Mauerbau in Berlin Straßensperren und Stacheldraht

Am 13. August 1961 startete die Operation "Rose", Berlin wurde in zwei Hälften geteilt. Der Westen unternahm nichts gegen den Aufmarsch von Vopos und Bautrupps. Teil fünf der SPIEGEL-ONLINE-Serie über den Mauerbau.


In West-Berlin hatten sich schon in den ersten Stunden Nachtschwärmer an der Sektorengrenze versammelt und die "bewaffneten Organe" (SED-Jargon) beschimpft. Am Brandenburger Tor riefen sie "Pfui" und sangen "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit"; am Bethaniendamm prasselten Bierflaschen auf die DDR-Uniformierten nieder, in der Friedrich-Ebert-Straße griffen einige Dutzend Passanten die Genossen an und versuchten, die Sperren zu zerstören. Honecker schickte eine Hundertschaft Kampfgruppen.

Konfrontation am Checkpoint Charlie: "Keiner unserer Panzer sollte aus Versehen zu weit fahren"
DPA

Konfrontation am Checkpoint Charlie: "Keiner unserer Panzer sollte aus Versehen zu weit fahren"

Am Brandenburger Tor versammelten sich in der Mittagszeit Hunderte Berliner und versuchten, "die Grenzbefestigungen zu zerstören", wie es das "Journal der Handlung" der Volkspolizei vermerkt. Die Vopos ließen fünf Wasserwerfer und vier Schützenpanzer auffahren. Später meldete der Kontrollposten 34, dass West-Berliner Polizisten "ca. 3000 Jugendliche ... unter Einsatz von Polizeiknüppeln auseinandertrieben". Die Jugendlichen riefen: "Ihr schlagt gegen die falsche Seite."

Ein Mitarbeiter weckte Berlins Regierenden Bürgermeister Willy Brandt in der Nacht der Grenzabriegelung im Schlafwagen auf dem Weg von Nürnberg nach Kiel. Brandt möge sofort nach Berlin kommen. Stunden später stand er am Brandenburger Tor.

Müde schaute er durch die dunkle Sonnenbrille auf die Kampfgruppen mit den Maschinenpistolen. "Schrecklich", murmelte Brandt. Ein West-Berliner Passant zog den Regierenden am Arm: "Wann kommen die Amerikaner und machen diesem Spuk ein Ende?"

Am späten Vormittag fuhr Brandt in die Alliierte Kommandantur in die Kaiserswerther Straße. Er erzählte später, er habe die drei Stadtkommandanten General Albert Watson (USA), General Rohan Delacombe (Großbritannien) und General Jean Lacomme (Frankreich) angeherrscht: "Sie haben sich heute Nacht von Ulbricht in den Hintern treten lassen."

Der Bürgermeister wünschte zumindest symbolische Aktionen. Vergebens. Es vergingen 24 Stunden, bis die erbetenen Militärstreifen an der Grenze erschienen, 48 Stunden bis zum alliierten Protest im sowjetischen Hauptquartier in Karlshorst, 72 Stunden bis zur Demarche der westlichen Botschafter in Moskau.

Plante der Westen für die "falsche Krise"?

Ein Mauerbau, behauptete später der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, sei "als nicht sehr wahrscheinlich angesehen" worden. In einer ARD-Dokumentation, die am Montag der nächsten Woche ausgestrahlt wird, attestiert der damalige französische Verteidigungsminister Pierre Messmer, in Frankreich habe niemand die Vorhersagen der Dienste geglaubt.

Kennedy 1963 in Berlin (l., mit Brandt und Bundeskanzler Konrad Adenauer): Verständnis für Chruschtschow
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Kennedy 1963 in Berlin (l., mit Brandt und Bundeskanzler Konrad Adenauer): Verständnis für Chruschtschow

Dabei lag die Abgrenzung Ost-Berlins so nahe, dass vier Tage vor dem Abriegeln der Grenze der SPIEGEL schrieb, der SED biete sich "nur noch die Radikallösung an, die Sektorengrenze innerhalb Berlins für alle DDR-Bürger zu sperren". Die Pläne lägen seit Wochen bereit.

Verschreckt von Nikita Chruschtschows Auftreten in Wien sorgte sich die Nato um Ernstfälle wie eine Berlin-Blockade und sowjetische Attacken auf die drei Luftkorridore zwischen dem Westteil der Stadt und der Bundesrepublik, nicht aber um eine Abriegelung Ost-Berlins. Die Amerikaner fragten bei Strauß an, gegen welchen sowjetischen Truppenübungsplatz in der DDR sie eine Atomwaffe einsetzen sollten, falls sich der Westen den Weg nach Berlin freikämpfen müsse. Strauß empfahl ein Militärgelände, auf dem er 1942 Dienst getan hatte.

