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Ehemaliger Serientäter "Mehmet": "Ich war ein gefundenes Fressen für die Politik"

Ein Interview von

Muhlis Ari: "Klar bereue ich vieles" Zur Großansicht
Hasnain Kazim

Muhlis Ari: "Klar bereue ich vieles"

Als Jugendstraftäter "Mehmet" war er berüchtigt, er stahl, prügelte, überfiel Menschen. Mit 14 Jahren schob man ihn in die Türkei ab. Er hat ein Buch geschrieben über jene Zeit, darf es in Deutschland aber nicht vorstellen. Heute zeigt Muhlis Ari Reue. Doch Schuld, sagt er, trage er nicht allein.

Ich treffe Muhlis Ari vor einem dieser modernen, gesichtslosen Einkaufszentren von Istanbul zum Gespräch. Stadtteil Beylikdüzü, ringsherum Hochhäuser für die Mittelschicht, in der Mitte ein großer Betonplatz, direkt an der Autobahn, die ins Stadtzentrum führt. Ari hat ganz in der Nähe eine kleine Wohnung. Er handelt mit Gebrauchtwagen, "hobbymäßig", wie er sagt. Außerdem organisiert er für Firmen Paintball-Events. "Ich komme ganz gut über die Runden", sagt er.

Ari, 29, hat kurze Haare, er trägt ein weißes Hemd, Jeans, neue Nike-Schuhe. Er wirkt ein wenig angespannt. Die vielen Gespräche mit Journalisten machen ihm zu schaffen, weil er seine Vergangenheit dabei "wieder und wieder emotional durchleben" müsse. "Is ned einfach", sagt er mit Münchner Akzent.

Bekannt geworden ist Ari in Deutschland als der türkische Serientäter "Mehmet", der stahl, prügelte, Leute überfiel, bedrohte und Dokumente fälschte. Mehr als 60 Straftaten gingen auf sein Konto. Ari, in München geboren, im Stadtteil Neuperlach groß geworden, wurde 1998 schließlich in das Herkunftsland seiner Eltern, in die Türkei, abgeschoben. Damals war er erst 14 Jahre alt, der Fall erregte in Deutschland großes Aufsehen.

Sieben Jahre später, 2005, kam er zurück nach Deutschland. Da soll er seine Eltern bedroht haben. Ihm wurden 100 Stunden Arbeit aufgebrummt, aber Ari fälschte die Arbeitsnachweise - und wurde zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Doch er entzog sich der Strafe und floh in die Türkei. Er hat das Land seither nicht mehr verlassen.

Jetzt hat er die Geschichte aus seiner Sicht aufgeschrieben. "Sie nannten mich Mehmet. Geschichte eines Ghettokindes" heißt das Buch, das am Dienstag erscheint. Gerne hätte er es auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt, doch wenn er deutschen Boden beträte, würde er verhaftet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ari, warum wollen Sie eigentlich immer provozieren?

Ari: Tue ich das? Wie kommen Sie darauf?

SPIEGEL ONLINE: Gleich zu Beginn Ihres Buches beschreiben Sie, wie Sie Ladendiebstahl begehen, wie Sie Geld aus einem Bus klauen oder jemandem die Nase brechen. Und das alles in einem unpassend heldenhaften Ton.

Ari: Das muss ich klarstellen: Ich bin nicht mehr der 14-jährige Mehmet, der diese schlimmen Sachen gemacht hat und auch noch stolz darauf ist. Aber ich wollte, dass der Leser mal in meine Haut schlüpft und die Geschichte durch meine Augen sieht, dass er mitbekommt, wie ich damals tickte. Ich beschönige nichts, deshalb klingt alles so brutal.

SPIEGEL ONLINE: Bereuen Sie Ihre Straftaten? Man hat, wenn man von Ihnen hört und über Sie liest, nicht den Eindruck.

