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13. Mai 2012, 23:30 Uhr

BVB-Feier in Dortmund

"Es gibt keine besseren Fans auf der Welt"

Aus Dortmund berichtet Felix Meininghaus

Dortmund feiert seine Pokalhelden. Nach dem Triumph über die Bayern regiert Schwarz-Gelb die Stadt. Die BVB-Spieler genießen es - auch wenn ihnen die Folgen der vorangegangenen Siegesfeier noch deutlich anzusehen sind.

Was für ein unglaubliches Wochenende: Am Samstag das Pokalfinale in Berlin und die Geburtstagsfeier, am Sonntag dann übergangslos die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, Muttertag, die Erstkommunion von Tochter Janis und als Krönung dann am Abend der schwarz-gelbe Autokorso durch die Stadt Dortmund. "Was ich an zwei Tagen erlebe, das packen Andere in drei Monaten", sagt der Duke.

Eigentlich wurde dieser Mann als Marcus Sauk geboren und getauft, doch seit er als Sänger der Rock'n Roll Band "Klitkorea" das Ruhrgebiet unsicher macht, hat er sich seinen Künstlernamen zugelegt und sogar in den Personalausweis eintragen lassen. "Während der Kommunion dürfen mich die Leute als Marcus ansprechen", sagt er am Sonntag mit schon arg rauer Stimme, "aber danach bin ich wieder der Duke".

Nicht nur der Duke war in den vergangenen Tagen im Dauereinsatz, die gesamte Stadt befand sich im Ausnahmezustand. 103 Jahre gibt es den Traditionsklub Borussia nun schon, er hat in dieser Zeit acht Meisterschaften gewonnen und im Jahre 1997 sogar die Champions League sowie den Weltpokal.

Trainer Klopp: "Das ist was fürs Leben"

Aber das Double aus Meisterschaft und Pokal hat der BVB dieser Fußballstadt und den Tausenden Fans noch nie geschenkt. Nun ist es also so weit, es scheint kein Limit zu geben für Jürgen Klopp und seine Himmelsstürmer, die in der Bundesliga eine Rekordsaison hinlegten und als Krönung noch den 5:2-Triumph gegen Bayern München beim Pokalfinale in Berlin folgen ließen.

"Was hier passiert, ist definitiv nicht in Worte zu fassen", sagte Klopp, als der finale Akt gelungen war: "Wir arbeiten gerade daran, das zu verarbeiten. Das ist was fürs Leben, wir haben also noch ein bisschen Zeit, alles zu begreifen." Dortmunds Trainer wirkte frisch, "obwohl ich erst um sechs im Bett war, ist alles gut." An das bunte Treiben zum Saisonende könnte sich der Trainer glatt gewöhnen: "Wir üben weiter, in drei, vier Jahren können wir das dann richtig gut."

Torhüter Roman Weidenfeller, der im Finale verletzt ausgewechselt werden musste, sagte, er spüre keine Schmerzen mehr, "so beflügelt bin ich. Außerdem habe ich eine innere Hopfenanwendung bekommen, das hat geholfen. Das Bier floss in Strömen." Der mitreißende japanische Virtuose Shinji Kagawa, der den BVB mutmaßlich Richtung England verlassen wird, formulierte angesichts der Massen eine Liebeserklärung: "Diese Menschen sind wirklich überwältigend, das kann man nicht beschreiben. Es gibt keine besseren Fans auf der Welt, sie sind einfach weltklasse."

Dortmund lebt und atmet seine Borussia

Als der Korso um 19.15 Uhr den Borsigplatz und damit die Wiege der Borussia erreichte, steht die Menge bereit. Unglaublich, dieser Trubel, es sind wunderbare Bilder, die die bierseligen Spieler auf offenen Wagen genießen. In den Platanen am Borsigplatz sitzen Dutzende, um den besten Blick auf die Mannschaft zu haben. Das Hinweisschild: "Das Besteigen der Bäume ist verboten" hätten sich die Ordnungshüter getrost sparen können.

Dortmund lebt und atmet seine Borussia. Die Farben Schwarz-Gelb sind so angesagt wie nie. Die Feierlichkeiten begannen bereits am Samstag nach dem Abpfiff auf dem Rasen und setzten sich nachts im Berliner E-Werk nahe des Potsdamer Platzes fort. Dort wurden die Helden von Hunderten geladenen Gästen frenetisch gefeiert, dazu gab es Schampus, Fassbier und kleine Häppchen.

Die schwarz-gelbe Nacht war lang, die Erholungsphase kurz. Die Spieler ließen es krachen, "wir haben Geschichte geschrieben", sagt Kapitän Sebastian Kehl, der die Spuren der Party mit einer Sonnenbrille verdeckt: "Und gestern Nacht haben die Jungs viele Geschichten geschrieben."

Mittags flog die Mannschaft zurück nach Dortmund, nach der Landung hielt der Flugkapitän eine Meisterschale aus Pappe aus dem Fenster. Um 18.09 Uhr startete der Meisterkorso, die Uhrzeit war sorgsam gewählt, in der größten Stadt des Ruhrgebiets wollten sie sicherstellen, dass die Bürger bis zur Schließung der Wahllokale ihre politischen Hausaufgaben erledigen, bevor auf den Straßen die Post abgeht.

Schwierig war es dennoch, den Fokus in dieser fußballverrückten Stadt auf das zweite wichtige Ereignis des Tages zu legen. Von 2800 Wahlhelfern sagten 900 ab, als feststand, dass an diesem Sonntag auch die Meisterfeier stattfinden würde. Geschätzte 250.000 Menschen waren unterwegs und feierten eine riesige Party.

Mittendrin war der Duke, der sich nach dem Ende der Kommunionsfeier seiner Tochter auf den Weg gemacht hatte, um seiner zweiten großen Liebe zu huldigen. Wie so viele tauchte auch er in die schwarz-gelbe Glückseligkeit ein. "Ich gehe jetzt noch ein bisschen auf Tour", sagt der Duke, bevor er die Straßen von Dortmund weiter unsicher macht: "Schlafen kann ich, wenn ich tot bin."

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