Hat der Westen also versehentlich für die "falsche Krise" geplant, wie Brandt milde urteilte?

"Viel besser als ein Krieg"

Der US-Präsident John F. Kennedy hatte für die Lage Chruschtschows großes Verständnis. Dieser verliere Ostdeutschland, erklärte Kennedy einem Berater knapp zwei Wochen vor dem Mauerbau: "Das kann er nicht zulassen, denn wenn er Ostdeutschland verliert, wird er Polen und ganz Osteuropa verlieren. Er muss etwas tun, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen ­ vielleicht eine Mauer bauen. Und wir werden das nicht verhindern können."

Verlauf der Mauer im Berliner Stadtzentrum
DER SPIEGEL

Verlauf der Mauer im Berliner Stadtzentrum

Trotz der großen Überlegenheit der USA legte sich der Präsident Anfang August fest: "Ich kann das Bündnis zusammenhalten, um West-Berlin zu verteidigen, aber nicht, um den Zugang nach Ost-Berlin offen zu halten." Er warnte Chruschtschow öffentlich, dass jeder Angriff auf West-Berlin oder die Korridore einen Krieg auslösen würde; von Ost-Berlin war nie die Rede.

Es gab nicht einen einzigen westlichen Versuch, Chruschtschow und Ulbricht aufzuhalten: keine Embargo-Drohung, um sie zu schrecken, kein Angebot, um sie zu locken. Keine Sondierungen möglicher Alternativen. Und auch keine öffentliche Warnung an die Ostdeutschen, die auf gepackten Koffern saßen und vom Mauerbau überrascht wurden.

John F. Kennedy rechtfertigte das Nichtstun damit, dass die Mauer zwar "keine sehr schöne Lösung ist, aber immer noch unendlich viel besser als ein Krieg". An den empörten Brandt schrieb er, die "brutale Schließung der Grenze" lasse sich nur durch "Krieg verändern". Frankreichs Präsident Charles de Gaulle war anderer Meinung: "Wären sie (Kennedy und der britische Premier Harold Macmillan ­Red.) meinem Vorschlag gefolgt, den Stacheldraht sofort mit Panzern niederzuwalzen, hätte es eine Mauer nicht gegeben."

Einen solchen Schritt hätte man allerdings vorbereiten müssen. Der amerikanische Stadtkommandant Watson verwarf die Idee am Morgen des Mauerbaus, weil er nur 27 Panzer unter seinem Kommando hatte. Watson: "Eine ganz einfache Rechnung ergab einen Panzer pro Meile."

Dass die Amerikaner bereit waren, für ihre eigenen Rechte in Ost-Berlin ein Risiko einzugehen, zeigte sich gut zwei Monate nach dem Mauerbau. Vopos verlangten vom amerikanischen Diplomaten E. Allan Lightner am Übergang Friedrichstraße den Ausweis. Lightner lehnte dies als Verstoß gegen den Viermächte-Status ab. Kennedys Berlin-Beauftragter Lucius D. Clay ließ zehn M-48-Panzer mit scharfer Munition bis auf wenige Millimeter an die Sektorengrenze am Checkpoint Charlie vorrücken. Chruschtschow gab Befehl, zehn sowjetische T-54-Panzer, ebenfalls mit scharfer Munition, direkt gegenüber halten zu lassen. 16 Stunden dauerte die Konfrontation. Über einen Mittelsmann einigten sich Chruschtschow und Kennedy schließlich, die Tanks abzuziehen. Einer der gefährlichsten Momente des Kalten Krieges war vorüber.

Die sowjetischen und ostdeutschen Offiziere hatten lange darüber gegrübelt, wie man verhindern könne, dass der Westen die Schließung der Grenze für einen Angriff halte. "Keiner unserer Panzer sollte aus Versehen zu weit fahren", erinnert sich der ehemalige NVA-Oberstleutnant Horst Skerra. Doch die Spannung legte sich rasch. Am Abend des 13. August berichtete eine Quelle dem BND: "Es herrschte in der SED-Führung eine Siegesstimmung wie nie zuvor."

Unternehmen Reisebüro

Nur eines kam anders, als Walter Ulbricht erwartet hatte. "Wir haben geglaubt, die Leute wären diszipliniert genug", sagt Ulbrichts Dolmetscher Werner Eberlein, "und würden sich durch den Stacheldraht beeindrucken lassen."