Ari: Klar bereue ich vieles. Es war schrecklich, was ich getan habe. Ich muss meine Vergangenheit akzeptieren, ich streite meine Fehler überhaupt nicht ab.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem suchen Sie die Schuld immer wieder bei anderen.

Ari: Quatsch. Was ich getan habe, sehe ich heute natürlich anders als früher. Damals war es eben mein Leben. Ich war ein Kind, hatte keine ausgereifte Persönlichkeit und stand unter dem Druck meiner Freunde. Ich musste mich immer beweisen. Hinzu kommt, dass ich keine intakte Familie hatte. Es gab da eine Menge Probleme. Ich will die Schuld überhaupt nicht auf andere schieben, aber man sollte doch bitte auch sehen, dass ein 14-Jähriger nicht von alleine so wird, wie ich war. Ich war kein Monster, als das ich immer dargestellt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie, weshalb Sie zum Monster gemacht wurden?

Ari: Ich war ein gefundenes Fressen für die Politiker in Bayern. 1998 waren Wahlen, und ich war ein ganz großes Wahlkampfthema. Innenminister Günther Beckstein hatte es sich zum Ziel gemacht, mich öffentlichkeitswirksam abzuschieben. Die CSU hat dann die absolute Mehrheit geholt, obwohl zwei Wochen später bei der Bundestagswahl die SPD gewann und Gerhard Schröder Bundeskanzler wurde. Dabei war ich überhaupt kein Einzelfall, wie immer getan wurde. Es gab und gibt Tausende Jugendliche wie mich, leider.

SPIEGEL ONLINE: Also doch: Muhlis Ari, das Opfer.

Ari: Nein. Aber wenn ein Kind so wird, wie ich es war, gehören mehr dazu als nur das Kind, oder?

SPIEGEL ONLINE: Machen Sie Ihren Eltern Vorwürfe, weil die Sie nicht erzogen haben?

Ari: Die Art und Weise, wie ich zu Hause behandelt wurde, war der Grund, weshalb mir meine Freunde immer wichtiger wurden. Ich sollte gefälligst keine Schwierigkeiten machen und ansonsten still sein. Wenn ich Ärger machte, setzte es Schläge. Liebe und Zuneigung bekam ich nicht. Anerkennung erhielt ich von meinen Freunden, wenn ich mal wieder jemandem zeigte, wo es lang geht. Meine Eltern kommen aus sehr einfachen Verhältnissen. Ich weiß aber auch, dass ihnen heute vieles leidtut. Sie leiden bis heute unter der ganzen Geschichte, meine Mutter nimmt Tabletten gegen Depressionen.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Ihre Eltern eigentlich dazu, dass Sie Ihre Familiengeschichte öffentlich machen?

Ari: Die finden das gut, dass ich die Chance bekomme, mal meine Sicht darzustellen. Aber sie haben das Buch nicht gelesen.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Ari: Meine Eltern sprechen kaum Deutsch. Das ist der größte Fehler überhaupt. Wenn man in einem Land lebt, sollte man die dortige Sprache beherrschen. Ich glaube, vieles wäre anders gelaufen in meinem Leben, hätten meine Eltern richtig Deutsch gelernt. So haben sie den Kontakt zu mir verloren.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie sprechen doch auch Türkisch?

Ari: Heute besser als früher. Was ich sagen will: Wir haben uns in der Schule lustig gemacht über Leute, die fehlerhaft oder mit Akzent gesprochen haben. Und zu Hause sitzt mein Vater und spricht seltsames Deutsch. Wie sollte ich den als Kind ernst nehmen? Wenn meine Mutter wegen mir in die Schule kam, musste ich übersetzen, was der Lehrer sagte. Natürlich habe ich nur übersetzt, was meine Mutter erfahren sollte. Eine meiner wichtigsten Botschaften ist: Leute, lernt die Sprache!

SPIEGEL ONLINE: Ihr ehemaliger Schulrektor hat schlechte Erinnerungen an Sie. Er warnte gegenüber Journalisten, Sie wieder einreisen zu lassen, weil Sie so gewalttätig seien.

