Medienkritik von Schülern "Wer am meisten heult, kommt ins Fernsehen"


Erfurt - Während Erfurt um die Opfer des Amoklaufs trauert, gleicht die Stadt einem Heerlager von Journalisten. Vor der Gutenberg-Schule, im Rathaus und auf den Straßen drängeln sich seit Tagen Dutzende Kamerateams, Reporter und Fotografen aus aller Welt auf der Suche nach dramatischen Bildern. Die trauernden Schüler machten ihrem Ärger am Montag Luft.

"Das lief nach dem Motto: Wer am meisten heult, kommt ins Fernsehen. Wir kamen uns vor wie Tiere im Zoo", rief der 20-jährige Stefan Walluhn per Lautsprecher über den Domplatz. Mehr als 500 Schüler und Lehrer applaudierten ihm. Die Menge, darunter auch viele Passanten der 200.000 Einwohner zählenden Stadt, hatte sich um 13 Uhr zu einer Kundgebung zusammengefunden, um nach der Wahnsinnstat "miteinander ins Gespräch zu kommen". In kaum einer Erfurter Schule fand tagsüber regulärer Unterricht statt.

Viele Medienvertreter hätten sich in den vergangenen Tagen "gehörig daneben benommen", empörte sich Walluhn. Zum Beispiel seien bei der Feier im Dom Trauernde von Fotografen weggestoßen wurden. Ständig hätten Reporter geschockte Schüler befragt, "ohne Rücksicht auf deren Gefühle".

"Alle Lehrer sind Helden"

Eine Schülerin beklagte sich, dass nun einzelne Lehrer in den Medien zu Helden stilisiert würden. "Alle unsere Lehrer sind Helden. Vor allem diejenigen, die getötet wurden, und auch diejenigen, die sich heute um uns kümmern - obwohl sie selbst nicht wissen, wohin mit ihren Tränen und ihrer Trauer."

Doch nicht nur die Medien, auch die Politik bekam bei der Kundgebung ihr Fett weg. Eine Oberstufenschülerin klagte über den hohen Druck, unter dem viele Schüler stünden. Anregungen und Kritik würden von den Schulbehörden vielfach nicht zur Kenntnis genommen. Unter dem Beifall der Menge forderte sie, dass "endlich weniger Geld für Waffen und mehr für Bildung ausgegeben wird".

Ein anderes Mädchen erinnerte daran, "dass morgen wieder alle in ihren Klassenzimmern sitzen und versuchen, sich zu konzentrieren". "Das ist auch nicht schlimm, wenn wir die Lektion vom Freitag beherzigen: Man kann zufrieden sein, wenn man den Tag überlebt und für sich genutzt hat."

Der 17-jährige Friedrich Koch rief dazu auf, im Interesse der Opfer mit Geduld die Hintergründe der Tat zu beleuchten: "Schüler, Eltern und Lehrer müssen sich fragen: Was läuft falsch an unseren Schulen?"



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