Elterncouch

Elterncouch Mein Testosteron-Sohn

Arnold Schwarzenegger als "Conan, der Barbar"
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Arnold Schwarzenegger als "Conan, der Barbar"


Der kleine Oliver ist fast vier Jahre alt, er drückt Liegestütze ohne Ende und will Mama heiraten: Woher kommt der plötzliche Eroberungswille meines Sohnes?

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Das Schwert in meiner rechten Hand habe ich drohend erhoben, ich fletsche die Zähne, eine Pistole steckt in meinem Bademantelgürtel, und um die Schulter trage ich einen Bogen. Die Pfeile hatte ich damals, es ist jetzt etwa 33 Jahre her, längst verloren, aber als ich für das Foto auf der Treppe im Garten posierte, kam es mir ohnehin eher auf den Gesamteindruck an: Seht mich an! Ich könnte die ganze Welt unterwerfen! Mit einem Plastikschwert und einem Bogen ohne Pfeile. Vor allem aber: mit dem bloßen Selbstvertrauen eines Vierjährigen.

Zur gleichen Zeit dachte ich auch, wenn ich nur schnell genug rennen würde, könnte ich fliegen. Mit derlei Eroberungsfantasien war ich in dem Alter nicht allein: Etwa um die Zeit des vierten Geburtstages werden sehr viele Jungen zu Machos in kurzen Hosen.

Alles, was nicht gerade aus Plüsch und rosa ist, wird zum Kämpfen benutzt, und kein Gegner ist größer als das eigene Ego. Klingt in etwa wie ein Fernpsychogramm des US-Präsidenten Donald Trump. Mit dem Unterschied, dass Vierjährige eher selten über Atomwaffen-Abschusscodes verfügen. Zum Glück: "Was? Nur eine Kugel Vanilleeis zum Nachtisch?" Klick.

Bei Oliver, meinem inzwischen fast vierjährigen Sohn, führt die Trump-Phase in seiner kindlichen Entwicklung zu drei Verhaltensausprägungen:

  • Body Building: Ohne Arnold Schwarzenegger in seiner Paraderolle als "Conan, der Barbar" zu kennen, eifert Oliver ihm offenbar nach. Früher hat er sich auf meinen Rücken gesetzt, wenn er mich morgens bei Liegestützen erwischte, heute macht er mit. Und hält länger durch. Kommt ihm sein älterer Bruder Frederik in die Hände, stemmt er ihn in fester Umklammerung hoch, was er natürlich auch bei mir und meiner Frau Jana versucht. Seine Ernährung hat er angepasst: Proteinreiche Kost auf Fleischbasis steht hoch im Kurs, mit Brokkoli oder Paprika müssen wir ihm nicht mehr kommen.
  • The Voice of Kinderzimmer: Oliver singt jetzt. Noch mehr als früher. Am liebsten einschlägige Titel der Kinderrockband Radau oder martialische Texte von Rolf Zuckowski: "Ich bin sauer, schlicht und einfach sauer, und ich weiß nicht, wo das hinführt auf die Dauer!" Oder in leichter Abwandlung des Disney-Eiskönigin-Gassenhauers: "Lass jetzt los, lass jetzt los, die Kraft in mir ist grenzenlos!" Dabei schlägt er mit einem Stock auf den Spielzeugwerkzeugkasten und lässt das Mini-Keyboard dudeln. Was für eine Show.
  • Mr Lover Lover: Oliver will jetzt bald heiraten. Und zwar meine Frau. Vor der direkten Auseinandersetzung habe ich ein bisschen Angst, siehe Punkt 1.

Woher dieser plötzliche Wesenswandel? Hat er das aus der Kita? Ist es eine Glutenunverträglichkeit (erklärt ja heutzutage praktisch alles)? Oder Mumps? In Internetforen kursiert eine andere These: Es ist das Testosteron. Vierjährige hätten davon so viel im Blut wie nie wieder in ihrem Leben. Also ist Oliver schlicht umnebelt vom frühen Schub des Männlichkeitshormons, das in der Pubertät zu Bartwuchs, Stimmbruch und Draufgängertum führt?

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Die Theorie klingt großartig und würde viele meiner Beobachtungen hervorragend erklären. Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass sie nicht wahr ist: Der Kollege Christoph Drösser, der in seiner "Zeit"-Kolumne "Stimmt's?" Alltagsmythen auf den Grund geht, hat sich mithilfe von Fachmedizinern auch den Testosteronspiegel von Vierjährigen vorgenommen. Bis zum zehnten Geburtstag haben Mädchen und Jungen einen ähnlich hohen Wert. Oder ähnlich niedrig, denn im Blut findet sich praktisch nichts. Erst dann wird es langsam mehr mit dem Männlichkeitshormon, bald fängt das mit der Pubertät ja dann auch an.

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Das Testosteron scheidet als Ursache für Olivers Sturm und Drang also aus. Drösser schlägt als Erklärung stattdessen das neue bewusste Rollenbild durch Kita und Spielkameraden vor: Mädchen kommen in die Puppenphase, Jungs werden Draufgänger. Mit fünf, heißt es, klingen die Kraftprotz-Symptome dann wieder ab. Und aus den Mini-Machos werden wieder sensible, empathische Wesen, die auch mit Mädchen spielen.

Oder sie bleiben, wie sie sind, werden Immobilienmogul und später US-Präsident. "Was? Nur eine Kugel Vanilleeis zum Nachtisch?"

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Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (4) und Oliver (1 1/2)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

    Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

    Jonas Ratz eine E-Mail schreiben.



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3 Leserkommentare
VvJ_Shogun 08.07.2017
nimue15 08.07.2017
Sentimenta 10.07.2017

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