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Medienskandal um Porno-Vergangenheit: "Die Filme waren auch eine Art Rebellion"

Nach einer Woche der Schlagzeilen um die Vergangenheit von Berlinale-Gewinnerin Sibel Kekilli hat sich die junge Schauspielerin erstmals selbst geäußert. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" verteidigt sie sich, rechnet mit der "Bild" ab und entschuldigt sich bei ihren Eltern. SPIEGEL ONLINE bringt Auszüge.

Jungschauspielerin Sibel Kekilli: Statt Zukunfts-Visionen nur der Blick in die Vergangenheit
DDP

Jungschauspielerin Sibel Kekilli: Statt Zukunfts-Visionen nur der Blick in die Vergangenheit

Eine Woche lang hat Sibel Kekilli geschwiegen. Andere hingegen hatten so viel zur Vergangenheit der jungen Schauspielerin zu sagen, dass es jeden Tag für eine halbe Titelseite reichte: Angebliche Ehen der ehemaligen Porno Darstellerin, neue Details aus den Sex-Filmen bis hin zur Schlagzeile, dass sie wegen der Sex-Filmchen von den eigenen Eltern verstoßen worden sei.

So groß ist der vermeintliche Skandal nun schon, dass selbst die "FAS" dem Thema am Sonntag die ganze Titelseite des Feuilleton widmete und die junge Schauspielerin erstmals selber zu Wort kommen lässt. Für die Zeitung traf die Reporterin Johanna Adorjàn eine junge Schauspielerin mit einer Menge Wut im Bauch. SPIEGEL ONLINE dokumentiert Teile des Interviews:

"Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung": "Gegen die Wand" ist Ihr erster Kinofilm. Kameraerfahrung hatten Sie bereits: Sie haben in mehreren Hardcore-Pornofilmen mitgespielt. Hatten Sie denn nicht damit gerechnet, dass Ihre Vergangenheit bekanntwerden würde?

Kekilli: Natürlich habe ich damit gerechnet, aber daß "Bild" so eine große Sache draus macht, dass sie es auf die Titelseite nehmen, so riesig, so schmutzig, das hätte ich nicht gedacht.

"FAS": Warum haben Sie Pornofilme gedreht?

Kekilli: Aus Geldmangel. Ich hatte immer mehrere Jobs - ich habe zum Beispiel Obst und Gemüse verkauft, gekellnert, als Türsteherin gearbeitet, ich war sogar mal für einen Monat Geschäftsführerin eines Nachtclubs - es war wirklich so, wie es immer heißt: ich war jung und brauchte Geld. Und dass ich diese Filme gemacht habe, das war vielleicht auch eine Art Rebellion.

Ausriss aus "Bild": "So riesig, so schmutzig"

Ausriss aus "Bild": "So riesig, so schmutzig"

"FaS": Eine Rebellion gegen was?

Kekilli: Ich wollte mir damit vielleicht selber beweisen, dass ich mein eigenes Leben leben kann, wie ich will.

"FAS": Für Eltern ist es wohl immer ein Schock zu erfahren, dass die eigene Tochter Pornos dreht - für türkische Eltern um so mehr.

Kekilli: Klar. Ich kann nur für mich sprechen: Ich habe einen ziemlich starken Freiheitsdrang, und je mehr man versucht, mir etwas zu verbieten, desto mehr rebelliere ich.

...

"FAS": Die "Bild"-Zeitung hat Ihren Vater befragt - es sei eine Schmach für die Familie, und er wolle Sie nie wieder sehen, sagte er. Hat er erst jetzt erfahren, dass Sie in Pornofilmen gespielt haben?

Kekilli: Ich habe es ihm vorher nicht gesagt.

"FAS": Es war zu lesen, dass Ihre Familie Sie nun verstoßen hat.