Nur Hohn und Spott für die Flüchtlinge: Mauerbauer Honecker (r., 1986 mit Kreml-Chef Gorbatschow)
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Nur Hohn und Spott für die Flüchtlinge: Mauerbauer Honecker (r., 1986 mit Kreml-Chef Gorbatschow)

Doch gegen jede Ordnung und trotz Todesgefahr schwammen Ostdeutsche durch den Teltowkanal, sprangen aus Häusern an der Grenze, brachen mit dem Auto an der Grenze durch. In den ersten vier Wochen nach dem Mauerbau registrierten die ostdeutschen Behörden 216 "Grenzdurchbrüche".

Vor allem West-Berliner Studenten halfen. Noch am Abend des 13. August tat sich eine Hand voll zusammen und gründete spontan die erste Fluchthilfe-Organisation: Das "Unternehmen Reisebüro" ­ über das SPIEGEL TV am 13. August eine 30-minütige Dokumentation sendet ­ schmuggelte in den folgenden Wochen und Monaten zunächst 450 Kommilitonen mit Hilfe geliehener Pässe aus dem Ostsektor.

Ulbricht rief schließlich den sowjetischen Botschafter Michail Perwuchin zu sich. Der Stacheldraht, urteilte der SED-Chef, provoziere zu immer neuen Fluchtversuchen. Nur am Potsdamer Platz und an wenigen anderen Stellen hatte Ulbricht ab Mitte August Betonplatten aufstellen lassen; sie stammten von Großbaustellen aus der Umgebung. Nun wollte er die gesamte Grenze nach West-Berlin zumauern. "Wir werden an Stelle des Stacheldrahts eine Betonmauer bauen", übersetzte der Diplomat Julij Kwizinski, "und sie sogar verputzen." Dafür werde man die Bauprogramme etwas reduzieren müssen.

Am 20. September rief Erich Honecker seinen bereits aufgelösten Einsatzstab ein letztes Mal zusammen. Das Innenministerium gab bekannt, dass man zunächst 18 bis 20 Kilometer Grenzmauer errichten werde.

Unter den Genossen brach eine heftige Diskussion los. Viele sprachen sich gegen eine Mauer aus. Ihr Argument: "Sie wirft bei Nacht Schatten und gibt günstige Möglichkeiten der Annäherung für den Gegner." Das Bollwerk wurde dennoch gebaut.

Gigantischer Reformstau

Ganz dicht schloss die Grenze in Berlin und zwischen den beiden deutschen Staaten trotz Mauerbau und Stacheldraht, Selbstschussapparaten und Minen, Hundelaufanlagen und Schießbefehl nie. Die bundesdeutsche Statistik registrierte bis 1988 knapp 40.000 "Sperrbrecher" ­ so nannte der Westen jene Ostdeutschen, die nach dem 13. August 1961 unter dem Einsatz ihres Lebens die Flucht in den Westen schafften. Über 200.000 nutzten etwa Kurzbesuche im Westen, um sich abzusetzen, oder wurden von der Bundesregierung freigekauft.

Maueröffnung am 11. November 1989: Das Jahrhundertbauwerk einfach überrannt
AP

Maueröffnung am 11. November 1989: Das Jahrhundertbauwerk einfach überrannt

Als im September 1989 die ungarische Regierung den Eisernen Vorhang an der Grenze zu Österreich öffnete, ergriffen Zehntausende die Chance, die Mauer der SED zu umgehen.

Mauerbauer und Ulbricht-Nachfolger Honecker war zu diesem Zeitpunkt bereits ein alter und kranker Mann, Symbol eines gigantischen Reformstaus. Längst hatte der sowjetische Kreml-Chef Michail Gorbatschow den osteuropäischen Verbündeten erlaubt, einen eigenen Weg zum Sozialismus zu suchen. Die Mauer, verkündete der deutsche Greis trotzig, werde "noch in 50 oder 100 Jahren" stehen.

Für die Menschen, die alles zurückließen, hatte Honecker nur Hohn und Spott übrig. "Man sollte ihnen keine Träne nachweinen", ließ er im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" am 2. Oktober 1989 verkünden. 38 Tage später befreiten sich die Ostdeutschen selbst; das Jahrhundertbauwerk des Walter Ulbricht wurde am 9. November einfach überrannt.

KLAUS WIEGREFE

Am Montag im letzten Teil: Sterben bis zum Schluss - Die letzten Toten an der Grenze zwischen Ost und West

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