Medikamentenskandal: Contergan-Firma droht Forderung in Milliardenhöhe

Dem Pharmakonzern Grünenthal droht eine internationale Kampagne für neue Entschädigungszahlungen an Contergan-Opfer. Eine britische Opfergruppe um den Unternehmer Nicholas Dobrik will nach Informationen des SPIEGEL einen weltweiten Entschädigungsfonds "in Milliardenhöhe" erzwingen.

Hamburg - Der Fonds würde den noch schätzungsweise 4000 Menschen zugutekommen, die in den fünfziger und sechziger Jahren mit Behinderungen zur Welt gekommen waren, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft das Beruhigungsmittel eingenommen hatten.

Neuer Entschädigungsfonds? Das Archivbild vom 10. Dezember 1968 zeigt Schwimmunterricht für Contergan-Kinder in einer Sonderschule für Körperbehinderte in Lämershagen, Kreis Bielefeld
AP

Neuer Entschädigungsfonds? Das Archivbild vom 10. Dezember 1968 zeigt Schwimmunterricht für Contergan-Kinder in einer Sonderschule für Körperbehinderte in Lämershagen, Kreis Bielefeld

Für den ehemaligen Contergan-Hersteller Grünenthal ist die Forderung brisant: Dobrik war es vor zwei Jahren gelungen, mit einer scharfen Kampagne den Getränkekonzern Diageo (Baileys, Guinness, Johnnie Walker) zu höheren Zahlungen zu zwingen. Diageo ist die Nachfolgegesellschaft des britischen Contergan-Lizenznehmers. Die Opfer bekommen dort nun durchschnittlich etwa 2100 Euro pro Monat.

Dagegen erhalten die Geschädigten in Deutschland nur 121 bis 545 Euro, je nach Schwere ihrer Behinderung. "Wir sind fest entschlossen, auch Grünenthal in die Knie zu zwingen", sagt Dobrik. Grünenthal-Chef Sebastian Wirtz lehnt das Gespräch mit Dobrik bisher ab. Eine Konzernsprecherin verweist darauf, dass Grünenthal 1972 bereits 110 Millionen Mark zum deutschen Contergan-Fonds beigesteuert und daher keinerlei Verpflichtungen mehr gegenüber den Opfern habe.

Wirtz hatte zuvor angekündigt, er sei grundsätzlich zu einem Treffen mit Contergan-Geschädigten bereit. Der Rahmen müsse aber "angemessen" sein, also ohne Medien, so der 37 Jahre alte Enkel des Grünenthal-Gründers gegenüber der "Aachener Zeitung" und den "Aachener Nachrichten".

Wirtz betonte, Überlegungen zu einer weiteren finanziellen Unterstützung für die Contergan-Opfer gebe es "derzeit" nicht. Er habe "Riesenrespekt" vor den Menschen, die durch das von Grünenthal auf den Markt gebrachte Schlafmittel geschädigt wurden. "Es tut mir furchtbar leid, was ihnen passiert ist", sagte er. Die Zeit sei reif, bei diesem sensiblen Thema das auszudrücken, was man empfinde.

Stiftungsgeld reicht nicht aus

Grünenthal hatte das Schlafmittel Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid am 1. Oktober 1957 auf den Markt gebracht. Es versprach auch werdenden Müttern eine ruhige Nacht. Das lange Zeit rezeptfrei erhältliche Mittel löste einen der größten Medizinskandale der Geschichte aus. Weltweit kamen 10.000 Kinder mit zum Teil schweren Fehlbildungen zur Welt. Von bundesweit geschätzten 5000 Betroffenen leben noch etwa 2700. Grünenthal hatte sich verpflichtet, 100 Millionen Mark (heute 51,13 Millionen Euro) plus Zinsen von mehr als 10 Millionen Mark für die Opfer in eine 1971 gegründete Stiftung einzuzahlen. In diese brachte der Bund 100 Millionen Mark ein.

Bei der Gründung der Stiftung habe man nicht erkennen können, dass das Geld nicht ausreichen werde, sagte Wirtz den Zeitungen. Dies sei aber heute überdeutlich. Deshalb könne er die Klagen der Contergan-Geschädigten in diesem Punkt "sehr gut verstehen". Seine Familie und die Firma trügen keine moralische Schuld an der Tragödie, aber eine moralische Verantwortung. Grünenthal mit seinen heute rund 4800 Beschäftigten sei aber für die von Betroffenenverbänden geforderten höheren Rentenzahlungen nicht zuständig, hatte Wirtz zuvor der "Bild"-Zeitung gesagt.

In der durch einen vom WDR produzierten Zweiteiler ausgelösten Debatte über eine Entschädigung für Contergan-Opfer hatte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) Gespräche zwischen Grünenthal und Betroffenen angeregt. "Viele Spätschäden weit über die Behinderung hinaus waren bei Abschluss des Vergleichs noch nicht absehbar", sagte die Ministerin Schmidt den "Ruhr Nachrichten". Zur Frage, ob die monatlich maximal 545 Euro betragende Entschädigung nicht erhöht werden müsse, räumte sie ein: "Es besteht das Problem, dass mit dem Vergleich und der Stiftung damals die Frage der Entschädigung rechtlich abschließend geregelt worden ist."

Mit Material von dpa und ddp

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