Mauerbau in Berlin Der Mann hinter dem Bollwerk

Die "Republikflucht" vieler DDR-Bürger bereitete sowohl Ulbricht als auch Chruschtschow Sorgen. Doch wer gab den Anstoß zur Abriegelung Berlins? Teil zwei der SPIEGEL-ONLINE-Serie über den Mauerbau.


Während des Kalten Krieges war die Mauer das umstrittenste Bauwerk Deutschlands. Die SED bejubelte sie als "antifaschistischen Schutzwall", der den Frieden bewahrte; für den Westen war sie die Schandmauer. Wie es zu der Entscheidung kam, die Grenze abzuriegeln, blieb dabei weitgehend im Dunkeln. Sprach Walter Ulbricht die Wahrheit, als er in der berühmten Pressekonferenz am 15. Juni auf eine Frage der Journalistin Annamarie Doherr ("Frankfurter Rundschau") erklärte: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten"? Oder drängte er in Moskau auf den Bau des tödlichen Bauwerks, wie osteuropäische Diplomaten gern durchblicken ließen? Oder hat vielmehr Kreml-Chef Nikita Chruschtschow den Mauerbau angeordnet?

Mauerbau in Berlin: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten"
DPA

Mauerbau in Berlin: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten"

Der Westen reagierte auf den 13. August 1961 mit lauen Protesten, und sofort stellten sich böse Fragen: Was wussten die westlichen Nachrichtendienste vorab von den östlichen Plänen? Gab es gar ein geheimes Einverständnis zwischen Chruschtschow und dem US-Präsidenten John F. Kennedy, wie damals der Verleger Axel Springer mutmaßte und Sahra Wagenknecht von der Kommunistischen Plattform der PDS heute behauptet?

Elf Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges sind inzwischen Hunderte Dokumente in den Archiven der Weltmächte und auch der ehemaligen DDR zugänglich geworden: Briefwechsel zwischen Chruschtschow und Ulbricht, Berichte der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin nach Moskau, Aufzeichnungen von den Gipfeln der Warschauer-Pakt-Staaten, Protokolle des amerikanisch-sowjetischen Gipfels 1961 in Wien, Absprachen zwischen ostdeutschen und sowjetischen Militärs, Terminkalender Ulbrichts. Unterlagen, die als vernichtet galten, sind wieder aufgetaucht. Nach Ulbrichts Tod 1973 hatte sich Nachfolger Erich Honecker Listen der Dokumente aus dem Nachlass des Verstorbenen vorlegen lassen. Er ordnete an, einen Teil in Archiven aufzubewahren; vieles sollte geschreddert werden. Doch die Archivare mochten manche Kartons mit Briefen, Notizen und Anweisungen nicht in den Reißwolf geben; die Papiere sind jetzt im Berliner Bundesarchiv einsehbar.

Ließ Dokumente vernichten: Ulbricht-Nachfolger Honecker (r., 1986 mit Kreml-Chef Gorbatschow)
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Ließ Dokumente vernichten: Ulbricht-Nachfolger Honecker (r., 1986 mit Kreml-Chef Gorbatschow)

Selbst die Dienste in Ost und West haben manche Vorlage freigegeben, vor allem jene Prognosen, die sich als zutreffend erwiesen. Einige der Papiere zum Mauerbau konnte der SPIEGEL nun zum ersten Mal auswerten. Auch Zeitzeugen wie Ulbrichts Dolmetscher Werner Eberlein und der sowjetische Diplomat Julij Kwizinski erzählen heute bereitwillig von den dramatischen Augenblicken, in denen sich das Schicksal einer ganzen Generation entschied.

Massenflucht in den Westen

Damals, Anfang der sechziger Jahre, war die Weltlage hoch brisant, Berlin die Frontstadt des Kalten Krieges; Dutzende Geheimdienste bespitzelten und sabotierten einander. Im Berliner Umland lieferten sich die westlichen Militärmissionen mit den Vopos und den Sowjets wilde Verfolgungsfahrten, die gelegentlich mit Schlägereien und manchmal auch mit Toten endeten. Hochgerüstet standen Briten, Amerikaner, Franzosen und Sowjets einander in der alten Reichshauptstadt gegenüber. Jedes Missverständnis konnte einen Nuklearkrieg auslösen.

Die Alliierten waren am Ende alle froh, dass sie am Dritten Weltkrieg vorbeischlidderten; den Preis dafür zahlten die Ostdeutschen. Noch weitere 28 Jahre mussten sie die SED-Diktatur ertragen.

Die Flucht aus dem sowjetisch besetzten Teil Deutschlands hatte gleich nach der Kapitulation 1945 begonnen. Bis zum Mauerbau 1961 setzten sich 2,7 Millionen Ostdeutsche in den Westen ab, im Durchschnitt an jedem Tag ein mittelgroßes Dorf.

Der SED war die Massenflucht zunächst ganz lieb. "Uns erschien es vorteilhaft", erinnert sich Fritz Schenk, der damalige Büroleiter des DDR-Planungschefs Bruno Leuschner, "wenn frühere Unternehmer die DDR verließen; man hatte keine Beschäftigung für sie." Die Volkspolizei gab bereitwillig die Visa aus, mit denen Ostdeutsche zu Besuchen in den Westen fahren durften ­ und meist dort blieben.

Entgegen Ulbrichts Erwartungen versiegte der Flüchtlingsstrom jedoch nicht. Vor allem junge Leute und Akademiker setzten sich ab, die DDR drohte ein greiser Arbeiter-und-Bauern-Staat zu werden. Doch allein mit Proletariern ihrer Generation wollten der Tischler Walter Ulbricht, Jahrgang 1893, der Buchdrucker Otto Grotewohl, Jahrgang 1894, und der Tischler Wilhelm Pieck, Jahrgang 1876, den Sozialismus lieber nicht aufbauen.

