Nach einigen deutlichen Verweisen auf die Reiseordnung, zu der das pünktliche Abholen der Papstreden morgens um 6.15 Uhr bei dem gestrengen Reiseleiter van Brantegem gehört, bin ich bestens eingestimmt auf den Besuch des bombastischen El Escorial. Der Bau war durch den düsteren Philipp II. einst errichtet worden. Ich verstehe: Frömmigkeit und Pflichterfüllung gehören einfach zusammen.
Wir brechen gegen 9 Uhr auf in unserem Bus, zunächst über ein gesperrtes Autobahnstück, dann über die Dörfer der Sierra.
Die Straßen sind gesäumt von Begeisterten, pardon: verblendeten Jublern, Männer und Frauen und Kinder, sie lieben ihren Papst hier, sie alle halten Benedetto-Fahnen in die Höhe und kein einziger ein Schild mit dem Spruch: "Pfui, was das wieder kostet".
Ob sich bei ihnen schneller rumgesprochen hat als in den deutschen Medien, dass 80 Prozent der Kosten von den Pilgern getragen werden und die restlichen 20 Prozent durch Sponsoren gedeckt sind?
Olivenbäume mit silberblauen Blättern, Pinien, struppiges Gebüsch über braungebrannter Erde, und dann, wie ausgestochen aus dem dunkelblauen Himmel, die Mauern des größten Renaissancebaus der Welt. 2000 Räume, 88 Brunnen, wertvolle Bibliotheken, Königsgräber in der Krypta zwischen Gemälden von El Greco und Tizian.
Die Nonnen kreischen nicht gerade, aber sie jubeln
Erster Eindruck: Was das wieder gekostet hat!
Zweiter Eindruck: Wie schön und geschichtsstolz der Katholizismus hier auftrumpft. Einst die Zentrale der berüchtigten Inquisition, heute Wissensort und Austausch freier Diskurse. Heute ist es Kloster und Universität.
Papst Benedikt hat diesen Stopp zusätzlich in sein Programm aufgenommen, obwohl er offiziell nicht zum Weltjugendtag gehört. Warum? Weil es keinen imposanteren Rahmen geben kann für eine Rede ins Wissenschafts-Gewissen.
Zunächst aber sind es einige hundert Nonnen, denen er sich im Innenhof des Palastes zuwendet. Sie kreischen nicht gerade, aber sie jubeln. Glänzende Augen, Lachen, durchaus Gesichter mit Spuren der Verzückung. Verblendete, die Gutes tun zum Lobe Gottes und zölibatär leben und beten.
Der Papst trifft den Ton. Er holt die jungen Frauen, wie man so sagt, genau dort ab, wo sie sind, und das klingt so: Er rühmt ihre "evangelische Radikalität" und er nennt sie notwendig in Zeiten der "Gottesfinsternis" und des "Gedächtnisschwundes", des Mittelmaßes und des Relativismus.
Und er spricht von der Liebe zu Christus, zu der sich die jungen Frauen verschworen haben, in "bräutlicher Zugehörigkeit, wie sie die Heiligen vorgelebt haben".
Rede vor Krautrockern mit Baretten und Troddeln
Mann, das ist ein schon fast verschollener Tonfall. Zum Abschluss singt er mit ihnen das "Vater unser", immer noch stimmsicher, und erteilt ihnen den Segen.
Und dann wird er von Honoratioren und Kardinälen weiter hineingeleitet in die Basilika mit ihren imposanten Fresken, diesen bunten Schöpfungs- und Heiligengebirgen in den Kuppeln und im Kirschenschiff mit seinen 44 Altären.
Hier nun warten junge katholische Universitätsprofessoren aus allen Teilen des Landes in roten und blauen und gelben Talaren mit ihren Baretten und Troddeln, einige tragen darunter Mähnen wie Krautrocker. Alle natürlich verblendet. Und ansonsten gebannt und gespannt auf das, was Professor Papst sagen wird.
Er nimmt freundlich Maß. Er würdigt den Ort. Glaube und Vernunft, sagt er, sind in diesen strengen Steinen miteinander verschmolzen.
Dann erinnert er sich an seine Studententage, die materiell arm, aber intellektuell mitreißend waren. Die Universitas war ein Aufbruch in die Wahrheit. Womit er bei seinem Thema wäre, das auch das Thema seines ganzen Pontifikats ist.
Das hier wird keine Regensburger Rede. Sie hat keinen Schock-Value. Vielleicht sind deshalb hier die Chancen größer, dass sie verstanden wird.
Und dann setzt wieder das fromme Brausen ein
Heutzutage, führt er aus, herrsche eine "utilitaristische Auffassung von Bildung, auch der Hochschulbildung" vor. Wenn allerdings Nützlichkeit das alleinige Kriterium sei, "können die Verluste dramatisch sein". Zum Missbrauch, dem wissenschaftlichen oder politischen, ist es mit dieser Vernunft dann nicht weit.
Es geht ihm um einen vollständigeren, um es modisch zu sagen "ganzheitlicheren" Vernunftsbegriff. Schließlich sei Gott "über den Logos Fleisch geworden, um unter uns zu wohnen". Klöster wurden zur Wiege der Wissenschaften. Die Vernunft darf sich, unter ökonomischem Druck, nicht zur Paukerei verstümmeln lassen, sondern sie muss formen, getrieben von der Suche nach Wahrheit, verwurzelt im Glauben.
Er zitiert Platon. Er spricht von einer Wahrheit, die "über unsere Reichweite hinausgeht" Wir können sie suchen, aber nicht besitzen. "Vielmehr ist sie es, die uns besitzt."
So anstrengungslos und einfach und in atemlose Stille hinein entwickelt Professor Papst zwischen Altären seine Vision der Wissenschaften und des Glaubens und ihrer harmonischen gegenseitigen Durchdringung.
Und dann singen die Knaben wieder, und das fromme Brausen setzt wieder ein, und, Moment, war das nicht der strenge van Brantegem, der lächelte?
Draußen steigen die jungen Nonnen wieder auf die Plastikstühle, um einen Blick zu erhaschen. Und dann geht es zurück nach Madrid, wo sich der Papst erneut den Hunderttausenden Verblendeten in den Straßen zuwendet. Unermüdlich in Madrids Hitze, bewundernswert gut in Form in seinem Papamobil.
Am Abend wird er einen Kreuzweg begleiten, in der Kathedrale Santa Maria la Real de la Almudena.
Was die wohl wieder gekostet haben wird!
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