Kekilli: Ich kann meine Eltern verstehen. Es tut mir unendlich leid, dass sie es so erfahren haben, aber ich werde mich für meine Vergangenheit, für mein Leben bei niemandem entschuldigen. Ich habe niemandem wehgetan, ich habe nichts Illegales getan, ich habe keinem Menschen geschadet - außer mir selber, wenn überhaupt. Meine Eltern schämen sich jetzt wahrscheinlich für mich. Sie denken wahrscheinlich, die Leute zeigen mit den Fingern auf sie und sie können niemandem mehr in die Augen gucken. Das tut mir wirklich leid, aber es ist nun mal passiert, und ich kann und ich möchte es nicht ändern. Und ich bin darüber auch niemandem eine Rechenschaft schuldig. Jeder Mensch hat eine Vergangenheit, ich bin 23, meine Vergangenheit war vielleicht etwas heftiger, aber so ist das nun mal, und ich kann es auch nicht auslöschen, es gehört zu mir.

Filmszene aus "Gegen die Wand: Goldener Bär auf der Berlinale
AP

Filmszene aus "Gegen die Wand: Goldener Bär auf der Berlinale

"FaS": Haben Sie Kontakt zu Ihren Eltern?

Kekilli: Nein.

...

"FAS": Um auch das vielleicht gleich zu klären: Was hat es mit der neuesten Enthüllung der "Bild"-Zeitung auf sich, Sie verschweigen, dass Sie verheiratet sind?

Kekilli: Das stimmt nicht, aber ich wollte vor fünf Jahren meinen damaligen deutschen Freund heiraten. Das Aufgebot stand, wir hatten sogar ein großes Fest. Die Trauung verzögerte sich aber, weil es Schwierigkeiten mit meinen Papieren aus der Türkei gab, und schließlich heirateten wir nicht.

...

"FAS": Und das alte holt Sie gerade mit ziemlicher Wucht ein.

Kekilli: Natürlich ist es jetzt für die "Bild"-Zeitung interessant, was ich alles schon gemacht habe, aber diese Aufregung? "Filmdiva" haben sie mich genannt! "Filmdiva" und "Pornostar". Hallo? Ich war eine kleine Pornodarstellerin und mehr nicht. Und als das mit der deutschen Filmdiva irgendwie nicht gezogen hat, anscheinend, da sind sie dann plötzlich die türkische Schiene gefahren, dann hieß es plötzlich: die junge Türkin.

"FAS": Was ist schlimmer: Dass sich jetzt Bekannte aus Ihrer Vergangenheit zu Wort melden und alle etwas über Sie zu sagen haben - oder dass Ihre Familie da mit hineingezogen wird?

Regisseur Akin mit Kekilli: Ich hatte noch nie von Fatih Akin gehört"
AP

Regisseur Akin mit Kekilli: Ich hatte noch nie von Fatih Akin gehört"

Kekilli: Ich finde alles schlimm. Da melden sich jetzt irgendwelche Leute und behaupten, ich sei "naturgeil" gewesen oder hätte damals schon Starqualitäten gehabt und jeder hätte gewusst, dass ich mal berühmt werden würde. So ein Quatsch! Die kannten mich doch alle kaum. Und natürlich finde ich es auch schlimm, dass sie an meine Eltern herangetreten sind. Aber dass meine Eltern dazu dann auch etwas gesagt haben, finde ich schade.

"FAS": Wahrscheinlich waren Sie mit der Situation überfordert.

Kekilli: Ich mache ihnen keinen Vorwurf, die stellen das sicher sehr geschickt an, diese "Bild"-Reporter. Jetzt melden sich sogar Leute, die doch eigentlich wissen müssten, dass man sich dazu nicht äußert - ehemalige Lehrer, Amtsleiter. Plötzlich wollen alle immer schon gewusst haben, dass ich es sowieso nicht lange aushalte in der Müllabteilung, weil ich ja immer Star sein wollte oder so. Oder meine Schwester. Ich nehme es ihr zwar nicht übel, wirklich nicht, aber dass auch sie sich öffentlich äußern musste, das finde ich eigentlich traurig. Aber die Methoden sind halt ziemlich gerissen. Die "Bild"-Zeitung sagt mir zum Beispiel: Wir wollen jetzt an deine Eltern ran. Aber wir können sie in Ruhe lassen, wenn du uns ein Interview gibst. Ich lass mich ganz bestimmt von denen nicht erpressen.

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