Schaufenster des Sozialismus

1957 schloss die SED weitgehend die innerdeutsche Grenze; Reisevisa wurden kaum noch ausgestellt. Wer die DDR ohne Erlaubnis verließ, beging "Republikflucht"; darauf standen bis zu drei Jahre Gefängnis. Den Bleibewilligen versprach Ulbricht wenig später vollmundig, den Lebensstandard in der Bundesrepublik werde man bis 1961 "ein- und überholen". "Wieso wollt ihr den Kapitalismus überholen", frotzelten die Berliner, "wenn er vor dem Abgrund steht?"

Verlauf der Mauer im Berliner Stadtzentrum
DER SPIEGEL

Verlauf der Mauer im Berliner Stadtzentrum

Chruschtschow verfolgte die Entwicklung in der DDR besonders aufmerksam. Der Stalin-Nachfolger kannte Ulbricht seit 1942. Damals hatten die beiden sich an der Front vor Stalingrad kennen gelernt. Chruschtschow organisierte die Verteidigung der Stadt mit; Ulbricht, der die Nazi-Zeit im Moskauer Exil verbrachte, suchte Wehrmachtssoldaten mit Flugblättern und Lautsprecherappellen zum Überlaufen zu bewegen. Besonders sympathisch waren sich der spontane, humorvolle Bergarbeitersohn aus der Ukraine und der misstrauische, berechnende Apparatschik aus Leipzig nie. Doch Chruschtschow glaubte, "die Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus" werde in der DDR ausgetragen; der ostdeutsche Staat müsse deshalb zum "Schaufenster des Sozialismus" werden.

Fast jede Woche ließen sich die Diplomaten der sowjetischen Botschaft in ihrem düsteren Sandsteinbau an der Prachtstraße Unter den Linden von den deutschen Genossen über den Flüchtlingsstrom informieren. Im Sommer 1958 hatten die Sowjets genug. "Angesichts der Tatsache, dass die Flucht der Intelligenz eine besonders kritische Phase erreicht hat", notierte der damalige ZK-Abteilungsleiter und spätere Gorbatschow-Förderer Jurij Andropow, "müssen wir mit dem Genossen Ulbricht sprechen." Der Vermerk liegt heute im Russischen Staatsarchiv für Zeitgeschichte in Moskau.

SED-Chef Ulbricht: Raffinierter Apparatschik
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SED-Chef Ulbricht: Raffinierter Apparatschik

Mindestens zweimal trafen Ulbricht und Chruschtschow in jenem Jahr zusammen. Neben den beiden Parteichefs war nur ein Dolmetscher dabei; in Moskau Wiktor Belezki, in Berlin Werner Eberlein, dessen Vater einst die KPD mit gegründet hatte und im Gulag umkam. Über den Inhalt der Gespräche sagen beide Ähnliches aus. "Walter, du musst eines begreifen", erinnerte sich 1992 Belezki an Chruschtschows Worte, "bei offenen Grenzen können wir mit dem Kapitalismus nicht konkurrieren." Ulbrichts Reaktion schildern die Dolmetscher gleich: Er war "völlig damit einverstanden". Schon Anfang der fünfziger Jahre hatte die SED die Abriegelung West-Berlins in Moskau vorgeschlagen, vergebens.

"Die Führer der USA sind keine Idioten"

Chruschtschow hielt es 1958 für möglich, Briten, Franzosen und Amerikaner aus West-Berlin zu vertreiben ­ und so das Flüchtlingsproblem zu erledigen. Die sowjetischen Streitkräfte hatten im Jahr zuvor ihre erste Interkontinentalrakete erfolgreich getestet. "Die Führer der USA", folgerte Chruschtschow, "sind nicht solche Idioten, die um Berlin kämpfen."

Im November 1958 forderte er den Westen zu Verhandlungen über eine "Freie Stadt" West-Berlin binnen sechs Monaten auf. Andernfalls würde er der DDR in einem Friedensvertrag alle Berlin-Rechte übertragen. Ulbricht sollte die Kontrolle über den Verkehr zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik übernehmen; ostdeutsche Republikflüchtlinge wären aus West-Berlin nicht mehr herausgekommen.

Unter den Ostdeutschen sorgte Chruschtschows Ultimatum für Torschlusspanik. Ulbricht fand den Schritt gut. Doch als das Ultimatum verstrich und nichts geschah, da fing der SED-Chef an zu drängeln. Als ob der Viermächte-Status bereits nicht mehr existierte, schikanierten ostdeutsche Grenzposten einen US-Diplomaten am Brandenburger Tor und lösten damit eine ostdeutsch-sowjetische Krise aus. "Beeil dich nicht so", hatte Chruschtschow seinen deutschen Konfrater schon zuvor gemahnt und ihn an die glanzvolle Zukunft des Sozialismus erinnert. Es gehe darum, Zeit zu gewinnen: "Und was geschieht in dieser Zeit? Sie werden schwächer, und wir werden stärker sein."

Ulbricht war ein raffinierter Apparatschik, der listenreich und ergeben die Säuberungen Stalins überstanden hatte. Historiker trauen ihm zu, ein Anschwellen des Flüchtlingsstroms provoziert zu haben, um Chruschtschow unter Druck zu setzen. Ulbricht verschärfte im Frühjahr 1960 ohne erkennbaren Grund die Kollektivierung der Landwirtschaft. 199.188 Menschen kehrten der ostdeutschen Republik 1960 den Rücken; davon entkamen 152.291 über die offene Grenze nach West-Berlin.

KLAUS WIEGREFE

Am Freitag in Teil drei: "Wir wollen keinen Krieg" - Machtprobe zwischen Kennedy und Chruschtschow

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