Medienschlacht Polen vs. Deutschland Die kleine Kampagne zwischendurch

Pickelhauben, abgeschlagenen Köpfe - deutsche und polnische Medien schreiben vor der Europameisterschaft einen "Fußballkrieg" herbei. Ist das so sensible Verhältnis der Nachbarn in Gefahr?

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Hamburg - Grzegorz Jankowski ist ein netter Kerl, er hat nichts gegen die Deutschen. Er verdankt ihnen sogar seine fulminante Medienkarriere. Vor fünf Jahren machte ihn der Springer Verlag zum Chefredakteur der Boulevardzeitung "Fakt".

Das Blatt - aufgezogen mit Geld aus Berlin - werde ja wohl notwendigerweise "deutsche" Positionen vertreten, hatten viele Kommentatoren Jankowski vorgehalten. Diesen Vorwurf hatte er nie verdient - und dürfte sich dieser Tage von jedem Verdacht reingewaschen haben.

"Wiederhole Grunwald" texteten "Fakt"-Redakteure über ein Bild, das den polnischen Nationaltrainer mit erhobenem Schwert vor einem knieenden Ballack zeigt. Die Überschrift spielt auf eine Schlacht an, die 1410 ein polnisch-litauisches Heer erfolgreich gegen die Deutschen schlug.

Andere Blätter gingen noch weiter: Der Warschauer "Super Express" forderte Trainer Leo Beenhakker auf, den Polen gleich den Kopf seines deutschen Kollegen Jogi Löw zu Füßen zu legen - und druckte dazu eine geschmacklose Fotomontage. Aus Berlin keilte die "Bild"-Zeitung zurück: "Polen eröffnet Fußball-Krieg".

Dieser Ton zwischen den Nachbarn muss beunruhigen.

Historisch stark belastet ist das Verhältnis sowieso - und war in den vergangenen zwei Jahren, als an der Weichsel das Zwillingsbrüderpaar Lech und Jaroslaw Kaczynski regierte, noch zusätzlich auf schwere Proben gestellt worden.

"Schurken, die die Welt beherrschen wollen"

Seit dem Herbst ist, statt dem ruppigen Nationalisten Jaroslaw Kaczynski, der freundliche Donald Tusk Premier.

Tusk ist die deutschlandkritische Haltung seines Vorgängers und vor allem dessen aggressiver Tonfall fremd. Er hat den Jahre währenden Streit um einen zentralen Gedenkort für die deutschen Vertriebenen pragmatisch und schnell gelöst. Seitdem ist es ruhig geworden zwischen Berlin und Warschau. Bleibt das so, oder ist der "Fußballkrieg" Auftakt neuen Streits zwischen Deutschen und Polen?

"Medienkriege" haben schon Tradition zwischen den Nachbarn. Das wohl spektakulärste Beispiel war im Jahr 2003 das Cover der Zeitschrift "Wprost": Eine Fotomontage zeigte die Vertriebenenchefin Erika Steinbach in SS-Uniform als Domina auf dem Rücken des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder. Die Botschaft: Deutschlands Vertriebene bestimmen den polenpolitischen Kurs der SPD-Regierung.

Vor zwei Jahren dann nahm Präsident Lech Kaczynski eine mäßig witzige Satire in der Berliner Tageszeitung "taz" (Auflage 50.000) zum Anlass, ein Treffen mit der Kanzlerin und dem französischen Premier abzusagen. Titel des Artikels unter der Rubrik "Schurken, die die Welt beherrschen wollen": "Polens neue Kartoffeln".

"Das sind Dummheiten"

Nach dem EU-Gipfel im vergangenen Jahr, wo die Polen mit ihren Forderungen zum Stimmgewicht bei EU-Ratsbeschlüssen nicht durchdrangen, legte "Wprost" noch einmal nach. Eine Fotomontage zeigte Angela Merkel mit blankem Busen, dem sich die Kaczynski-Brüder mit geöffneten Mündern nähern: "Stiefmutter Europas". Abgesehen davon, dass diese Symbolik etwas verwirrt wirkte, befanden viele polnische Kommentatoren, die Grenzen des guten Geschmacks seien damit überschritten.

"Wprost" blieb federführend, was die deutschlandkritische Berichterstattung anging: Zum Beispiel durfte sich Kaczynskis Beauftragter für das deutsch-polnische Verhältnis, Mariusz Muszynski, darüber verbreiten, dass die Deutschen ihren Wohlstand ja wohl nur hätten erreichen können, weil sie im Zweiten Weltkrieg Polen ausgeplündert hatten. Das ist in etwa so, als schriebe Gesine Schwan einen SPIEGEL-Titel darüber, dass Hitler mit dem Überfall auf Polen einem Angriff aus Warschau zuvor gekommen wäre.

Den deutschen Medien galten die Polen pauschal als ein Volk des frustrierten Geschichtspathos, überempfindlich und rückständig, das sich dazu noch knorzelige Zwillinge als Regierung wählt.

Die Nerven lagen blank damals: Als deutsche Medien eine sprachliche Schlamperei begingen und von dem "polnischen Konzentrationslager Auschwitz" schrieben - gemeint war das KZ im besetzten Polen - vermutete man an der Weichsel sogleich, dahinter stünde eine politische Absicht. Deutsche Zeitungen wollten so die historische Verantwortung an den Greueln verwischen.

Da muss es beruhigen, dass dieser Tage Warschauer Zeitungen die Kommentare entsetzter Fußballfans drucken: Ein Dariusz Formalski entrüstet sich zum Beispiel in der "Rzeczpospolita" über die martialischen Fotomontagen: "Das sind Dummheiten".

"Die Deutschen gelten in Polen nicht als Feinde"

Agnieszka Lada jedenfalls bleibt gelassen. Sie ist Wissenschaftlerin am Warschauer Institut für öffentliche Angelegenheiten und hat die Berichterstattung deutscher und polnischer Medien über das jeweilige Nachbarland unter die Lupe genommen. "Natürlich sind diese Bilder der Völkerfreundschaft nicht gerade zuträglich", sagt sie.

Doch fallen sie wohl nicht auf einen fruchtbaren Boden. Die Polen sind nämlich gar nicht deutschenfeindlich. 47 Prozent geben in Umfragen an, das Verhältnis zu den Nachbarn sei "weder gut noch schlecht", 38 Prozent halten es für gut. Nur neun Prozent denken, es sei schlecht. "Die Deutschen gelten in Polen nicht als Feinde."

Auch liefern sich die "Bild"-Zeitung, "Fakt" und "Super Express" ihren Medienkrieg dieser Tage quasi im luftleeren Raum: "Es macht einen großen Unterschied, ob solche Bilder in den Zeitungen auftauchen, wenn die politische Atmosphäre sowieso schon aufgeheizt ist", sagt Agnieszka Lada.

Jaroslaw Kaczynski hatte bis vor einem Jahr keine Gelegenheit ausgelassen, die Deutschen als ein Volk geschichtsvergessener Revisionisten darzustellen, das rücksichtslos nach der Vorherrschaft in Europa strebt.

Wenn auch noch etliche Probleme wie zum Beispiel das um die Ostsee-Pipeline geklärt werden müssen, so ist unter Tusk der Ton doch freundschaftlich geworden.

Deshalb glaubt Agnieszka Lada: "Wir werden die Medienkampagne nach dem Spiel am Sonntag schnell vergessen haben."

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