Mega-Blackout Europa im Dunkeln, Politiker in Panik

Menschen blieben in Aufzügen und Seilbahnen stecken, Geschäfte wurden ausgeraubt, Rettungskräfte waren im Dauereinsatz - so lautet die Bilanz des Mega-Stromausfalls, der Samstagnacht weite Teile Europas betraf. Vor allem aber hat er die Frage aufgeworfen: Was, wenn so etwas an einem Wochentag passiert?


Hamburg - Die Aussage eines Sprechers des RWE-Konzern entbehrt nicht unfreiwilliger Komik: Der Stromausfall gestern Abend schätze er als "nicht ernst" ein. Tatsächlich saßen nach Pannen im deutschen Versorgungsnetz schätzungsweise rund zehn Millionen Menschen in Europa im Dunkeln. Und wer bei diesem Giga-Blackout nur die letzten Reste von "Wetten dass…" im Fernsehen verpasste, kann sich glücklich schätzen. Allein in Deutschland blieben Menschen in Aufzügen stecken, Ampeln fielen aus, Alarmanlagen und Brandmelder wurden fälschlicherweise ausgelöst und hielten die Rettungskräfte im Dauereinsatz.

In Coburg nutzten vier junge Männer die Gelegenheit, schlugen die Schaufensterscheibe eines Handy-Geschäfts ein und flüchteten mit mehreren Handys. In Köln stoppte die Seilbahn mitten über dem Rhein. Eine halbe Stunde lang mussten die rund 70 Fahrgäste im Finstern sitzen, bis sie befreit wurde. Die Kölner Polizei hatte während des Stromausfalls keine ruhige Minute. "Die Leute haben sofort die 110 gewählt und gedacht, die Polizei kann den Strom in die Häuser zurück bringen", sagte ein Sprecher heute.

Anderswo in Deutschland und Europa sah es nicht besser aus. Der Zwischenfall sorgte bei Hunderten von Zügen teils für stundenlange Verspätungen - vor allem in Berlin und Brandenburg, wie die Bahn mitteilte. Bis zu zwei Stunden mussten Fernzüge unfreiwillige Pause machen, bis sie weiterfahren konnten.

In Frankreich waren neben insgesamt 15 Regionen auch Teile von Paris kurzzeitig ohne Elektrizität, betroffen waren dort fünf Millionen Menschen. In Italien traf der Ausfall die Regionen Piemont einschließlich Turins, Ligurien einschließlich Genuas und Lecce in Pulien. In Belgien blieb vor allem die Region um Antwerpen dunkel, der Zugverkehr kam streckenweise zum Erliegen. Auch Österreich Spanien und sogar Marokko bekamen den Blackout zu spüren.

Ursachen sind noch unbekannt

Über die Ursachen des gigantischen Ausfalls wird weiter gerätselt - derzeit ist nur sicher: Der Mega-Blackout ist made in Germany. Durch Kettenreaktionen gingen nach einer oder mehreren Pannen im hiesigen Netz auch in anderen Ländern die Lichter aus. Eine der Ursachen könnte die geplante Durchfahrt des Kreuzfahrtschiffes "Norwegian Pearl" auf der Ems unter einer abgeschalteten Starkstromleitung gewesen sein, sagte ein Sprecher des Energiekonzerns E.on. "Das kann man sich wie bei einer Autobahnbaustelle vorstellen. Wenn Sie eine Straße sperren, erhöhen Sie den Verkehr auf den anderen Straßen", sagte er. Die E.on-Netz mit Sitz in Bayreuth ist eine Tochter des deutschen Energieversorgers E.on, die für die Hoch- und Höchstspannungsnetze zuständig ist. "Die Abschaltung war eine Routinemaßnahme", erläuterte Schneller. "Hier kann es möglicherweise einen Zusammenhang geben. Es erklärt den Vorgang aber nicht. Es muss noch andere Ursachen geben."

Das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium vermutet hinter dem Mega-Blackout denn auch eine Panne bei der Einspeisung von Strom aus Windkraft ins Netz.

Insgesamt muss wohl festgestellt werden: Der Blackout ging überraschend glimpflich aus. Über größere Unfälle ist bisher nichts bekannt, sogar die materiellen Schäden halten sich offenbar in Grenzen. Doch was, wenn so etwas einmal mitten an einem Wochentag passiert?

Der Stromausfall erinnert unangenehm an den gigantischen Stromausfall in den USA 2003, bei dem plötzlich 50 Millionen Menschen ohne Strom blieben. An den deutschen Versorgern war außerdem schon im vergangenen Jahr nach dem Stromausfall im Münsterland harsche Kritik geübt worden. Damals blieben die Bewohner teils tagelang im tiefsten Winter ohne Stromversorgung.

Massive Kritik an Energiekonzernen

Die Energieversorger müssen sich deshalb nun gegen massive Angriffe von Verbraucherschützern und Politikern wehren. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos forderte E.on zu einer rückhaltlosen Aufklärung des Stromausfalls auf. "Mein Ministerium wird von E.on einen Bericht über die Netzstörung erhalten. Wir werden diesen Bericht zügig analysieren, um gemeinsam mit den Unternehmen sicherzustellen, dass sich solche Vorfälle wenn irgend möglich nicht wiederholen", erklärte Glos in Berlin. Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber nannten den Ausfall ein "Alarmsignal". "Es ist ein Dialog zwischen Staat und Wirtschaft hinsichtlich möglicher Konsequenzen notwendig." Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) forderte barsch längst fällige Investitionen in die Netze.

Der italienische Ministerpräsident Romano Prodi sprach sich als Konsequenz aus dem Zwischenfall für eine europäische Energie-Aufsichtsbehörde aus: "Mein erster Eindruck ist, dass ein Widerspruch darin besteht, europäische Stromverbindungen und keine europäische Strombehörde zu haben.

ase/AP/dpa/Reuters



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