ich nicht, aber es kann durchaus ein freundschaftliche Geste gewesen sein.
5. wenn das so ist
mojak, 27.07.2006
ein sexueller übergriff auf frau merkel? soll das ein witz sein? welcher mensch würde vesuchen sich sexuell an frau merkel zu vergreifen? ein gestörter? der amerikanische präsident - ein gestörter? na wenn das so ist...
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