Im Rollstuhl nach Gibraltar: "Ein abgefahrener Traum"

Maurice Eschen: Im Rollstuhl durch Europa Fotos
DPA

Maurice Eschen hat Großes vor: Der 24-Jährige will im Rollstuhl von Hannover nach Gibraltar fahren. Im Interview spricht er über die etwa 3000 Kilometer lange Herausforderung, Pyrenäen-Simulation im Teutoburger Wald und die Vorzüge von Spülhandschuhen.

Hamburg - Hindernisse gibt es für ihn nicht - nur Herausforderungen. Das sagt Maurice Eschen über sich selbst. Der 24-Jährige sitzt seit frühester Kindheit wegen einer Entwicklungsstörung im Rollstuhl, Sport ist seine Leidenschaft. Er ist Reporter beim Fan-Radio des Fußballvereins Preußen Münster, spielt Rollstuhl-Basketball und war zwischenzeitlich sogar in der Bundesliga aktiv.

Nun will sich der Münsteraner einen Traum erfüllen und aus eigener Muskelkraft nach Gibraltar fahren. Start ist am Samstag in Hannover. Dort hat Maurice Eschen Journalistik studiert. Vor ihm liegen etwa 3000 Kilometer. Die Strecke führt über seine Heimatstadt Münster, die Niederlande, Belgien und Frankreich nach Spanien. Finanzieren will er die Aktion auch durch Spenden auf einer Crowdfunding-Plattform.

Gut zehn Wochen Fahrzeit hat Maurice Eschen eingeplant. Begleitet wird er von drei Freunden in einem Wohnmobil. Auf dem Rückweg sollen sie ihn dann mitnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Eschen, Sie wollen im Rollstuhl nach Gibraltar fahren - warum?

Maurice Eschen: Das ist ein Kindheitstraum. Zumindest so ähnlich. Eigentlich wollte ich die US-Ostküste bis nach Key West hinunterfahren, weil man dort bei gutem Wetter bis nach Kuba schauen kann. Aber das hat aus finanziellen Gründen nicht geklappt. Jetzt wird es eben Gibraltar, von dort kann ich zumindest Afrika sehen. Es gibt aber auch noch einen zweiten Grund: Ich möchte beweisen, dass man im Rollstuhl alles machen kann; dass Rollstuhlfahrer normale Menschen sind; dass sie auch abgefahrene Träume haben. Ich will an meine Grenzen gehen - und darüber hinaus.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Ahnung davon, welche Strapazen Sie sich und Ihrem Körper zumuten werden?

Eschen: Oh ja, das hab ich! Ich bereite mich seit mehr als einem Jahr vor, bin topfit. Der Mannschaftsarzt eines Fußballclubs hat mich gerade noch einmal durchgecheckt. Und die Bergetappen habe ich bei Trainingsfahrten im Teutoburger Wald und in den Baumbergen simuliert. Ich setz mich also nicht einfach in den Rollstuhl rein und fahre los. Das wäre Selbstmord.

SPIEGEL ONLINE: Bei allem Respekt vor dem Teutoburger Wald, aber ist er wirklich als Pyrenäen-Double geeignet?

Eschen: Es reicht aus, um die Pässe zu simulieren, über die ich fahren werde. Das sind nicht die richtig steilen Rampen in den Pyrenäen, sondern maximal 14 Prozent Steigung. Und die gibt es an einigen Stellen im Teutoburger Wald auch.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich der Umfang Ihrer Oberarme in den vergangenen Monaten entwickelt?

Eschen: Das ist durchaus mehr geworden. Leute, die mich länger nicht gesehen haben, sagen aber eher: Mann, hast du ein Kreuz gekriegt! Ich habe speziell Muskelgruppen im Rückenbereich trainiert, um besser Schwung holen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen speziellen Rollstuhl?

Eschen: Ja, er hat einen komplett verschweißten Rahmen aus titanverstärktem Edelstahl. Das bringt Gewichtsersparnis. Er hat keine Schrauben und keine Bremsen.

SPIEGEL ONLINE: Keine Bremsen?

Eschen: Die Bremse bin ich! Mit meinen Händen habe ich einfach die höchstmögliche Kontrolle. Sie stecken in Fahrradhandschuhen, darüber ziehe ich Spülhandschuhe aus Gummi an, von denen ich die Finger abgeschnitten habe. Die bieten den besten Grip.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Kilometer peilen Sie pro Tag an?

Eschen: Die Etappen werden etwa 50 Kilometer lang sein. Im Training bin ich auch schon mehr als 80 Kilometer gefahren. Aber ich muss mir die Kräfte einteilen, weil ich ungefähr 70 Tage am Stück unterwegs sein werde. Deshalb werde ich auch alle 90 Minuten eine halbe Stunde Pause machen und die Energiespeicher auffüllen.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Tour durch Europa die größte Herausforderung Ihres Lebens?

Eschen: Als Rollstuhlfahrer steht man vor so vielen Herausforderungen. Ich bin mehr als ein Dutzend Mal operiert worden, habe einmal fast 17 Monate am Stück im Krankenhaus gelegen. Die Fahrt nach Gibraltar wird aber definitiv das größte Abenteuer meines Lebens.

Das Interview führte Jens Witte

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Respekt!
nonchalant 12.07.2013
Der Mann hat mehr Mumm als ich mit einem Fahrrad hätte. Toll! Gute Fahrt und viel Spaß!
2. Gute Reise und ...
katzekaterkarlo 12.07.2013
... viele Bekanntschaften.
3. Beide Daumen hoch!
handschaltung 12.07.2013
Großartige Sache. Beide Daumen hoch und vieeel Erfolg!
4. Unrealistisch.
pfundig 12.07.2013
Nur ein sog. "Frischling" kann auf so eine Idee kommen. Ich spreche aus Erfahrung! Es gibt heute sog. Rolli-bikes mit dem er sich physiologisch unbeschwerter fortbewegen könnte. Die Anstrengung bei 3000 km kommt dadurch nicht zu kurz, aber die Hände bleiben heil.
5. @ pfundig
mayazi 12.07.2013
Der Mann sitzt seit frühester Kindheit im Rolli - was soll an ihm "Frischling" sein? Was ist hier wohl das Äquivalent zum Mast- und Schotbruch? Rahmen- und Speichenbruch? Jedenfalls habe ich einen Heidenrespekt vor seinem Vorhaben und wünsche ihm, dass er wohlbehalten ankommt :-)
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