Ari: Der kennt mich doch überhaupt nicht. (Er kramt sein Handy aus seiner Jackentasche hervor und zeigt eine E-Mail seiner Grundschullehrerin. Sie schreibt: "Kannst du dich noch an mich erinnern? Ich war deine Lehrerin in der ersten und zweiten Klasse. Du warst ein niedlicher kleiner Kerl! Ich habe noch ein kleines Foto von dir damals.") Solche Mails bekomme ich auch. Aber davon will niemand wissen, weil das nicht zum bösen Mehmet passt.

SPIEGEL ONLINE: Der "böse Mehmet" lässt sich aber gut verkaufen.

Ari: Wer denkt, ich würde das nur machen, um reich zu werden, hört mir nicht richtig zu oder will mich nicht verstehen. Ich hab früher schon Angebote gekriegt, Bücher zu schreiben oder interviewt zu werden. Hab ich alles abgelehnt. Ich habe aber mit vielen Politikern und studierten Leuten geredet, und irgendwann ist mir klar geworden, dass ich vieles richtigstellen oder wenigstens aus meiner Sicht erzählen muss.

SPIEGEL ONLINE: Muhlis Ari, der zum Vorbild gewandelte Mustermigrant mit vielen Botschaften an die Jugend von heute?

Ari: (lacht) Na ja, ich überlege, einen Verein zu gründen. "Gewaltig gegen Gewalt" soll der heißen, um Jugendlichen, wie ich es mal war, zu helfen. Diese Leute vom Jugendamt haben sicher einen guten Job gemacht, aber das waren halt diese typischen Sozialpädagogen, die keine Ahnung hatten, wie es bei mir zu Hause abgeht.

SPIEGEL ONLINE: Kürzlich haben Sie Ihren Erzfeind Beckstein in Istanbul getroffen, von der "Bild"-Zeitung arrangiert. Der sieht es als sein Verdienst, dass Sie jetzt offensichtlich ein Leben ohne Kriminalität führen.

Ari: Ich fand's toll, dass der sich mit mir getroffen hat. Endlich hatte ich die Möglichkeit, ihm ins Gesicht zu sagen, dass er schon ein Stück weit mein Leben zerstört hat. Hier in der Türkei wurde ich von der Polizei gefoltert. Er hat mir zugehört. Natürlich hat er nicht gezeigt, dass ihn das berührt hat, aber ich hab's in seinen Augen gesehen. Mich hat gefreut, dass er etwas Nettes über mich gesagt hat, nämlich, dass er gut findet, wie ich mich entwickelt habe und dass man mir jetzt eine Chance geben sollte.

SPIEGEL ONLINE: Sie reisen nicht nach Deutschland, weil Sie verhaftet werden würden bei Ihrer Ankunft. Warum übernehmen Sie nicht die Verantwortung und stehen die 18 Monate Gefängnis durch?

Ari: Er schweigt lange. Dann schüttelt er den Kopf. Nein, auf keinen Fall. Warum? Auch noch für etwas, das ich nicht getan habe? Nur damit die Öffentlichkeit sieht, dass die starke Politik den kriminellen Ausländer bestraft? Ich habe meinen Eltern keine Gewalt angetan. Das sagen sie selbst.

SPIEGEL ONLINE: Also hoffen Sie darauf, dass die Sache verjährt. Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Ari: Ich bin genauso Deutscher wie Türke. An die Türkei habe ich mich zwangsweise gewöhnt, nach meiner Abschiebung 1998. Ich hab hier sogar meinen Wehrdienst abgeleistet. In zehn Jahren würde ich gerne eine Familie haben, ein kleines Haus, finanziell unabhängig sein.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland?

Ari: Schwer zu sagen. Ich würde schon gerne wieder nach Deutschland, aber das dürfte schwierig werden. Die Behörden hätten immer ein Auge auf mich. Ich bleibe für viele immer "Mehmet".

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